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Eishockey:Suche von Straubing bis Sibirien

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Felix Schütz bei den Kölnern Haien.

(Foto: Herbert Bucco/imago)

Felix Schütz aus Erding hat bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewonnen, nun ist er ohne Verein.

Der Name Schütz war in den ersten Wochen dieser Saison einer der am häufigsten genannten in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Neun Spiele, zwei Tore, eine Vorlage, macht drei Scorerpunkte, dazu ein Treffer in der Champions League. Allein: Es ging nicht um Felix Schütz, sondern um Justin, Stürmer beim EHC Red Bull München und mit 19 Jahren neben dem Teamkollegen John Jason Peterka, dem Mannheimer Tim Stützle und dem Berliner Lukas Reichel, alle 17, eines von jenen neuen Gesichtern in der Liga, denen perspektivisch eine tragende Rolle in der Nationalmannschaft zugetraut wird. Womöglich beruft Bundestrainer Toni Söderholm sie sogar schon für den Deutschland Cup Mitte November in seinen Kader. Ihnen gehört die Zukunft.

Felix Schütz gehört die Vergangenheit. Wann immer das deutsche Eishockey in der letzten Dekade etwas zu feiern hatte, war der gebürtige Erdinger dabei. Im emotionalen Eröffnungsspiel der Heim-WM 2010 gegen die USA vor 77 803 Zuschauern in der Fußball-Arena auf Schalke - Rekordkulisse für ein WM-Spiel - schoss Schütz in der Verlängerung den 2:1-Siegtreffer. Bei der Heim-WM 2017 in Köln rettete Schütz das DEB-Team 33 Sekunden vor Schluss des letzten Gruppenspiels gegen Lettland ins Penaltyschießen und ermöglichte so den Einzug ins Viertelfinale. Im Jahr davor hatte er im entscheidenden Olympia-Qualifikationsspiel ebenfalls gegen die Letten getroffen. Die Deutschen gewannen 3:2, fuhren nach Pyeongchang und realisierten dort mit der Silbermedaille den größten Erfolg der deutschen Eishockey-Geschichte. Im Finale gegen Russland (3:4 nach Verlängerung) schoss Schütz das 1:1. Doch seit Monaten taucht sein Name in keiner Torschützenliste mehr auf, auf keinem Spielberichtsbogen. Seit Beginn dieser Saison ist Felix Schütz ein Eishockeyprofi ohne Arbeitsvertrag. "Die Situation ist schon sehr speziell", sagt er. Seine Zukunft: ungewiss.

Schütz hat in Schweden gespielt und als einziger in Deutschland geborener Profi in der osteuropäischen Eliteliga KHL. "Grundsätzlich würde ich gerne noch mal für ein oder zwei Jahre ins Ausland gehen", sagt der 31-Jährige. "Aber im Sommer hat sich nichts Konkretes ergeben." Das Problem war: Als die Teams ihre Vorbereitung begannen, war Schütz verletzt. Im Halbfinale gegen den späteren Meister Mannheim erlitt er einen Anriss des hinteren Kreuzbands im rechten Knie. "Ich hatte eine relativ gute Saison", sagt Schütz, er war drittbester Scorer bei den Kölner Haien. Der Klub habe ihm bereits im Herbst 2018 eine langfristige Vertragsverlängerung in Aussicht gestellt. "Aber ich habe gesagt, ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, auch wegen der Familie." In Köln habe sich eine Umorganisation abgezeichnet, der Etat der Haie ist niedriger als in den Jahren zuvor. "Wir haben uns dann geeinigt, dass wir getrennte Wege gehen", sagt Schütz. Aber, das ist ihm wichtig zu betonen: "Ich bin nicht entlassen worden." Denn auch das gehört zur Vergangenheit des Felix Schütz: Seine Engagements in der DEL endeten nicht immer einvernehmlich. Beim ERC Ingolstadt, den er 2011 für die Kölner Haie verließ, unterstellte man ihm egoistische Motive. "Es gibt wohl Vereine, die gedacht haben, den können wir uns gar nicht leisten", sagt Schütz. In Russland und Schweden werden andere Gehälter gezahlt als in Deutschland. Kein Vergleich zu den Summen, die im Fußball möglich sind, aber für Eishockey-Verhältnisse überdurchschnittlich gut. Dafür nahm Schütz die Trennung von der Familie und gewöhnungsbedürftige Arbeitsbedingungen in Kauf, wobei Langstreckenflüge über Tausende von Kilometern zum nächsten Auswärtsspiel noch die harmloseren sind. Von dem russischen Investor Michail Ponomarew, der 46 Prozent der Anteile an den Krefeld Pinguinen hält (und diese gern los werden würde) ist jüngst ein Wutausbruch bekannt geworden. Aus der Kabine des Fußball-Drittligisten KFC Uerdingen, dem Ponomarew vorsitzt, berichteten Spieler von Tritten gegen Tische und Faustschlägen gegen anderes Mobiliar. In der KHL können die Profis froh sein, wenn übellaunige Funktionäre die Kabine ohne Schusswaffe betreten. In Omsk, Sibirien, wo Schütz in der Saison 2014/15 unter Vertrag stand, soll der Eigentümer des Klubs die Trainer nach Niederlagen mit vorgehaltenem Revolver zur Rechenschaft gezogen haben. Vielleicht sagt Schütz auch deshalb: "Es muss auch vom Bauchgefühl her passen."

Geld ist ein Faktor für einen Berufssportler. Aber für den Familienvater nicht alles. "Ich lebe nicht von Paycheck zu Paycheck", sagt Schütz. Er hat vorgesorgt. Daheim in Erding hat er ein Haus gebaut. Seine beiden Töchter sind zwei und vier Jahre alt. "Ich genieße die Zeit mit ihnen", sagt er. Seit August trainiert er bei den Straubing Tigers mit, die überraschend gut in die Saison gestartet sind und wohl auch Interesse an einer Verpflichtung bekundet haben. "Ich sehe, wie toll in Straubing gearbeitet wird, das beeindruckt mich. Straubing wäre sicher eine sehr gute Option, vielleicht sogar längerfristig", sagt Schütz. Ein Vorteil wäre, "dass ich jeden Abend bei meinen Kindern wäre". Andererseits ist da immer noch die Hoffnung auf ein ambitioniertes Team, das einem ambitionierten Spieler andere sportliche und finanzielle Erwartungen erfüllt. Schütz weiß aber auch: "Vereine, bei denen es läuft, suchen jetzt keine Spieler." Teams wie Mannheim oder der dreimalige Meister München, für den er 2014 neun Spiele absolvierte, ehe er in die KHL zurückkehrte, "können sich die Spieler aussuchen". Den Namen Felix Schütz haben sie nicht auf ihrer Wunschliste.

Im November wird Schütz 32. "Ich bin zuversichtlich, dass sich in den nächsten Tagen etwas ergibt", sagt er. Die ungewohnt lange Pause nimmt er positiv: "Die Verletzung ist jetzt richtig auskuriert. Körperlich fühle ich mich so gut wie nie zuvor." Die Saison könnte jetzt endlich auch für ihn beginnen.