Süddeutsche Zeitung

Eishockey:"Ein Gefühl der Machtlosigkeit"

Auch die letzte Hoffnung des EHC Klostersee auf die Oberliga erlischt. Präsident Stolberg avisiert Rückzug

Sie hatten noch einmal alles versucht. Ein Aufruf erging an die regionale Wirtschaft und die Fans, prominente Fürsprecher baten um Unterstützung. Doch am Dienstag war alles vorbei. Kurz nach 23 Uhr, eine Stunde vor Ablauf der letzten Frist, informierte die amerikanische Anschutz Entertainment Group (AEG) die Hamburg Freezers darüber, dass sie für die kommende Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) keine Lizenz für das Team aus der Hansestadt beantragen wird. Endgültig. Ein beispielloser Rettungsversuch war damit gescheitert. Freezers-Kapitän Christoph Schubert hatte in den Tagen zuvor einen "Retter-Marathon" initiiert, an seiner Seite Moritz Fürste, Hockey-Olympiasieger vom Uhlenhorster HC, und der Wahl-Hamburger Wladimir Klitschko. Genützt hat es nichts. Obwohl Schubert und seine Mitstreiter binnen sechs Tagen, getragen von einer "unfassbaren Welle der Unterstützung", 1,2 Millionen Euro an Spenden auftrieben, sind die Freezers Geschichte. 14 Jahre, nachdem sie die DEL-Lizenz der München Barons übernommen hatten. "Wir sind einfach nur unfassbar sprachlos und traurig", sagte Schubert zum Abschied.

An Christoph Schubert, 34, hat es sicher nicht gelegen. Aber es ist schon merkwürdig, dass am selben Tag, an dem die Freezers ihr Ende bekannt gaben, auch der EHC Klostersee, bei dem der ehemalige Nationalspieler Schubert einst das Eishockeyspielen lernte, einsehen musste, dass er keine Chance mehr hat. Endgültig.

In Grafing hatten sie ja bereits am 5. Mai ihren Rückzug aus der Oberliga, der dritthöchsten Spielklasse, angekündigt. Die Kernsätze der Erklärung lauteten: "Aufgrund einiger weniger Krawallmacher, die dem EHC seit circa drei Jahren negative Schlagzeilen brachten, und der daraus resultierenden - auch unverhältnismäßigen und teils unrichtigen - Medienberichterstattung, ist ein weiterer Rückgang der Einnahmen zu erwarten. Gleichzeitig hat der Verein aus der vergangenen Saison auch aufgrund ungeplanter Kosten für Sicherheitsmaßnahmen und einem deutlichen Zuschauerrückgang ein Defizit aufzuarbeiten." In den vergangenen drei Wochen versuchten die Verantwortlichen und Fans gleichwohl, das Unmögliche möglich zu machen. Die Fans starteten einen Spendenaufruf, der Vorstand verhandelte mit den Spielern, von denen wohl einige bereit gewesen wären, Lohnabstriche hinzunehmen. Doch bei möglichen Sponsoren blitzte der Klub ab. Am Dienstag sprach Schatzmeister Michael Schunda noch einmal mit der Bank. Das Signal war feuerrot: Eine Zukunft in der Oberliga ist nicht darstellbar. Die offizielle Frist, um eine Spielgenehmigung zu beantragen, endet zwar erst am kommenden Dienstag. Am Freitag sagte EHC-Präsident Alexander Stolberg aber: "Es macht trotz aller Bemühungen keinen Sinn." Das Kapitel Oberliga ist für den EHC beendet.

Selbstverständlich habe er das Geschehen in Hamburg verfolgt, sagt Stolberg, allein schon wegen Christoph Schubert. Die Verhältnisse seien aber kaum zu vergleichen. In Hamburg hat die AEG in den vergangenen 14 Jahren pro Saison schätzungsweise zwischen drei und fünf Millionen Euro Verlust gemacht. "Ein großer Konzern hat eine unternehmerische Entscheidung getroffen. Das ist schade, war aber leider absehbar", sagt Stolberg. In Grafing waren sie dagegen nicht vorbereitet auf das, was in den zurückliegenden Monaten über sie hinwegrollte. "Wir hatten durch die paar Krawallmacher plötzlich deutlich höhere Kosten zu bewältigen. Auch die sportliche Leistung war nicht befriedigend, da brauchen wir nicht um den heißen Brei zu reden", sagt Stolberg. Vorletzter Platz in der Oberliga Süd, Zuschauerrückgang, Sponsoren, die ihre Verträge kündigen - in Summe ergab das ein Defizit von "rund 50 000 Euro". Rund ein Sechstel des für Oberliga-Verhältnisse ohnehin bescheidenen Etats. "Für einen Verein wie Klostersee ist das ein massives Problem." Insgesamt fehlten 150 000 Euro. "Darum haben wir beschlossen, das Kapitel zu beenden", sagt Stolberg.

So nüchtern das klingt, so wenig lässt die Situation den 46-Jährigen kalt. "Ich habe meine Kindheit beim EHC verbracht, die Spieler der ersten Mannschaft waren meine Helden", sagt der Anwalt, der in seiner Jugend selbst Eishockey spielte, ehe er sich während eines Austauschjahrs in Kanada darüber klar wurde, dass seine berufliche Zukunft nicht auf dem Eis liegt. Vor 14 Jahren, als die München Barons mit einem gewissen Christoph Schubert nach Hamburg zogen, rückte Stolberg in den Vorstand des EHC auf, seit zehn Jahren ist er dessen Präsident. Die Situation belaste ihn "unheimlich", sagt er: "Ich habe die letzten 14 Jahre damit zugebracht, dem Verein dienlich zu sein. Das ging 13 Jahre einigermaßen gut. Wenn du dann zum Spielball von Kräften wirst, die du nur bedingt beeinflussen kannst, von so ein paar Idioten - das tut mir echt weh." Stolberg räumt durchaus eigene Fehler ein. Er beklagt aber auch die "unverhältnismäßige Berichterstattung" über die Krawalle.

Ausgelöst wurde die mediale Welle freilich durch einen Hilferuf des Vereins. Stolberg hatte auf einen erzieherischen Effekt gehofft, einen "Selbstreinigungsprozess", wie er sagt. "Die mediale Aufmerksamkeit, die wir dadurch bekommen haben, habe ich nicht vorhergesehen." Plötzlich war der EHC bundesweit als Chaoten-Klub im Gespräch. "Wenn Freunde mich aus dem Skiurlaub in Österreich anrufen, sie hätten von uns in den Nachrichten gehört, dann weiß ich, was los ist", sagt Stolberg. Durch die Berichterstattung sei ein "Domino-Effekt" entstanden. Mehrere Sponsoren hätten sich gefragt: Will ich als Unterstützer eines Hooligan-Vereins dastehen? Binnen zwei Wochen seien rund ein Drittel der Sponsoreneinnahmen weggebrochen. "Für einen Verein, der ohnehin nicht auf Rosen gebettet ist, ist das annähernd der Genickbruch", sagt Stolberg. Selbstverständlich müssten Medien berichten. "Aber es ist nicht die erste Pflicht eines Journalisten, bei mehreren zentralen Geldgebern anzurufen und sie zu fragen, wie sie zum Verein stehen. Wir sind definitiv kein Hooligan-Verein!" Diesen Eindruck hatte ausgerechnet die Aussage von Ligenleiter Oliver Seeliger erweckt, die Verhältnisse seien nirgendwo in Deutschland so schlimm wie in Grafing. "Die Aussage ist objektiv unrichtig", wehrt sich Stolberg. "Rein quantitativ gibt es an anderen Standorten deutlich mehr Probleme." Seeligers Aussage lasse jegliches Fingerspitzengefühl vermissen. "Das habe ihm auch so gesagt", sagt Stolberg. "Aber ich kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen."

Anders als in Hamburg geht es für den EHC Klostersee wohl weiter. Wenn der Klub im nächsten Jahr 60 wird, spielt er in der Bezirksliga, ganz unten. "Ich habe die Hoffnung, dass der Verein, der durch seine Nachwuchsarbeit viel fürs deutsche Eishockey getan hat, mit einer ersten Mannschaft antreten kann", sagt Stolberg. Die etwa 400 Kinder im Verein bräuchten Vorbilder. Solidaritätsbekundungen wie in Hamburg hat Stolberg nicht erlebt. Aus der Oberliga hätten sich lediglich der EC Peiting und die Tölzer Löwen gemeldet, konkrete Unterstützung habe nur Ralph Bader, Geschäftsführer beim Zweitligisten SC Riessersee, angeboten. "Mir geht das alles an die Nieren", sagt Stolberg. Er spüre ein "Gefühl der Machtlosigkeit". Zu den Neuwahlen im Sommer werde er nicht mehr antreten. Endgültig.

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SZ vom 28.05.2016
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