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Eishockey:Am Ende blieb das Staunen

Ice hockey Eishockey CHL RB Muenchen vs HIFK MUNICH GERMANY 27 AUG 17 ICE HOCKEY CHL Champi

„Extrem wichtig“: Verteidiger Konrad Abeltshauser trägt mit einem Tor zum Sieg seines EHC bei.

(Foto: imago/GEPA pictures)

Der EHC München bezwingt in der Champions Hockey League den finnischen Spitzenklub IFK Helsinki mit 4:1 Toren - und stellt damit ein Eishockey-Gesetz infrage.

Der Abend, der manche Gewissheit infrage stellen wird, beginnt mit Chaos. Im Zentrum steht Pekka Mäntylä, blondes Haar, Dreitagebart, auf der Suche nach einem freien Raum, oder zumindest einem Ausweg. Keine Chance. Die containerartigen Boxen, in denen bei Eishockeyspielen in der Münchner Olympia-Eishalle eine Handvoll Reporter sitzen, sind nicht ausgelegt für den überraschenden Einfall einer 13 Mann starke Reportergruppe aus Finnland. Schließlich werden ihnen Sitzplätze auf der Tribüne zugewiesen. Mäntylä, der für einen finnischen Streaming-Dienst arbeitet, schleicht sich kurz darauf zurück in den Pressebereich. Wegen des W-Lans, und aus Prinzip. "In Finnland berichten 30 Journalisten von jedem Spiel", sagt Mäntylä. Er wirkt halb amüsiert, halb erstaunt. Am Ende blieb das Staunen.

Es habe sich angefühlt "wie in einer Waschmaschine", räumt Helsinkis Trainer Selin ein

Zwei Tage nach dem 6:2 gegen Krakau besiegte der EHC Red Bull München im zweiten Gruppenspiel der Champions Hockey League (CHL) den IFK Helsinki 4:1. Ein denkwürdiger Sieg, der trotz frühem Rückstand auf überzeugende Weise errungen wurde. Ein Sieg, der die ungeschlagenen Münchner in ihrer Gruppe G in eine komfortable Ausgangssituation bringt. Ein Sieg, der dem widerspricht, was im europäischen Eishockey bisher als unverrückbares Gesetz galt: Wenn ein deutsches auf ein skandinavisches Team trifft, gewinnt das skandinavische.

Die Debatte hatte die Woche vor dem CHL-Auftakt begleitet: Es ging um die Frage, ob der EHC München, das dominante deutsche Team der vergangenen Jahre, die Lücke nun schließen kann. Zuletzt waren auf europäischer Ebene einmal der finnische Klub Lukko Rauma, einmal die Växjö Lakers zu stark. In diesem Jahr wähnen sich die Münchner auf Augenhöhe, wollen raus aus der Außenseiterrolle. Am Sonntagabend, im ersten Aufeinandertreffen, hat der EHC diese Ansprüche untermauert. "Extrem wichtig" fand Konrad Abeltshauser den Sieg. Der Verteidiger hatte Helsinkis frühe Führung durch Juha-Pekka Haataja (1.) per Drehschuss ausgeglichen (12.). "Wir wussten, wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir eins der skandinavischen Teams schlagen." Die Münchner haben Helsinki, einen finnischen Spitzenklub, nicht nur besiegt, sie haben ihn phasenweise dominiert. Trainer Don Jackson sah "eine großartige Team-Leistung": "Wir haben gut verteidigt und den Puck schnell, mit Selbstvertrauen bewegt."

Imposant war vor allem das zweite Drittel: Die Gäste, flinke Schlittschuhläufer, hetzten nur dem Puck hinterher, und waren doch zu spät, als Derek Joslin in doppelter Überzahl zur Führung traf (23.). Als Brooks Macek erhöhte (36.) und Jonathan Matsumoto den 4:1-Endstand erzielte, waren auch keine Gegenspieler in der Nähe (60.). Die Finnen liefen so orientierungslos umher wie eingangs die Reporter. Ari-Pekka Selin, Helsinkis Trainer, fühlte sich "wie in einer Waschmaschine". Er gestand: "Wir hatten viele Probleme." Es scheint sich etwas zu verschieben im europäischen Eishockey. Damit zurück zum Anfang.

Im Presse-Container führt Mäntylä langsam beide Handflächen zueinander, sodass sie sich fast berühren: "Das Level gleicht sich an." Am Vortag hat er in Bern die Partie gegen TPS Turku beobachtet, Turku verlor 0:4. "Sie hatten keine Chance. Absolut keine Chance." Abgesehen von ein wenig angeknackstem Nationalstolz, gefällt ihm die Entwicklung: "Es wird interessanter, wenn auch andere mitmischen."

Als Joslin trifft und die Anhänger im Fanblock ausflippen, zückt Mäntylä sein Handy. Ihm gefällt diese Choreografie nach einem Tor, sagt er. Wenn der Stadionsprecher den Vornamen des Schützen ausruft und die Fans im Chor dessen Nachnamen ergänzen - das gibt es zu Hause nicht. Finnen genießen eher schweigend. Was die Stimmung betreffe, so Mäntylä, könnten sie von den Deutschen etwas lernen.