Süddeutsche Zeitung

Eishockey:Gut fürs Löwen-Herz

"Wir haben diesen Sieg gebraucht": Nach fünf Niederlagen in Serie schlägt Tölz den DEL2-Tabellenführer Kassel.

Manche Psychotherapeuten empfehlen den Urschrei, um tief liegende Blockaden zu lösen. Einfach mal alles rauslassen. Kann ja nicht schaden, außer den Stimmbändern vielleicht.

Er habe am Freitag, nach dem 3:5 seiner Mannschaft in Freiburg "geschrien wie noch nie", verriet Kevin Gaudet, zumindest so laut "wie seit Jahren nicht mehr". Wenn der Trainer der Tölzer Löwen, sonst eher der Typ seriös frisierter Elder Statesman, den Föhn anwirft, muss etwas passiert sein. Passiert war: die fünfte Niederlage nacheinander. Was Gaudet besonders enervierte: "Ich hasse es, Spiele auf der Strafbank zu verlieren." In den Wochen davor hatte der Kanadier sein Team immer wieder zur Disziplinierung aufgerufen und daran erinnert, dass seine früheren Erfolgsmannschaften - mit Bietigheim gewann er drei Mal die DEL 2 - stets die mit den wenigsten Strafminuten gewesen seien. Und dann holen sich ausgerechnet seine Routiniers und vermeintlichen Führungsspieler lange Sperren ab: Shawn Weller vier, Max French fünf Spiele. Auch in Freiburg sammelten die Löwen 24 Strafminuten, darunter eine Disziplinarstrafe gegen Jan Bednar. Die Folge: Vier der fünf Gegentore fielen in Tölzer Unterzahl. Da kann man schon mal laut werden.

"Vielleicht hat es ja geholfen", sagte Gaudet am Sonntagabend und musste lächeln. Denn am Sonntag spielte seine Mannschaft wieder wie zu Saisonbeginn, konzentriert und effizient, und schlug den Tabellenführer Kassel Huskies 5:1 (2:0, 2:0, 1:1).

Es war eine Leistung wie auf der Taktiktafel entworfen. Im ersten Drittel (Weller, 5.) und im zweiten (Reiter, 25.) nutzten die Löwen jeweils ihre erste Überzahlgelegenheit zu frühen Toren und legten beide Male nach (Pfleger, 18., Eberhardt, 31.). Insgesamt erzielten sie drei ihrer fünf Treffer im Powerplay und kassierten selbst nur vier Strafzeiten. Die einzige Unaufmerksamkeit leisteten sie sich vier Minuten vor Schluss, als Ben Duffy für die Huskies traf. Marco Pfleger hatte zuvor auf 5:0 (55.) gestellt. "Tölz war in allen Bereichen besser, vor allem mit einem Mann mehr waren sie sehr erfolgreich", sagte Kassels Trainer Tim Kehler. "Es war ein verdienter Sieg", sagte Gaudet.

Bei der Aufarbeitung der vergangenen Wochen betrieb der Tölzer Trainer noch ein wenig tiefenpsychologische Ursachenforschung. Nach einem "super Saisonstart" - Tölz gewann fünf der ersten sieben Spiele und punktete in allen - sei es "leicht, ein bisschen lasch zu werden", referierte er. Strafen resultierten "aus Faulheit, aus Überheblichkeit", unbewusst natürlich. Es sei schwer, aus so einer Niederlagenserie wieder herauszufinden. Umso dringender sei ein Erfolgserlebnis gewesen: "Wir haben diesen Sieg heute wirklich gebraucht", sagte Gaudet. Ob das nun schon die "Wende" war, die das PR-Team der Löwen als "Eingeleitet!" verkündete? Jedenfalls hat Gaudets Mannschaft gerade noch rechtzeitig das Verlieren eingestellt. An diesem Dienstag wird ihr Trainer 56. Da sollte man nicht dauernd herumbrüllen müssen. "Ist nicht gut für mein Herz", sagte Gaudet.

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Quelle:
SZ vom 22.10.2019
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