Frauenfußball Stolz und Vorurteil

Manchmal gibt es abfällige Sprüche, auch für die Fußballerinnen des TSV Gilching. Aber die Akzeptanz wächst - und die Erfolge auch.

(Foto: Jens Kochitzki / oh)

Mädchen und Frauen müssen im Fußball immer noch um Anerkennung kämpfen. Einige Beispiele aus der Region zeigen, was sich zum Positiven verändert hat - und wo es noch immer hakt.

Von Anna-Lena Siebert

Kylian Mbappé schaut fassungslos zur Bühne. Neben ihm wirkt Luka Modric, der neue Weltfußballer, ebenso peinlich berührt. Applaus bleibt aus. Soeben hat Ada Hegerberg als erste Frau überhaupt den Ballon d'Or überreicht bekommen, die bedeutendste Auszeichnung der Branche. Doch das war es nicht, was die versammelte Fußball-Elite zum Erstaunen brachte - sondern der Moderator. Denn er war es, der die Norwegerin nach ihrem historischen Gewinn als erstes zu ihren Twerking-Fähigkeiten befragte. Anders ausgedrückt: Er wollte wissen, wie gut sie mit dem Hintern wackeln könne.

Was Anfang Dezember ein bedeutsamer Abend für den Frauenfußball werden sollte, schockierte viele und endete in einer großen Debatte über das Ansehen von Frauen in der Sportart. Dass es sich keinesfalls um einen Einzelfall handelte, war dabei allen bewusst. Und das gilt nicht nur für die international viel beachteten Topligen: Es reicht ein Blick in den heimischen Amateursport, um festzustellen, dass der Frauenfußball zum Teil noch immer hart um seinen Ruf und seine Anerkennung kämpfen muss.

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"Teilweise werden die Frauen extrem benachteiligt", sagt Gilchings Trainer Zechner

Einer, der das Problem genau kennt, ist Kai Scholl. Jeden Mittwoch steht er je nach Jahreszeit auf dem Sportplatz oder in der Turnhalle und trainiert die Mädchen der E- und F-Jugend beim SV Lochhausen. Heute stehen Übungen mit dem Ball auf dem Programm: "So könnt ihr bessere Pässe spielen und den Gegner austricksen", ruft er den Spielerinnen zu, die sich sofort alle einen Ball schnappen und loskicken.

Er beobachtet die Mädchen sehr genau, lobt sie und hilft ihnen, besser zu werden. Seit drei Jahren ist Scholl nun schon ehrenamtlicher Trainer. Die Bilanz ist durchaus positiv: Kamen vor einigen Jahren nur drei oder vier Mädchen zum Training, sind es heute mehr als 20. Die Unterstützung im Verein ist gut, doch nach außen muss er immer wieder um Akzeptanz kämpfen. Von seinen Fußball-Kumpels kämen oft Sprüche wie: "Spielt ihr dann mit einem rosa Ball? Und ist der auch leicht genug für die Mädels?" Viele seien über seine Tätigkeit sehr erstaunt. "Da frage ich mich manchmal, ob die immer noch glauben, dass Frauenfußball verboten ist", sagt Scholl und lacht.

Außerdem komme es vor, dass Eltern ihren Töchtern mit dem altbekannten Satz "Das ist nichts für Mädchen!" den Spaß am Fußballspielen ausreden wollen. Dass einige Mädchen sich dem widersetzen und trotz fieser Sprüche von Klassenkameraden weiterhin zum Training kommen, freut Scholl besonders. Wo er Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungenfußball sieht? "Bei den Jungen wird immer gleich der nächste Messi gesucht, bei den Mädchen sind alle entspannter." Außerdem sei das Spiel fairer und kommunikativer. Dennoch, das merkt auch Scholl, findet der Mädchen- und Frauenfußball in allen Bereichen deutlich weniger Beachtung.

„Klar gibt es hier und da ein Augenzwinkern“: Schon mit 14 hat Marina Bachmann (hier bei einem Zweitligaspiel in Frankfurt) mit der Schiedsrichterei begonnen. Für viele Fans ist es immer noch erstaunlich, Frauen an der Pfeife zu sehen, für Spieler ist es bereits ziemlich normal.

(Foto: Oliver Zimmermann/imago)

Dass Akzeptanz und Anerkennung nicht unbedingt wachsen, wenn die Spielerinnen älter und die Erfolge größer werden, weiß Markus Zechner. Er ist Trainer der Frauenmannschaft beim TSV Gilching-Argelsried. Sein Team feierte vor wenigen Wochen den Sieg bei der bayerischen Hallenmeisterschaft und damit den größten Erfolg der Vereinsgeschichte im Frauenfußball. "Das war sensationell, wir hätten niemals damit gerechnet, überhaupt ins Finale zu kommen", sagt Zechner. Trotz des außergewöhnlichen Erfolges war der Trainer enttäuscht von der geringen Unterstützung: "Wir wollten alle gemeinsam im Bus mit den Fans zu dem Spiel fahren, die Idee kam aber leider nicht so gut an."

Grundsätzlich könne er sich jedoch nicht beklagen, als Jugendtrainer bei anderen Vereinen habe er schon deutlich schlechtere Erfahrungen gemacht: "Teilweise werden die Frauenteams extrem benachteiligt und müssen wesentlich härter kämpfen, zum Beispiel für gute Trainingszeiten." Damit, dass das Männerteam das Aushängeschild seines Vereins ist, habe er sich abgefunden. Man müsse sich eben unterordnen. Insgesamt fühle er sich im Verein zwar nicht vernachlässigt, doch genau wie Scholl muss Zechner sich häufig herablassende Sprüche von Bekannten oder Trainerkollegen von Männermannschaften anhören. Viele belächeln seine Tätigkeit als Frauentrainer, Sätze wie "die können doch eh nicht richtig Fußball spielen" hat er schon häufig gehört. "Ganz ehrlich", sagt Zechner, "früher habe ich auch ein bisschen so gedacht. Aber sobald man sich mehr damit beschäftigt, wird klar, dass das Schwachsinn ist."

Doch nicht nur der Frauenfußball ringt kontinuierlich um seine Anerkennung. Gleiches gilt für Frauen, die sich im Männerfußball behaupten wollen - ob als Trainerinnen, Schiedsrichterinnen oder Vereinsverantwortliche. Letztere sind laut Sabine Bucher, der Vorsitzenden des Frauen- und Mädchenausschusses des Bayerischen Fußball-Verbandes, extrem selten. "Ich sehe da ein gesellschaftliches Problem, Fußball gilt nach wie vor als männlich. Frauen in der Branche müssen daher immer mehr als 100 Prozent geben und werden noch kritischer beäugt als Männer", sagt Bucher. Außerdem, so vermutet sie, hätten viele Frauen nicht den Mut, sich in dieser "Männerwelt" zu beweisen.

Der Zuschauerzuspruch stagniert allerdings in der Bundesliga. Im Schnitt kommen kaum 1000 Fans

Doch es gibt Gegenbeispiele: Im Trainerbereich erregt derzeit Imke Wübbenhorst Aufsehen, die beim BV Cloppenburg als erste Frau überhaupt ein Team aus der Oberliga coacht. Das hohe mediale Interesse zeigt, wie außergewöhnlich und selten der Fall ist - eine Trainerin im Männerbereich ist noch immer eine Sensation. Etwas mehr Offenheit gilt mittlerweile Schiedsrichterinnen, was im großen Maße mit den Erfolgen von Bibiana Steinhaus zusammenhängt. Seit 2017 pfeift sie als erste weibliche Unparteiische in der Männer-Bundesliga. Mit guten Leistungen konnte sie die anfänglichen Diskussionen schnell im Keim ersticken.

Dennoch entscheiden sich nur sehr wenige Frauen, Schiedsrichterin zu werden. Eine, die diesen Schritt bereits mit 14 Jahren gewagt hat, ist Marina Bachmann. Mit nur einem anderen Mädchen unter etwa 20 Jungen trat die Münchnerin damals den Lehrgang an. Den Grund für die männliche Dominanz sieht sie in einem allgemeinen Frauenmangel im Fußball: "Die meisten Schiedsrichter, männlich wie weiblich, haben vorher selbst gekickt. Da weniger Frauen Fußball spielen, werden wohl auch weniger Schiedsrichterin." Außerdem gelte Fußball für den Großteil der Gesellschaft nach wie vor als Männersport. Sprüche von Fans wie "Frauen gehören hinter den Herd" gehören auch in ihrem Job dazu, lassen sie aber eher kalt - und werden ohnehin immer seltener.

Grundsätzlich leiten zwar alle Schiedsrichterinnen auch Männerspiele, doch weil sie so stark in der Unterzahl sind, sei es für manche Fußballfans noch immer erstaunlich, eine Frau an der Pfeife zu sehen. Auf dem Platz mache es für Bachmann keinen Unterschied, ob sie Männer- oder Frauenspiele pfeift. Und auch für die Fußballer spiele es keine Rolle, wenn ihre Partie von einer Frau geleitet wird: "Die Männer behandeln mich nicht anders als die Frauen. Klar gibt es hier und da ein Augenzwinkern, aber der Umgangston ist gleich", sagt die 24-Jährige.

Bachmann, Steinhaus, Wübbenhorst - sie alle zeigen, dass immer mehr Frauen in der männerdominierten Fußballwelt ihren Platz finden, auch wenn es sich häufig nur um Einzelfälle handelt. Und die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft im vergangenen Jahrzehnt haben den Frauenfußball attraktiver und beliebter gemacht. Dennoch: Zu Spielen der Frauen-Bundesliga kommen durchschnittlich nicht einmal 1000 Zuschauer. Zum Vergleich: Bei den Männern gehen die wenigsten Menschen in Freiburg ins Stadion - dort sind es im Schnitt 23 858.

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