Eishockey Saubere Hände, aber leer

Höchste Saisonniederlage, erstes DEL-Wochenende ohne Punkte, abgerutscht auf Platz drei: Bei Titelverteidiger EHC München herrscht nach dem 1:5 in Nürnberg Untergangsstimmung.

Von Christian Bernhard

Für das Spitzenspiel bei den Nürnberg Ice Tigers hatten sich die Fans des EHC Red Bull München etwas besonderes einfallen lassen. Sie organisierten eine Schiffspassage in die fränkische Hauptstadt. Das Schiff war ausgebucht, es fuhr unter dem Motto "Entern statt kentern" und brachte alle EHC-Anhänger unversehrt nach Nürnberg. Dort mussten sie am Sonntag-Nachmittag allerdings miterleben, wie ihre Mannschaft unterging. 1:5 verlor der Meister beim Tabellenführer, der nun bereits fünf Punkte entfernt ist.

"Heute ist nichts in unsere Richtung gegangen", sagte Münchens Trainer Don Jackson auf der Pressekonferenz, er lächelte dabei gequält. Das galt für das gesamte Wochenende, denn am Freitag hatte der EHC zu Hause 2:5 gegen Wolfsburg verloren. Höchste Saison-Niederlage, erstes Null-Punkte-Wochenende der Saison, erstmals zwei Niederlagen in Serie, zehn Gegentore in zwei Spielen, auf Platz drei abgerutscht: Es war ein Wochenende zum Vergessen für den Titelverteidiger in der Deutschen Eishockey Liga (DEL).

Ernste Mienen zum bösen Spiel: Münchens Chefcoach Don Jackson verfolgt mit süß-saurem Gesichtsausdruck das Spiel seiner Mannschaft in Nürnberg. Nach zwei Niederlagen mit zehn Gegentoren am Wochenende kritisierte er die kollektive Abwehrleistung seines Teams.

(Foto: Timm Schamberger/dpa)

Im Fokus steht nun Jacksons liebstes Kind: die Defensive. Drei der fünf Spiele seit der Länderspielpause endeten für den EHC mit jeweils fünf Gegentoren. 68 Gegentreffer in 25 Spielen (im Schnitt 2,7 pro Partie) sind weit von den Ansprüchen des ehemaligen NHL-Verteidigers Jackson entfernt. Von den Top Sechs der Tabelle haben nur die Iserlohn Roosters noch mehr Tore kassiert - und die waren vor sechs Wochen noch Tabellenletzter.

Patrick Hager hatte schon vor dem Spitzenspiel in Nürnberg die Gefahren des offensiven Münchner Spielsystems erläutert. Da die Münchner Abwehrspieler oft sehr tief in die gegnerische Zone vordringen, gehe es darum, "dass wir nicht zu hungrig werden und zu viel nach vorne spekulieren", erklärte Hager, einer der defensivstärksten Angreifer der Liga. "Oft haben wir Wechsel mit zwei, drei Riesen-Chancen, und im Gegenzug scheppert es dann hinten. Da sitzt du auf der Bank und denkst dir: Wie ist das passiert?" Für Hager ist entscheidend, im Kopf kühl zu bleiben und "im richtigen Moment defensiv zu denken und abzusichern". Wichtig sei, die Balance zu finden.

Diese stimmt momentan nicht. Beunruhigen muss die Münchner aber, dass es gegen Wolfsburg und Nürnberg nicht unkontrollierte Vorstöße waren, die zu den Niederlagen führten - in den letzten Partien haben sich neue Baustellen aufgetan. Gegen Wolfsburg kassierte der Meister im Mitteldrittel vier Gegentore innerhalb von neun Minuten, weil er vor dem eigenen Tor nicht so energisch zur Sache ging wie die Niedersachsen, die vor Münchens Torhüter David Leggio die Hoheit hatten. "Da hätten wir uns die Hände ein bisschen dreckiger machen müssen", gestand Verteidiger Konrad Abeltshauser. "Bei den Nachschüssen müssen wir einfach da sein. Abräumen vor dem Tor, die Spieler wegräumen, Scheiben in die Ecke klären: Das ist die Aufgabe der Vordermänner."

„Inakzaptabel. Lächerlich. Peinlich. Vollkatastrophe.“

Nationalstürmer Dominik Kahun ist mit der Leistung des EHC in Nürnberg nicht restlos zufrieden.

In Nürnberg scheiterte der EHC an der eigenen Spielweise, die Nationalstürmer Dominik Kahun schlicht "inakzeptabel" fand, "lächerlich", "peinlich" und eine "Vollkatastrophe". Die Fehler, die Jackson nach der Wolfsburg-Pleite als "uncharakteristisch" für seine Mannschaft bezeichnet hatte, sind im Moment: charakteristisch. Die Münchner sind vor dem eigenen Tor nicht konsequent genug, sie lassen den Gegnern ihre Präsenz zu wenig spüren. Hager forderte auch mehr Bereitschaft, Schüsse zu blocken: "Ich denke, dass momentan zu viele Schüsse durchgehen", sagte er.

Obwohl Jason Jaffray vor der Nürnberg-Partie betont hatte, dass es keine Ausreden gebe, weil der Kader bis auf Markus Lauridsen komplett ist, war der EHC gegen die beste Defensive der Liga auch physisch unterlegen. "Wir waren körperlich und im Kopf nicht da", sagte Maximilian Kastner, der acht Minuten vor Ende den Münchner Ehrentreffer erzielte. Die sechste Niederlage in Serie gegen die Ice Tigers war mit Abstand die deutlichste. Der EHC sucht immer noch Wege, um den Code von Nürnbergs Trainer Rob Wilson zu knacken. "In beiden Partien konnten wir nicht so spielen, wie wir uns das vorgenommen haben", sagte Kapitän Michael Wolf nach dem ernüchternden Wochenende.

Die EHC-Fans verarbeiteten die Nullnummer auf ihre Weise. In beiden Spielen ließen sie die Anhänger des Gegners wissen: "Ihr werdet nie deutscher Meister!". Im Heimspiel gegen Wolfsburg vor der Partie, als Willkommensgruß an den zuletzt zweimal unterlegenen Final-Gegner. In Nürnberg zur Frustbekämpfung: Als die Münchner zu singen begannen, lag der EHC bereits 0:3 zurück.