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Extremsport:Halbzeit bei Sonnenaufgang

carsten neder Extremläufer weßling

„Als Anfänger verlierst du die Fähigkeit, deine Grenzen einschätzen zu können“: Carsten Neder läuft gerne nachts bei gesenkten Temperaturen.

(Foto: Alphafotos/oh)

Der Weßlinger Ausdauerathlet Carsten Neder startet am kommenden Wochenende beim "Ultra Skyrace" in den Südtiroler Alpen - einem Lauf über 121 Kilometer.

Nachts alleine in der Wildnis, noch dazu auf 2700 Metern Höhe - für viele Menschen ist das eine Horrorvorstellung. Allerdings nicht für Carsten Neder: "Ich liebe es, bei Dunkelheit zu laufen. Man sieht nur das, was der Lichtkegel der Stirnlampe beleuchtet und konzentriert sich dadurch voll und ganz auf die drei Meter vor den eigenen Füßen." In der Nacht von Freitag auf Samstag wird er am "Ultra Skyrace" teilnehmen: 121 Kilometer geht es dabei durch die Südtiroler Alpen, insgesamt überwinden die Läufer 7000 Höhenmeter; der Veranstalter spricht auf der Website von der "extremsten Erfahrung in den Alpen". Das lockt in diesem Jahr 849 Extremsportler aus 27 Nationen nach Bozen - ein neuer Teilnehmerrekord. "Die 121 Kilometer reizen mich", sagt Neder. "Das Streckenprofil ist technisch anspruchsvoll, dabei kann ich meine mentale Stärke optimal ausspielen."

Bei solch extremen Distanzen stehe die körperliche Leistungsfähigkeit nur an zweiter Stelle, es gehe hauptsächlich darum, seinen inneren Schweinehund zu überwinden - und das gleich mehrmals. "Da geht es den Profis wie den Amateuren ähnlich", weiß der 43-Jährige. "Bei jedem Läufer kommt der Zeitpunkt, an dem man sich und die Sinnhaftigkeit des Vorhabens hinterfragt. Aus diesem emotionalen Tal muss man ganz alleine wieder herauskommen." Im Reglement des Skyraces steht zwar, dass eine Begleitperson für moralische Unterstützung sorgen darf - den emotionalen sowie den materiellen Rucksack muss der Athlet aber selbst tragen.

Für Neder ist das kein Problem, seit gut acht Jahren nimmt er mit seinem Schulfreund Thomas Edelmann zwei- bis dreimal jährlich an solchen Extremläufen durch Berglandschaften teil. "Nur mit Freude, Spaß und Leidenschaft kann man sich auch überwinden, solche Strecken zu laufen." Alle drei Komponenten erfüllt der Weßlinger, den Umstieg zum Extremstrecken-Profi wird er aber nicht mehr wagen: "Dafür bin ich zu bodenständig und realistisch."

Es gibt sie aber, die Adrenalinjunkies, die ihr Berufsleben dem Extremsport verschrieben haben und an solchen Ultra-Läufen teilnehmen, um Geld zu verdienen. Ein riskantes Vorhaben, sagt Carsten Neder: "Wenn du dich einmal verletzt, hast du auf einen Schlag keine Einnahmen mehr. Diese Leute finanzieren sich nur durch Sponsoren, und ohne Ergebnisse springen die sofort ab." Neder finanziert seine Reisen aus eigener Tasche, nur die Ausrüstung wird ihm gestellt. Im Alltag verdient er sein tägliches Brot als freiberuflicher Grafiker - allerdings wusste er schon mit 15 Jahren, dass er später einmal an 100-Kilometer-Läufen teilnehmen möchte.

"Der Verein liegt mir am Herzen, sie leisten dort tolle Arbeit"

Über Halbmarathons, Marathons und Hindernisläufe tastete er sich dann langsam an die Extremdistanzen heran - bis er mit Schulfreund Edelmann bei einer geselligen Runde auf die Idee kam, an einem Ultra-Race teilzunehmen. "Zwei Monate später haben wir auf der Zugspitze unseren ersten 100-Kilometer-Lauf absolviert. Ab diesem Zeitpunkt waren alle Dämme gebrochen, danach kommt man da auch nicht mehr raus." Inzwischen wagt er sich sogar an Weltrekorde: Erst im letzten September scheiterte er nur sehr knapp daran, 150 000 Treppenstufen in 24 Stunden zu laufen. Trotzdem war der Versuch ein Erfolg, insgesamt sammelte er 15 000 Euro für die Kinderkrebshilfe. "Der Verein liegt mir am Herzen, sie leisten dort tolle Arbeit. Deshalb war der Rekordversuch auch nur der Anfang einer Serie", verrät Neder. Der nächste Weltrekord soll im kommenden Jahr angegriffen werden - was genau er vorhat, will er aber noch nicht verraten.

Zunächst einmal steht aber das Ultra-Rennen in Südtirol auf dem Programm. Die Top-Athleten peilen in diesem Jahr eine Zeit von unter 18 Stunden an, für Semi-Profis wie Carsten Neder ist das nicht machbar. "Vor kurzem hatte ich einen Trainingssturz auf dem Berg, deshalb hoffe ich, dass ich im Zeitfenster von 24 bis 28 Stunden bleibe", sagt Neder. Allerdings sei die Zeit für ihn bei solchen Rennen zweitrangig: "Priorität Nummer eins ist es, gesund ins Ziel zu kommen." Im letzten Jahr erreichten nur 64 Prozent aller angemeldeten Teilnehmer schlussendlich das Ziel - der Rest musste das Rennen vorher aufgeben. Die Szene erlebt momentan einen regelrechten Boom, auch unter den 849 Läufern in Südtirol befinden sich viele, die zum ersten Mal an solch einem Rennen teilnehmen. "Als Anfänger entwickelst du einen eisernen Willen und verlierst die Fähigkeit, deine Grenzen einschätzen zu können", warnt Neder. "Deshalb ist es wichtig, dass Helfer an der Strecke stehen, die eingreifen und das Rennen dann für den Läufer abbrechen." Um gesundheitliche Probleme minimal zu halten, sei es ideal, bei gesenkten Temperaturen in der Nacht zu laufen. Startzeit am Freitag ist um 20 Uhr, dann begibt sich auch Carsten Neder wieder auf die Reise - bei Sonnenaufgang will er die Hälfte der Strecke bereits absolviert haben.

© SZ vom 25.07.2019

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