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Eishockey:"Da ist das Herz daheim"

NHL-Profi Korbinian Holzer und der ehemalige Nationaltorwart Markus Janka wollen den Viertligisten Geretsried zu alter Größe führen. Ein Gespräch über Familientraditionen und Marathontelefonate aus Kalifornien.

Ex-Profis und Nationalspieler im Vorstand: Das kennt man aus der Fußball-Bundesliga. Aber bei einem Viertligisten? Im Eishockey? In den neunziger Jahren des vorigen Jahrtausends war der TuS Geretsried gleichauf mit dem berühmten Nachbarn EC Bad Tölz. Beide Klubs spielten in der zweiten Liga, die Nachwuchsarbeit des TuS gebar Nationalspieler wie Uli Liebsch und Andreas Morczinietz. Die Zäsur kam 2006: Nach dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall mit 15 Toten wurde auch das Heinz-Schneider-Eisstadion statisch überprüft - und erwies sich als nicht tragfähig. Von heute auf morgen war das Geretsrieder Eishockey praktisch obdachlos. Der im selben Jahr gegründete ESC River Rats spielt heute in der Bayernliga, im Herbst soll das Stadion nach 13 Jahren wieder ein Dach bekommen. Für die Vorstandswahl an diesem Dienstag (19.30 Uhr, Ratsstuben) haben nun zwei prominente Eigengewächse ihre Kandidatur erklärt: der ehemalige Nationaltorhüter Markus Janka, 39, und Korbinian Holzer, 31, NHL-Profi bei den Anaheim Ducks.

SZ: Herr Janka, Herr Holzer, ein ehemaliger und ein aktueller Nationalspieler wollen einen Viertligisten führen. Mit Verlaub: Warum?

Markus Janka: Nach dem kurzfristigen Rücktritt von Thomas Stöber Anfang Mai ist der Verein auf mich zugekommen. Sie könnten zwar die Zeit bis zur Wahl zur Not überbrücken. Aber in der momentanen Situation durch den Stadionumbau und die finanzielle Mehrbelastung war klar, dass sie für die Übergangszeit einen Vorsitzenden brauchen, der das Amt kommissarisch übernimmt. Für mich ist das zwar absolutes Neuland, aber das kann man lernen. Und auf halber Strecke aufzuhören, ist ja auch nichts. Da komme ich schon allein wegen unserer familiären Vergangenheit nicht aus.

Ihr Vater Oskar hat jahrelang die Eishockey-Abteilung des TuS Geretsried geleitet.

Janka: In ihm habe ich einen guten Berater auf der anderen Seite im Büro. Er hat alles gesehen.

Sie führen ein Entsorgungsunternehmen, das den TuS finanziell unterstützt hat.

Janka: Wir unterstützen das Geretsrieder Eishockey nach wie vor. Sicher sind die Zeiten andere, und wahrscheinlich nicht einfacher als früher.

Eine gewisse Erfahrung im Aufräumen kann da nicht schaden.

Janka: Das liegt nahe ( lacht). Wir haben uns in der Familie und mit meinen Gesellschafterkollegen, also meinem Bruder und meinem Vater unterhalten. Aber es war relativ schnell klar, dass ich das mache, wenn man mich braucht. Hilft ja nix.

Herr Holzer, es gibt Fern-Unis, Fernbeziehungen, aber wie soll das funktionieren, als Fern-Vorstand? Kalifornien liegt nicht gerade um die Ecke.

ANAHEIM CA JANUARY 31 Anaheim Ducks defenseman Korbinian Holzer 5 on the ice after the Ducks d; Eishockey

„Ich möchte gerne etwas zurückgeben“: Korbinian Holzer (Mitte, Nummer 5) sieht sich als Nächster in der Reihe jener, die Verantwortung übernehmen wollen. Der 31-Jährige verteidigt in der nordamerikanischen Profiliga NHL für die Anaheim Ducks.

(Foto: imago/Icon SMI)

Korbinian Holzer: Das war die Frage, als ich gesagt habe, dass ich gerne etwas aktiver mithelfen möchte. Ich bin jetzt seit einem Jahr als externer Berater dabei. Der Austausch lief zum größten Teil über Peter Holdschik (Zweiter Vorsitzender). Wir haben teilweise täglich und trotz der Zeitverschiebung stundenlang telefoniert oder über Whatsapp kommuniziert. Ich war selbst überrascht, wie gut das gelaufen ist.

Was können Sie aus der Ferne beitragen?

Holzer: Ich kann natürlich nicht aktiv bei den Spielen dabei sein. Aber ich habe mir viele Gedanken über den Stadionumbau gemacht, mich hingesetzt und Pläne gemalt für die Gestaltung der Kabinen. Ich kenne ja doch ein paar Eishallen, und es gibt in jeder etwas, das man sich anschauen kann - und wenn es die Notfallpläne sind. Da habe ich wirklich Herzblut reingesteckt. Ich glaube, wir funktionieren ganz gut als Team. Da ist es dann auch egal, ob man im selben Büro sitzt oder ein paar Tausend Kilometer voneinander entfernt.

Im selben Büro zu sitzen, muss ja auch nicht konfliktfrei sein, nicht wahr, Herr Janka?

Janka: Im selben Büro ist es teilweise sogar schwieriger. Dass einer in Kalifornien hockt und Vorstand ist, das wäre bei meinem Vater damals aber nicht gegangen.

Sie haben Ihre Karriere 2017 bei den Tölzer Löwen beendet; Ihre Profilaufbahn, Herr Holzer, hat in Tölz begonnen. Wäre Ihr Engagement in dieser Form auch bei einem anderen Verein denkbar?

Janka: Für mich wäre das auf gar keinen Fall denkbar. Da, wo man herkommt, da ist das Herz daheim. Die Frage stellt sich nicht. Geretsried oder nirgends, ganz klar.

Holzer: Meine Geretsrieder Vergangenheit liegt zwar schon länger zurück. Aber ich habe den Verein nie aus den Augen verloren. Der Verein ist eine Herzensangelegenheit für mich, hier bin ich groß geworden. Dafür bin ich dankbar und möchte gerne etwas zurückgeben.

Torwart Goalie Timo Pielmeier ERC Ingolstadt 51 links und Torwart Goalie Markus Janka ERC Ing; Eishockey

Der größte sportliche Erfolg: 2014 wird Markus Janka deutscher Meister mit dem ERC Ingolstadt. 2002 nahm er an der Eishockey-WM in Schweden teil. Der 39-Jährige hat seine Karriere als Torwart 2017 beendet.

(Foto: imago/Eibner)

Was ist Ihre Vision?

Holzer: Dass irgendwann die Identifikation zwischen Verein und Stadt wieder so ist, wie sie einmal war. Früher hatte der Verein in jeder Nachwuchsklasse eine Mannschaft in der höchsten Liga. Jeder kannte den TuS. In den 13 Jahren ohne Dach über dem Stadion hat der Klub viel gelitten. Wir haben jetzt ein Übergangsjahr vor uns. Aber ich glaube, der Verein hat das Potenzial, so erfolgreich zu werden wie früher.

Welche Agenda verfolgen Sie?

Janka: Momentan wird noch relativ wenig über den Sport gesprochen, einfach weil der Umbau noch nicht abgeschlossen ist. Das erste Punktspiel ist am 4. Oktober, wir hoffen, dass wir bis Mitte November in unserem Stadion spielbereit sind. Bis dahin haben wir nur Auswärtsspiele. Aber das kriegen wir hin.

Holzer: Erfolg ist ja nicht planbar. Klar haben wir eine Agenda im Kopf. Wir wollen wieder mit allen Nachwuchsmannschaften in den besten bayerischen Ligen spielen. Das wird eine Zeitlang dauern. Nicht ein Jahr, nicht zwei Jahre, sondern länger.

Sie haben 13 Jahre verloren.

Holzer: Das ist leider so.

Die gute Nachricht ist: Es gibt immer noch Nachwuchs in Geretsried.

Janka: Für diese Leistung muss man unseren Vorgängern allerhöchsten Respekt zollen. Wie die den Verein am Leben erhalten haben, ist aller Ehren wert.

Und jetzt kommen zwei Greenhorns und setzen sich ins gemachte Nest.

Janka: Fast gemacht. Fast.

Holzer: Es ist schon etwas anderes, ob man in einem Verein arbeitet oder in einer GmbH wie Red Bull München, das ist eine ganz andere Maschinerie. Das Vereinswesen hat sich verändert. Ehrenamtlich aktiv zu werden, das ist schon nicht ohne. Ich hatte gehofft, dass es leichter wird, die Leute zu überzeugen. Aber das ist Knochenarbeit. Und das wird es noch lange bleiben, die Arbeit geht jetzt erst richtig los. Wir haben Tölz, wir haben Salzburg mit der Akademie, wir haben München, wir haben Rosenheim: Du hast viele Vereine in der Umgebung, die brutal anschieben im Nachwuchs und viel abgreifen. Dass wir wieder einen Grundstock haben, auf dem man aufbauen kann, in der U7, in der U9 und in der U11, das ist schon beeindruckend und zeigt, welchen Stellenwert der Eissport in Geretsried hat. Wir müssen daran arbeiten, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass diese Spieler nicht in der U13 oder U15 nach Salzburg oder München abhauen. Damit man irgendwann mit möglichst vielen einheimischen Spielern auch wieder Richtung Oberliga kommen kann.

Janka: Das geht nur, wenn man aus der regionalen Wirtschaft die nötige Unterstützung bekommt. Da sind wir alle gefragt.

Auch der Vorsitzende?

Janka: Freilich.

Sie sagten vorhin: Jeder kannte den TuS. Wie lange wird es dauern, bis der ESC diesen Bekanntheitsgrad erreicht hat?

Janka: Das wird definitiv ein langer Weg. Aber, nicht vergessen: Auch beim TuS war es damals ein langer Weg. Ungefähr 1960 ging es los, und wann war der TuS groß? Mitte der Achtziger. Nach 25 Jahren.

Klingt nach einem Langzeitprojekt.

Janka: Ob wir wieder dahin kommen? Schwierig. Ich tue mich hart mit diesem Vergleich. Wenn die Leute in zehn Jahren sagen, "der TuS" macht gute Arbeit, dann ist das für mich auch in Ordnung, weil das dann heißt, dass der Eishockeyverein in Geretsried gute Arbeit macht.

Holzer: Ich sage auch noch ab und zu TuS. Es ist unsere Aufgabe, etwas aufzubauen, damit man in zehn oder vielleicht in 20 Jahren sagt: Schau, der ESC. Dass die Leute dich nur noch als ESC wahrnehmen. Das ist eine spannende Aufgabe, und der wollen wir uns stellen.