Eishockey Fernab der Wohlfühlzone

4:7 gegen Bietigheim: Die Tölzer Löwen verlieren die Playoffs aus den Augen - auch wenn die Verantwortlichen das noch nicht ganz wahrhaben wollen.

Von Andreas Liebmann, Bad Tölz

Man müsse realistisch sein, forderte Christian Donbeck. Allerdings hat sein Hang zum Realismus den Geschäftsführer der Tölzer Löwen nach der 4:7 (2:1, 1:1, 1:5)-Heimniederlage vom Dienstag gegen Bietigheim mitnichten dazu verleitet, sich offiziell vom Ziel der Playoff-Teilnahme zu verabschieden. Der Mann ist ja nicht wahnsinnig: Er hätte es dann vermutlich sofort mit seinem neuen Trainer Scott Beattie zu tun bekommen, der in solchen Dingen wenig Spaß versteht. Vor gut drei Wochen hatte der Italokanadier Beattie das zuvor von Markus Berwanger und interimsweise von Florian Funk bekleidete Amt beim DEL-2-Klub übernommen und sich eingeführt mit den Worten: "Ich bin ein Gewinner!" Er hat am Dienstag, als die zwei Drittel lang couragiert geführte Partie den Löwen entglitten war, bei 3:6-Rückstand den Torwart ausgewechselt, was Tyler Gron zum 4:6 nutzte. "Das zeigt, dass er zu keiner Zeit aufgibt", lobte Donbeck den Coach, "so ist er, er bringt hier eine super Mentalität rein." Also antwortete Donbeck auf die Frage, ob es das nun gewesen sei mit der Chance auf die Playoffs, angesichts von zehn Punkten Rückstand bei sechs ausstehenden Spielen: "So lange theoretisch alles möglich ist, probieren wir es."

Dass die Abstiegsrunde kaum noch zu vermeiden ist, weiß Donbeck natürlich, die nächsten Gegner Löwen Frankfurt, Lausitzer Füchse und Ravensburg Towerstars stehen auf Rang eins, drei und zwei der Tabelle. Eine realistische Betrachtung der Lage fordert er aber auch in einem anderen Punkt ein: "Wir sind erst das zweite Jahr in der DEL 2", betonte er, "und wir spielen schon besser. Aber man darf bei aller Euphorie nicht davon ausgehen, dass wir hier die Liga rocken." Ein Gegner wie die Bietigheim Steelers habe "eine andere Qualität, mit vielen Topspielern", man müsse sich nur deren Erfolge der vergangenen Jahre ansehen. "Da muss man auch mal Respekt vor dem Gegner haben", findet Donbeck.

Die Partie hatte die aktuelle Lage der Löwen ja gut widergespiegelt. Nach dem frühen 0:1 durch Benjamin Zientek wirkten die Gastgeber spielerisch ebenbürtig, Florian Strobl und Andreas Pauli drehten den Spielstand. Im Mitteldrittel erhöhte Gron sogar auf 3:1 - doch nach dem Anschlusstreffer durch Norman Hauner verloren sie mit nachlassenden Kräften die Spielkontrolle. Von der 47. bis zur 54. Minute kassierten sie drei Gegentore durch einen der gegnerischen Topspieler, den Kanadier Tyler McNeely. Da entscheide eben doch die Qualität, urteilte Donbeck, sei es bei der Vermeidung von Fehlern oder dem Ausnutzen von Torchancen. Und er verwies auf "eine unglaubliche Verletzungsserie", die die Tölzer die gesamte Saison über begleitet habe. Am Dienstag fehlten Johannes Sedlmayr (Grippe), Philipp Schlager (Rückenblessur), Kyle Beach (entzündeter Knöchel) und Andreas Schwarz (Innenbandriss im Knie). "Es erwischt immer die Leistungsträger", klagte Donbeck und überschlug, dass die erste Reihe in Summe etwa 15 Wochen ausgefallen sei. "Das könnten wir auch mit einem 30-Mann-Kader nicht kompensieren." Die aktuellen Langzeitausfälle immerhin dürften bis spätestens - nun sagte er es doch: "zu den Playdowns" zurückkehren.

Die Moral stimme, das habe man auch am Dienstag gesehen, fand Donbeck. Trainer Beattie verbringe "acht bis zehn Stunden am Tag in der Eishalle". Beattie merkte nach der Partie aber auch etwas Kritisches an: "Wir sind aus der Wohlfühlzone herausgefallen", analysierte er. "Das Team war das im Training so nicht gewohnt, also ist es hart, im Spiel aus der Wohlfühlzone herauszugehen. Es waren Männer gegen Jungs." Was sein Trainer damit gemeint habe? Das müsse man ihn selbst fragen, befand Donbeck. Vielleicht sei es als Kritik an seinen Vorgängern zu verstehen gewesen. Nun: Sein eigenes Training wird Beattie vermutlich kaum gemeint haben - realistisch betrachtet.