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FC Bayern Basketball:Gut fürs Geschäft

Aufsteiger Hamburg Towers, erster Gegner für Meister FC Bayern, startet mit Ambitionen in die Bundesliga - und mit Münchner Unterstützung.

Einen "guten Härtest", nennt Jannik Freese es, "gleich beim Liga-Primus Bayern München anzutreten". Der Center des Aufsteigers Hamburg Towers fühlt sich offenbar wohl in der Rolle des Außenseiters in der Basketball-Bundesliga. Wobei sich die aufstrebenden Hamburger nicht klein machen wollen. Sportchef Marvin Willoughby, einer der Schöpfer des 2014 gegründeten Klubs von der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg, vermeidet wie Trainer Mike Taylor allzu bescheidene Vorgaben. "Nicht-Abstieg" sei kein Ziel, sagt der frühere Nationalspieler und Freund von Dirk Nowitzki. Man will versuchen, schon im ersten Jahr um die Playoffs mitzuspielen, auch wenn eine "Cinderella-Story wie die von Rasta Vechta nicht beliebig wiederholbar" sei, wie Willoughby sagt. Die Niedersachsen, 2018 Aufsteiger, zogen direkt in die Playoffs ein und scheiterten erst im Halbfinale - am FC Bayern. Man denkt also größer in Hamburg, selbst wenn die K.-o.-Runde sich als eine noch zu hohe Hürde erweisen sollte.

Entsprechend wird das Team von der Liga mit offenen Armen empfangen. "Vor vier Jahren wollte die Hälfte der Klubs nicht absteigen. Inzwischen haben wir ein Hamburger Projekt, das als Aufsteiger ganz klar Richtung Playoffs denkt", drückt BBL-Geschäftsführer Stefan Holz seine Vorfreude auf das neue Bundesliga-Mitglied aus. Auch Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist begeistert: Er freue sich auf Hamburg und hoffe, dass diese Mannschaft sich in der Bundesliga durchsetzt, teilte er mit. Er halte es für wichtig, dass "wir ein, zwei Klubs aus großen Städten dazubekommen". Das wäre eine gute Mischung aus größeren Städten und kleineren Standorten. Also für das Geschäft insgesamt.

Der Verein, der auch eine Menge Sozialarbeit im Stadtteil Wilhelmsburg mit seinen vielen Nationalitäten leistet - Willoughby wurde für sein Projekt "Sport ohne Grenzen" 2015 schon mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet - hat sich in den fünf Jahren auch sportlich stetig entwickelt, obwohl der ehemalige Nationalspieler Pascal Roller 2015 als Geschäftsführer und zweites Aushängeschild neben Willoughby zurücktrat, weil ihm der Fortschritt nicht schnell genug ging. Inzwischen aber ist der Etat von 2,7 Millionen Euro in der zweiten Liga auf fast fünf Millionen angewachsen, obwohl man noch immer keinen Hauptsponsor gefunden hat. Das reichte aber immerhin aus, den ehemaligen Nationalspieler Heiko Schaffartzik, 2014 deutscher Meister mit den Bayern, davon zu überzeugen, eine wichtige Rolle im ersten Bundesliga-Jahr einzunehmen.

Schaffartzik, 35, der bis 2018 bei Nanterre 92 in Frankreich spielte, dann ein Jahr Pause machte und sich im Sommer bei seinem alten Arbeitgeber FC Bayern fit machte, war "einer der begehrtesten Spieler auf dem Markt", sagt Coach Mike Taylor. Der 115-malige Nationalspieler, dessen Stärke die Drei-Punkte-Würfe sind, hat sich von Willoughby und Taylor vom Gesamtprojekt überzeugen lassen. Hamburg sei zudem eine attraktive Stadt, bemerkt der gebürtige Berliner, der schon in Städten wie München, New York und Paris tätig war. "Ich war schon immer ein großer Fan seiner Interpretation des Spiels. Er ist einer der wenigen deutschen Spieler, die mit sehr viel Selbstvertrauen und Kontrolle agieren. Einen Veteranen wie Heiko, der offensiv wie defensiv den Ton angibt, haben wir noch gesucht", sagt Willoughby. Schaffartzik soll also der Spielmacher werden in der "talentierten Gruppe", wie Taylor sagt. Dort tummeln sich Begabungen wie der vom FC Bayern geliehene Marvin Ogunsipe, 23, Kevin Yebo, 23, Osaro Jürgen Rich, 21, Justus Hollatz, 18, der schon in den Playoffs der vergangenen Saison einer der wichtigsten Spieler war. Zudem ist ja auch der basketballverrückte Anleiter Taylor, 47, fast ein Garant, dass es weiter aufwärts geht. Neben dem Aufstieg mit den Towers hat der US-Amerikaner, der einst schon Ulm in die erste Liga führte, in seinem Zweitjob als Nationaltrainer im Sommer auch noch Polen bei der WM auf einen sensationellen achten Platz geführt. Und wenn das Talent des jetzigen Teams nicht ausreicht, haben die Towers noch Mittel, weitere Verstärkungen zu holen.

Nur die Vision von Uli Hoeneß, dass die Towers in einer großen Halle spielen, was wiederum gut sei für die Liga, bleibt vorerst eine Wunschvorstellung. Hauptspielort ist weiterhin die umgebaute ehemalige Blumenhalle der Internationalen Gartenbauausstellung in Wilhelmsburg, die nur 3400 Besucher fasst und schon in der zweiten Liga fast immer ausverkauft war. Nur für besonders attraktive Spiele ist der Umzug in die 13 000 Zuschauer fassende Barclaycard-Arena oder zur Hamburger Messe geplant. Der nächste Schritt, sagt Willoughby, könne erst in fünf bis sechs Jahren erfolgen. Bis dahin soll mit Hilfe des Hauptgesellschafters Tomislav Karajica der Bau einer 8000 Zuschauer fassenden Arena nahe den Elbbrücken umgesetzt sein. "Nur dann", sagt Willoughby, "werden wir uns dauerhaft in der Bundesliga etablieren".

© SZ vom 30.09.2019
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