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Eishockey:Robuster Fliegenfischer

EISHOCKEY - DEL

"Von Natur aus bin ich eher ein ‚Stay-at-home‘-Defender“: Andrew MacWilliam konzentriert sich also in erster Linie aufs Verteidigen. Schnelle Offensivvorstöße sind nicht unbedingt die Stärke des 30-Jährigen.

(Foto: Hanne Rauchensteiner)

Andrew MacWilliam hat beim Münchner 3:2-Erfolg über Berlin seinen ersten Auftritt. Der Naturbursche zeigt, wofür er steht: defensive Stabilität und Härte.

Von Christian Bernhard

Der erste Assoziation, die Andrew MacWilliam bei Yannic Seidenberg weckte, hatte es in sich. "Er macht einen gefährlichen Eindruck", sagte Seidenberg über seinen neuen Verteidigerkollegen im Dress des EHC Red Bull München. MacWilliam sehe "sehr groß und kräftig aus", was in Eishockeyteams verlässlich wohlwollend aufgenommen wird, denn es bedeutet in der Regel: mehr Schutz auf dem Eis. Mit seinem Vollbart sieht MacWilliam wie ein Bilderbuch-Kanadier aus, jedenfalls beschreibt er sich selbst als "typisch kanadisch", sprich als lockeren Typen, der gerne in der Natur ist. Fliegenfischen ist eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.

Aber auch wenn Trainerlegende Hans Zach an dieser Stelle einwerfen würde, dass sich in Teilen der Isar sehr gut Fliegenfischen lässt, hat der EHC MacWilliam nicht aus Kanada einfliegen lassen, damit er hier seine Angelkünste verbessern kann. Er soll das einbringen, was Seidenberg schon beim ersten gemeinsamen Training aufgefallen ist: defensive Stabilität und eine Portion Härte.

Bei seinem Debüt im EHC-Trikot am Samstag im Magentasport-Cup-Spiel gegen die Eisbären Berlin, das die Münchner trotz eines 0:2-Rückstandes mit 3:2 nach Verlängerung gewannen, schimmerten diese Attribute nur durch. MacWilliam positionierte sich bei der obligatorischen Begrüßung des Gegners an der Blauen Linie dort, wo er sich am heimischsten fühlt: neben Zach Redmond. Die vergangenen drei Jahre seiner Karriere hat er mit seinem Verteidigerkollegen bei den Rochester Americans in der AHL verbracht, Redmond hat ihm auch München schmackhaft gemacht. Als Redmond beim EHC unterschrieb, "haben wir noch herumgeflachst, dass wir zusammen in Deutschland weitermachen", erzählt MacWilliam. Kurz vor Spielbeginn gab Redmond ihm auch noch einen aufmunternden Klaps mit dem Schläger mit. Dann begann das Kennenlernspiel, denn EHC-Trainer Don Jackson mischte im Startdrittel seine Verteidigerduos immer wieder durcheinander. MacWilliam startete an der Seite von Konrad Abeltshauser, dann ging er mit Nicolas Appendino, später mit Daryl Boyle aufs Eis. Die Botschaft war klar: Der Neue soll für alle EHC-Verteidiger ein Gespür bekommen.

Schon in seinem zweiten Wechsel zeigte er zentrale Aspekte seines Spiels. Erst warf er sich in einen Schuss von Mark Olver, Sekunden später bekam Berlins Leon Gawanke MacWilliams Physis bei einem Check an der Münchner Bank zu spüren. "Ich bin ein Verteidiger, dem es Spaß macht, zu verteidigen. Ich werfe mich gerne in Schüsse, kämpfe um jeden Zentimeter. Und ich bringe sicher eine gesunde Grund-Aggressivität ins Spiel", sagt der 30-Jährige, der sich als "absoluten Teamspieler" bezeichnet, über sich selbst. Das Mitteldrittel bestritt der 101-Kilogramm-Mann hauptsächlich an der Seite des 100-Kilogramm-Kollegen Abeltshauser, neben dem Tölzer feierte er auch seine Unterzahl-Premiere im EHC-Trikot. Schließlich durfte er zusammen mit seinem Kumpel Redmond aufs Eis.

MacWilliams Debüt machte klar, dass Beweglichkeit und Geschwindigkeit nicht seine größten Stärken sind. Der Kanadier setzt mehr auf seine Körperlichkeit und Reichweite, um seinem Team zu helfen. "Von Natur aus bin ich eher ein 'Stay-at-home'-Defender", sagt er, sprich ein Verteidiger, der sich in erster Linie aufs Verteidigen konzentriert. Nichtsdestotrotz habe er "in den letzten Jahren sehr hart daran gearbeitet, das offensive Element in meinem Spiel zu verstärken".

Gegen die Eisbären lag sein Fokus auf dem defensiven Part, offensiv trat er nur einmal gefährlich in Erscheinung: Seinen Schuss fälschte Philip Gogulla direkt vor dem Eisbären-Tor mit dem Körper ab (37.). Viel mehr kam nicht - was auch für den gesamten EHC in den ersten beiden Dritteln galt. "Es hat zwei Drittel gedauert, um ein anderes Level zu finden", sagte Trainer Jackson. In den letzten 20 Minuten waren die Münchner bissiger - und schafften es, den glänzend parierenden Eisbären-Torhüter Mathias Niederberger zu überwinden. Erst war Chris Bourque mit einer Direktabnahme erfolgreich (44.), dann traf er in Überzahl aus spitzem Winkel (59.). In der Verlängerung war erneut Bourque der entscheidende Mann - mit einem starken Zuspiel auf Torschütze Redmond (62.). "Wir waren da, als es darauf ankam", betonte Bourque nach Spielende. MacWilliams erster Münchner Arbeitsnachweis las sich relativ unspektakulär: Gut 15 Minuten Eiszeit, 20 Wechsel, drei Torschüsse.

Seine nächste Chance, sich zu zeigen, bekommt der Kanadier am Mittwoch, wenn die Mannheimer Adler zu Gast in München sind. Ein Sieg im engen Rennen um einen der beiden Halbfinalplätze (Mannheim und Schwenningen haben sechs Punkte, München fünf), täte auch MacWilliam persönlich gut, denn zusätzliche Spiele würden zusätzliche Einsätze für ihn bedeuten. Sein Vertrag gilt nämlich erst einmal nur für den Magentasport Cup.

© SZ vom 23.11.2020
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