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Freestyle-Ski-WM:Kleine Sprünge

Der Ebersberger Julius Garbe ist einer von vier deutschen Startern bei der Freestyle-WM auf der Buckelpiste. Seine Eltern investieren mehrere Monatsgehälter für Flüge und Unterkünfte. Der DSV zahlt seit dieser Saison nicht einmal mehr den Trainer

Von Korbinian Eisenberger

Die Tasche ist gepackt. Rückenprotektor, Skikleidung, Helm. Ins Seitenfach hat Julius Garbe seinen Laptop gesteckt. Am nächsten Tag soll es für den Studenten und seine Teamkollegen losgehen. Mit den eigenen Autos, in Fahrgemeinschaften, auf eigene Kosten. Die Fahrt endet am Kreischberg in der Steiermark. Dort startet Garbe an diesem Sonntag in die Freestyle-Weltmeisterschaft. Der Ebersberger wird dann mit dem Ziel an den Start gehen, den Einzug ins Hauptfeld der besten 16 zu schaffen: Das Finale im Einzel - der Höhepunkt einer Buckelpisten-Saison, die sich der 22-jährige Student eigentlich gar nicht leisten kann.

Garbe, der für den WSV Glonn startet, ist einer jener deutschen Athleten, die sich am Wochenende mit den besten Buckelpistenfahrern der Welt messen. Realistische Medaillenchancen dürften seine drei Teamkollegen in der Männer-Konkurrenz freilich nicht haben, ähnlich ist es beim Buckelpisten-Trio der Frauen. Garbe selbst gibt sich zurückhaltend. "Mein Ziel ist es, erst mal die Qualifikation zu überstehen", sagt er. "Dass Julius unter die besten 16 kommt, traue ich ihm auf jeden Fall zu", sagt Teamtrainer Harald Marbler. Skitechnisch werde er immer besser, sagt Marbler. "Seine Stärke ist aber vor allem das Springen" - durchaus ein Vorteil in einer Sportart, wo die Athleten ihre Körper in fünf Metern Höhe durch die Luft wirbeln und um die eigene Achse drehen.

Ski Freestyle

Luftnummer: Die Sprünge, im Fachjargon Aerials, zählen zu den größten Stärken von Julius Garbe (hier beim Training in Kaprun).

(Foto: Florian Schöllhorn/oh)

Im Buckelpisten-Einzel am Sonntag erwartet Garbe und Co. ein etwa 200 Meter langer Steilhang, gespickt mit künstlich geformten Schneebuckeln. Beim Durchfahren sollen die Fahrer möglichst schnell und dabei stets elegant vorgehen. Auf den beiden Schanzen innerhalb der Strecke kommt es dann eher darauf an, nach einem akrobatischen Sprung möglichst souverän - aber vor allem sturzfrei - in die Spur zurückzufinden. Die besten 16 Punktesammler des Vormittags qualifizieren sich für den ersten Finallauf am Sonntagnachmittag. Jener Lauf, von dem Garbe sagt, dass allein die Teilnahme schon ein Erfolg wäre. Die Hoffnungen darauf, den dritten und letzten Lauf der besten Sechs zu erreichen, halten sich bei Garbe und dem deutschen Team erwartungsgemäß in Grenzen. Im sogenannten "Superfinal" dürften sich eher Männer wie der frisch gekürte Weltmeister der Freestyle-Spezialspringer, Qi Guangpu (China), und der aktuelle Weltmeister Mikaël Kingsbury duellieren. Der Kanadier Kingsbury sei für ihn eine Art Vorbild, sagt Garbe. Mit 22 ist der Silbermedaillengewinner von Sotschi genau so alt wie Garbe. Die sportlichen Bedingungen beider Athleten könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein.

Am Abend vor der Abfahrt nach Österreich sitzt Julius Garbe in Jeans und T-Shirt an seinem Schreibtisch. Ein schickes Einfamilien-Holzhaus am Stadtrand von Ebersberg. Helle Designermöbel, große Räume, warmes Licht. Vom Haus seiner Eltern aus reist Garbe ganzjährig zu Trainings und Wettkämpfen. Bezahlt werden die Flug- und Hotelrechnungen aus der Familienkasse. "Ohne meine Eltern", sagt Garbe, "wäre das alles gar nicht möglich."

Der Deutsche Skiverband (DSV) zahlt den Buckelpistenfahrern seit dieser Saison keine Fördergelder mehr. Lediglich Kleidung, Helm und Sportschuhe übernehme der DSV noch, sagt Garbe. Flüge zu den Wettkämpfen, die Übernachtungen und sogar das Gehalt des neuen Trainers Harald Marbler finanzieren die Athleten seit diesem Winter eigenverantwortlich. Zwangsläufig müsse er auf manche Reise verzichten, wie etwa zum Weltcup Ende Februar im japanischen Tazawako. "Das würde uns wegen eines einzigen Wettkampfs ein paar tausend Euro kosten", sagt sein Vater Matthias Garbe. Er und seine Frau, beides Architekten, hätten seit jeher vierstellige Beträge in den Sport ihres Sohns investiert. "Das ist ja auch in anderen Wintersportarten Standard", sagt Matthias Garbe. Jetzt, für die erste Saison ohne DSV-Geld, sagt Matthias Garbe, hätten er und seine Frau gut und gerne 20 000 Euro in die Hand genommen.

Porträt Julius Garbe Skitalent

Julius Garbe.

(Foto: privat)

Der Skiverband gibt für den Schritt vor allem wirtschaftliche Gründe an. "Derzeit besteht für den DSV keine Möglichkeit, die Disziplin weiterhin ohne Zuwendungen der öffentlichen Hand und damit ausschließlich über Eigenmittel zu finanzieren", heißt es in einer Pressemitteilung. Demnach sei lediglich noch eine punktuelle DSV-Förderung einzelner Athleten möglich - unter Umständen.

"Alles andere als optimal" sei das, sagt Coach Marbler, der das Team vor der Saison übernahm. Das gemeinsame Problem habe die Mannschaft zwar zusammengeschweißt, sagt er. "Die Frage ist aber, wie lange sich diese finanzielle Belastung durchhalten lässt."

Nach der WM muss Garbe in seinem Wirtschaftsingenieurs-Studium Prüfungen schreiben. Am heimischen Schreibtisch hat er bereits einen Stift gezückt und lässt ihn zwischen den Fingern um die eigenen Achse gleiten. So sehe sein Lieblingssprung aus, sagt er. "Vielleicht ändert sich an der Finanzierung was, wenn wir erfolgreicher werden", sagt er. Dann steckt er sein Physikbuch in die Sporttasche.

© SZ vom 17.01.2015
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