Eishockey Serientauglich

Der Mann für die schönen und die wichtigen Tore: Wie hier, als Jon Matsumoto mit seinem Treffer zum 3:3 kurz vor der Schlusssirene in die Verlängerung und später zum Penalty-Sieg brachte.

(Foto: Marcel Engelbrecht/imago)

Der EHC München biegt in letzter Sekunde das Spiel in Ingolstadt um - auch dank Jon Matsumoto. In Schwenningen kann ein neuer Klub-Rekord aufgestellt werden, mit dem zehnten Sieg hintereinander.

Von Christian Bernhard

Patrick Hager hat am Dienstagabend den Unterschied zwischen einer kriselnden Mannschaft und einer, die vor Selbstvertrauen strotzt, auf den Punkt gebracht. Kurz vor Spielschluss in Rückstand liegend, starre die eine bang auf die Uhr und denke sich: Oh mein Gott, nur noch zwei Minuten. Die andere dagegen frage sich: Wann machen wir jetzt das Tor? Es sind ja noch zwei Minuten.

Der EHC Red Bull gehört aktuell zur zweiten Gruppe. Trotz eines 0:2-Rückstands schlugen die Münchner den ERC Ingolstadt im Derby mit 4:3 nach Penaltyschießen und feierten in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) den neunten Sieg in Serie - der Klub-Rekord ist eingestellt. Dominik Kahun traf erneut den entscheidenden Penalty, ermöglicht hatte dies zuvor aber Jon Matsumoto, als er 126 Sekunden vor Ende der Partie vor dem Tor des ERC Ingolstadt am schnellsten reagierte und die Scheibe zum 3:3 über die Linie schob.

Was Hager zu der Einschätzung bringt, dass "Matsumoto unglaublich wichtig für uns ist". Nicht allein wegen dieses Treffers natürlich, es sind die Offensivqualitäten des Mannes aus Ottawa, die den deutschen Nationalspieler ins Schwärmen bringen. An der Scheibe habe der Kanadier "so ziemlich alles drauf", erklärt Hager, "wenn man sich seine Tore anschaut, muss man kurz mal zurückspulen und schauen, ob er das wirklich gemacht hat." Hager spielt dabei auf Matsumotos Traumtor in Iserlohn an. Dort hatte der Angreifer kürzlich die Scheibe in einer Bewegung durch die eigenen Beine hindurch gezogen und unter die Latte gesetzt. "Das war definitiv das schönste Tor meiner Karriere", betonte er hinterher.

Trainer Don Jackson freut sich, dass Matsumoto auch sein Defensivspiel verbessert hat

Nur eines von vielen. Matsumotos Leistungssteigerung in der Offensive hat in den zurückliegenden Wochen viel dazu beigetragen, dass der EHC auf einer Erfolgswelle durch die Liga surft: fünf seiner acht Saisontore erzielte er in den vergangenen sieben Spielen. Damit ist er ein sehr gutes Beispiel dafür, welchen Einfluss der Kopf auf die Leistungen eines Profisportlers hat. Er gehöre zu den Spielern, die viel grübeln, ließ er kürzlich die Abendzeitung wissen, "und je mehr man grübelt, umso leichter schleichen sich die Selbstzweifel in deinen Hinterkopf".

Selbstzweifel hatten ihn in den ersten Monaten der Saison begleitet. Aufgrund des Münchner Luxuskaders musste der 31-Jährige zu Beginn oft in der vierten Sturmreihe spielen, im Oktober kam eine Verletzung dazu. Als er wieder auflaufen konnte, stimmte die Leistung nicht, wie er selbst eingestand. Ein Doppelpack gegen Bremerhaven, dem er zwei Tage später das Traumtor in Iserlohn folgen ließ, beendete die Zeit des Zweifelns. Und plötzlich war das Selbstvertrauen, das er sich vor der Saison mit der Nominierung für ein Testspiel-Turnier der kanadischen Nationalmannschaft geholt hatte, wieder da.

Trainer Don Jackson freut sich dagegen besonders, dass der Angreifer auch defensiv Fortschritte gemacht hat. Matsumoto habe viel an seinem Spiel in der Rückwärtsbewegung gearbeitet, erklärt der Trainer, "er spielt defensiv kontrollierter". Dabei helfe ihm, dass er trotz seiner außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten auch schlittschuhläuferisch sehr fleißig ist. "Er ist in toller körperlicher Verfassung", sagt Jackson. Die ist aktuell gefragter denn je, der EHC steckt mitten in einer Phase von zwölf Spielen innerhalb eines Monats.

Ein Mann hatte sich Matsumotos späten Treffer am Dienstag ganz genau angeschaut: Doug Shedden, Ingolstadts neuer Trainer. Der war erst am Dienstag in München angekommen und verfolgte das Spiel deshalb noch von der Tribüne - nur drei Meter hinter jener Trainerbank, die er von Donnerstag an im Heimspiel gegen Düsseldorf besetzten wird. Shedden war drauf und dran mitzuerleben, was im Dezember noch kein DEL-Verantwortlicher gesehen hat: eine Münchner Niederlage. Bis Matsumoto etwas dagegen unternahm.

Der nächste Trainer, der sein Glück gegen die siegestrunkenen Münchner versuchen wird, ist einer, dessen Geschichte eng mit der des EHC verknüpft ist: Pat Cortina. Ob sich der langjährige Münchner Übungsleiter, der den Meister am Donnerstag mit seinen Schwenninger Wild Wings empfangen wird (19.30 Uhr), über den neuen Münchner Klub-Rekord mit zehn Siegen hintereinander ein bisschen freuen würde, sei dahingestellt. Der Trainer zu sein, der diesen Rekord verhindert, gefiele ihm wohl deutlich besser. Matsumoto wird sich allerdings auch in Schwenningen wohlfühlen. Dort hatte er vor dreieinhalb Jahren seine ersten Schritte auf europäischem Eis gemacht.