Eisschnelllauf Der Himmel über Hokkaido

Der Münchner Eisschnellläufer Hendrik Dombek, 21, startet am Wochenende erstmals im Weltcup. Bei seinem Wechsel vor zwei Jahren an den Stützpunkt Erfurt war diese Entwicklung noch nicht abzusehen.

Von Barbara Klimke

Das Eisoval von Obihiro liegt im Zentrum der japanischen Insel Hokkaido. Es ist eine Indoor-Bahn, im Gegensatz zur Eisbahn in der Küstenstadt Tomakomai, wo man unter freiem Himmel läuft. All das hatte Hendrik Dombek vor Saisonbeginn herausgefunden. Aber er ahnte nicht, dass diese Informationen schon bald so relevant für ihn sein könnten, als er kürzlich bei den deutschen Meisterschaften in Inzell seine Runden zog. Dann blinkten im Ziel nach dem 1000-Meter-Sprint die Ziffern 1:10,47 auf. Die Folge ist, dass er nun, nur zwei Wochen später, tatsächlich über japanisches Eis auf Hokkaido flitzt.

Es ist die größte Reise, die Dombek jemals unternommen hat. Zwar ist der 21-Jährige als Eisschnellläufer oft zu Wettkämpfen unterwegs, aber die Ausflüge haben sich bislang auf Europa beschränkt, auf Junioren-Weltcuprennen in Polen, Holland, Österreich oder Italien. Einmal, mit 18, ist er für eine Junioren-Weltmeisterschaft von München nach Changchun in China geflogen; sehr aufregend sei das damals gewesen, sagt er: "Aber Japans Nordinsel ist ja sogar noch weiter entfernt." Wer bei den Senioren die Weltcup-Richtzeit des Verbandes selbst um Winzigkeiten unterbietet, der kann mit einigem Glück binnen weniger Monate tatsächlich einmal rund um den Globus fliegen. Dass Hendrik Dombek nun zu diesem exklusiven Tross gehört, dass er "mit den ganz Großen der Welt reisen und Wettkämpfe bestreiten kann", ist Teil seiner neuen und überraschenden Erfahrung.

"Ein schöner Schritt nach vorn": Hendrik Dombek qualifiziert sich in Inzell mit neuer 1000-Meter-Bestzeit von 1:10,47 Minuten für den Weltcup.

(Foto: Ernst Wukits/imago)

Als er vor ein paar Wochen in Inzell auf die Anzeigetafel blickte, sah er, dass er die 1000 Meter bei den deutschen Meisterschaften so schnell gesprintet war wie nie zuvor. Den vergangenen Winter hatte er mit einer Bestzeit von 1:11,26 Minuten abgeschlossen, nun war er gleich um mehrere Zehntelsekunden besser. "Man hofft ja immer, dass man an das alte Jahr anknüpfen kann", sagt er. Aber das sei schon ein enormer Sprung gewesen, den er da hingelegt habe, gleich am Anfang der Saison.

Aus dem Nichts kam die Beschleunigung allerdings keineswegs. Hendrik Dombek betreibt seinen Sport mit einer Willenskraft und Entschlossenheit, die allen, die mit ihm zusammenarbeiten, imponiert. Mit 19 ist er von München nach Erfurt umgezogen, hält aber noch Kontakt zu seiner früheren Landestrainerin Andrea Höhse und startet auch weiter für den Münchener Eislauf-Verein. Nach dem Abitur, sagt er, habe er sich professionalisieren wollen und einen Bundeswehrplatz angestrebt, aber der Verband machte den Wechsel zu einem der drei Stützpunkte Inzell, Berlin oder Erfurt zur Voraussetzung. In Inzell, was die nächstliegende Möglichkeit gewesen wäre, hatte der damalige Bundestrainer ausschließlich A-Kader-Athleten versammelt, und so weit war Dombek noch nicht. Er fühlte sich deshalb besser bei den Erfurter Trainern Peter Wild und Andreas Behr aufgehoben. In diesem Jahr ist er nun auch ins Perspektivkaderteam des Niederländers Erik Bouwman befördert worden, der als Nachwuchs- und De-facto-Bundestrainer fungiert, nachdem der Vorgänger im Frühjahr das Amt quittierte. Alle paar Wochen gemeinsame Lehrgänge, Trainingsauswertungen, Übungsmaßnahmen: Für ihn sei das wirklich wertvoll, erklärt Dombek. "Es fühlt sich jetzt an wie ein richtiges Team, fast wie bei den Holländern."

Hendrik Dombek.

(Foto: Ernst Wukits/imago)

Bouwman seinerseits beeindrucken die Ruhe und die Unaufgeregtheit des U-23-Athleten, der sich auch von einer kurzen Erkrankung vor den Meisterschaften nicht aus dem Konzept habe bringen lassen. Die Bestleistung zur Weltcup-Qualifikation sei ein "schöner Schritt nach vorn", sagt der Cheftrainer, aber sie müssten alle realistisch bleiben. Denn auf internationalem Niveau zähle diese Marke von 1:10,47 Minuten noch relativ wenig.

Das weiß Hendrik Dombek natürlich auch. In Inzell, als er Zweiter wurde, lief Joel Dufter mit 1:08,47 Minuten zum Titel. Und Nico Ihle aus Chemnitz, WM-Zweiter und seit Jahren einer der besten Sprinter der Welt, ist an guten Tagen sogar noch einmal anderthalb Sekunden schneller. "Normalerweise brauchen junge Läufer drei bis vier Jahre, um da oben bei den Erwachsenen anzukommen", sagt Dombek, weder der Trainingsvorsprung noch die Erfahrung seien rasch aufzuholen: "Nico Ihle ist 32 und war bei Olympia, der kennt ganz anderer Aufregungen als ich bei deutschen Meisterschaften."

Andererseits hat er den Tiefpunkt wohl schon hinter sich. Im ersten Jahr in Erfurt hätten ihn der Umzug, die neue Umgebung, der Bruch mit dem Gewohnten und gesundheitliche Probleme "persönlich zurückgeworfen". Er sagt, er habe es als "recht schwierig empfunden, sich auf einmal um alles allein kümmern zu müssen". Die damalige Belastung habe sich in oft unterdurchschnittlichen Ergebnissen auf dem Eis widergespiegelt. Inzwischen hat er sich eingelebt, wohnt in einer "tollen WG in einer sehr schönen Stadt" und studiert nebenbei an der Uni im fünften Semester Psychologie.

Für sein Einzel-Debüt im Männer-Weltcup in Japan, an diesem und am darauffolgenden Wochenende auf den Bahnen Hokkaidos, hat er sich das Beste vorgenommen. Zudem startet er im Teamsprint mit Dufter, 23, und Routinier Ihle. "Ich freue mich riesig drauf und hoffe, dass ich die Leute da nicht zurückhalte", sagt Hendrik Dombek. Die Umstellung von der Indoor-Halle in Obihiro auf die Freiluftbahn in Tomakomai findet er übrigens weniger problematisch. Das sei er gewöhnt: "In München bin ich ja auch draußen gelaufen."