Süddeutsche Zeitung

Felix Neureuther:"Der Sport bietet eine Schule fürs Leben"

Felix Neureuther ist Ex-Skiprofi, Vater und Pate der SZ-Talentiade. Ein Gespräch über Spaß an der Qual, sein Karriere-Ende - und das Dschungelcamp.

Interview von Ralf Tögel

SZ: Eine lange Karriere ist zu Ende gegangen, zuletzt mussten Sie viel einstecken. Wie geht es Knie, Rücken und Kopf?

Felix Neureuther: Das Knie braucht noch Erholung, der Rücken auch. Dem Kopf geht es eigentlich sehr gut, er ist ein bisschen müde, denn ich hatte noch keinerlei Ruhephase - ich könnte Urlaub vertragen.

Wie finden Sie Hansi Hinterseer?

Weltklasse! (lacht) Ich weiß schon, was jetzt kommt.

Ist die Schlagersänger-Karriere gebongt?

Nein, diese Aktion (gemeinsam mit Antenne Bayern veröffentlichte Neureuther zum 1. April ein Musikvideo als volkstümlicher Schnulzensänger mit dem Titel "Weiterziehn", Anm. d. Red.), das war eine einmalige Geschichte. Es ist schon Wahnsinn, wie das eingeschlagen hat. Meine Hauptpassion ist nicht unbedingt, Schlagersänger zu werden. Aber es war schon sehr witzig und hat wirklich Spaß gemacht.

Es war auch gar nicht so schlecht.

Ich war erstaunt, was heutzutage mit der Technik aus meiner Stimme rauszuholen war. Deshalb sehe ich die Musikbranche jetzt in einem komplett anderen Licht.

Es gibt ja noch ein paar andere Formate für Leistungssportler im Ruhestand. Sieht man Sie bald bei "Let's Dance"?

Nein, sicher nicht.

Wie wär's mit "Ewige Helden", der Spielshow für ehemalige Profisportler?

Kann ich mir auch nicht vorstellen.

Im Dschungelcamp vielleicht?

Oh ja, auf alle Fälle, das ist genau, wofür ich stehe. Ein sehr gutes Bildungsformat für den Nachwuchs. Ich setze mich ja auch für Kinder ein, dass sie rausgehen in die Natur, sich bewegen, gleichzeitig auch was für den Kopf machen. Da ist das Dschungelcamp ein wahnsinnig gutes Vorbild, da würde ich sogar umsonst mitmachen.

Sie belieben zu scherzen?

Das haben Sie gut erkannt.

Es gab aber schon einen Neureuther im Showbiz. Ihr Papa war Jury-Mitglied bei "Dalli Dalli".

Puh, da muss man der Typ dafür sein. Ob ich das bin? Man muss das ja auch lernen, man kann ja nicht mit dem Sport aufhören und sofort woanders Fuß fassen - außer der Papa natürlich. Das Metier Fernsehen ist schnelllebig und nicht ohne. Ich muss aber schon schauen, dass ich mich und die Familie so aufstelle, dass das die nächsten 40 Jahre passt. Aber, mal schauen.

TV-Experte wäre doch naheliegend?

Für Fußball?

Vielleicht lieber Skifahren?

Stimmt, ich war ja mal Skirennfahrer.

Zur Abwechslung mal im Ernst, gab es schon Angebote?

Die nächste Saison steht ja noch nicht an, aber in die Richtung könnte es gehen.

Also gibt es bereits konkrete Überlegungen zur beruflichen Zukunft?

Ja natürlich, sonst hätte ich auch nicht aufgehört mit dem Skifahren, ohne eine Sicherheit, was danach passiert.

Sie sind Buchautor, haben eine Stiftung und vor Kurzem waren Sie bei einem Race Camp für Kinder in Sölden - ein paar Projekte gibt es ja schon.

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas bewegen kann, dann macht mir das wahnsinnig viel Spaß, wie die Kinderbücher zum Beispiel. Das war mir auch schon während der Karriere wichtig, etwas Nachhaltiges zu schaffen. Wenn Eltern zu mir sagen, ich lese meinem Kind jeden Abend aus dem Buch vor, die sind total begeistert und wollten deswegen mit dem Skifahren anfangen, dann macht mir das unheimlich viel Freude. Es wird sicher auch in Zukunft viele solche Projekte geben.

Die Karriere als Aktiver ist jetzt vorbei. Fehlt Ihnen schon etwas?

Noch nicht. Seit ich vor ein paar Wochen mit dem Skifahren aufgehört habe, war ich gerade mal zwei Tage zu Hause. Ich hatte wahnsinniges Glück, das so lange machen zu dürfen, meinen Kindheitstraum zu leben als Skirennfahrer. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Der Abschied ist Ihnen nicht leicht gefallen. Wann ist der Entschluss gereift?

Das hat gedauert. Die ersten Gedanken kamen mir, als ich mir das Kreuzband gerissen habe (Ende November 2017), aber so wollte ich nicht aufhören. Davor hatte ich sehr viel investiert, weil eine Olympiasaison bevorstand. Das war schon nicht einfach, sich wieder zu motivieren. Aber wenn man so lange dabei ist, fällt es schwer, ganz loszulassen. Dann läuft es wieder gut, am nächsten Tag hast du wieder Schmerzen. Es war ein Hin und Her, das letztlich eineinhalb Jahre gedauert hat. Aber irgendwann kam der Punkt, dass ich sagte: Jetzt ist es gut.

Haben Sie sich Rat geholt, von Ihrem Kumpel Bastian Schweinsteiger oder Ihrem Vater, der das alles schon selbst erlebt hat?

Von Basti nicht, der ist ja in Chicago. Natürlich habe ich mit meiner Frau Miri geredet, mit meinen Eltern ...

... Ihre Frau Miriam Gössner war erfolgreiche Biathletin, Ihre Eltern beide sehr erfolgreiche Skirennfahrer ...

... genau, aber letzten Endes war es alleine meine Entscheidung.

Blicken wir zurück: Wie wichtig ist es, den nötigen Biss und Disziplin aufzubringen?

Ich glaube, dass das von selbst kommt, wenn man Freude an etwas hat. So war es zumindest bei mir. Wenn dir etwas Spaß macht, fällt es dir auch leichter, dich zu quälen. Deswegen sage ich den Jungen immer: Habt einfach Spaß an dem, was ihr macht. Und es lohnt sich auch, sich zu quälen, denn die Zeit, die man erlebt, ist einzigartig. Der Sport bietet eine Schule fürs Leben. Es ist für junge Talente auch wichtig, dass die Eltern dahinterstehen, ohne groß Druck aufzubauen. Die Zeit, die Eltern investieren, um Kindern deren Passion zu ermöglichen, werde ich auch in meine Kinder investieren, denn eine bessere Investition gibt es nicht.

Wie wichtig ist Fleiß, wie wichtig Talent?

Da gibt es einen Satz, der bei uns im Kraftraum steht, der geht in etwa so: Der Talentierte kommt leicht nach oben, aber der Fleißige wird mehr Erfolg haben. So ist es auch. Natürlich braucht man Talent, aber Fleiß und Wille sind entscheidend. Nur mit Talent wird es nicht funktionieren, nirgendwo. Sich durchbeißen, auch an schlechten Tagen, unmöglich Erscheinendes durchziehen, das schafft man nur so.

Braucht man nicht auch Hilfe, aus dem Umfeld zum Beispiel?

Natürlich auch, aber ich sage immer, Ziele sind entscheidend. Ich hatte immer ein Fernziel und viele kleine Nahziele. Wenn man kleine Erfolge hat, dann kommt auch die Motivation, das kann auch nur mal ein gutes Training sein. Im Hinterkopf bleibt das große Ziel, dem man sich nähert. Und wenn man das große Ziel erreicht, das ist dann der Oberhammer, das Gefühl ist unbeschreiblich. Motivation hat also immer etwas mit Zielen zu tun.

Wenn es Rückschläge gibt, ist es bestimmt besonders schwer?

Das gehört dazu, dann muss man auch mal seine Ziele anpassen, nach einer Verletzung vielleicht. Für mich waren Verletzungen Herausforderungen, aus denen ich immer auch etwas lernen konnte.

Sie sind der bekannteste Skifahrer der Nation. Wollen Sie Ihren Ruhm nutzen, um Kinder zum Skifahren zu animieren?

Das war immer ein Ziel von mir. Ich denke, da kann ich etwas bewegen. Der Leistungssport ist kurzlebig. Wenn ich es schaffe, Kinder in die Natur oder zum Skifahren zu bringen, macht mich das glücklich. Ich bin noch in den Köpfen der Kids, sie kennen mich aus dem Fernsehen, deswegen habe ich mich auch schon während meiner aktiven Karriere für Kinder und den Skinachwuchs engagiert, sei es mit meiner Stiftung oder den Kinder-Camps. Ich will beitragen, Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Sind dabei Talentwettbewerbe wichtig?

Natürlich. Wenn man sieht, dass man Dinge besser hinbekommt als andere, ist das Bestätigung und Motivation. Deswegen finde ich die SZ-Talentiade richtig cool.

Sie sind selbst Vater. Steht der nächste Skistar der Neureuther-Dynastie schon in den Startlöchern?

Klar, ich baue schon sehr viel Druck auf unsere Tochter Matilda (18 Monate, d. Red.) auf. Es gibt keine anderen Optionen. Schulische Ausbildung oder so etwas ist uns überhaupt nicht wichtig. Deswegen muss sie Skirennfahrerin werden (lacht).

Alles klar. Zum Schluss bitte noch einen ernst gemeinten Rat an alle Kinder.

Okay: Geht alle raus, stellt euer viereckiges Kastl auf die Seite und genießt die Bewegung und die Inspiration, die euch die Natur bietet. Etwas Schöneres wird es im Leben nicht geben. Dieses viereckige Telefon bietet leider so viele Möglichkeiten, Zeit zu vergeuden. Aber der wahre Spielplatz dieser Welt befindet sich draußen.

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Quelle:
SZ vom 04.05.2019/bica
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