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Dritte Liga:Nehmerqualitäten wie Rocky

Am Boden? Nun ja, irgendwie... - Hachings Stürmer Stephan Hain hat trotzdem allen Grund zum Jubeln.

(Foto: Claus Schunk)

Schlusslicht Unterhaching schlägt Spitzenreiter Dresden auch dank Torjäger Stephan Hain und schöpft neue Hoffnung im Abstiegskampf

Von Stefan Galler, Unterhaching

Noch spielen sie in der gleichen Liga, doch es wird womöglich nicht mehr lange dauern, dann trennen die SpVgg Unterhaching und Dynamo Dresden eine, eventuell sogar zwei Spielklassen. Die Kicker aus dem Münchner Vorort geben gerade mutmaßlich ihre Abschiedstournee in der dritten Liga, die Sachsen dagegen thronen auf Platz eins und wollen zurück nach oben. Dass Fußball keine Mathematik ist und sich Ergebnisse keineswegs immer nach solchen Vorzeichen berechnen lassen, wurde beim Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften am Sonntagnachmittag eindrucksvoll unterstrichen: Der Außenseiter schlug den klaren Favoriten in der Summe verdient mit 2:0 (1:0) und verringerte den Rückstand zu den Nichtabstiegsplätzen auf nunmehr sechs Punkte bei noch sieben ausstehenden Partien. "Der Glaube ist wieder mehr geworden", sagte Trainer Arie van Lent nach der Partie. "Durch den Sieg gehören wir wieder dazu, wir sind noch nicht abgeschrieben und vielleicht für eine Überraschung gut."

Kurz vor dem Anpfiff dröhnte der alte Hardrock-Hit Welcome to the Jungle von den Guns n'Roses aus den Boxen, was suggerierte, dass es nun ordentlich rund gehen würde, schließlich steht der Dschungel für urwüchsiges Durcheinander und wildes Chaos. Was folgte, war dann jedoch für ein Fußballspiel ziemlich klar strukturiert: Der Spitzenreiter riss sofort die Initiative an sich, drängte die Gastgeber in deren Hälfte. Und jene hatten allerhand Mühe, Abschlüsse für Dynamo zu verhindern. Richtig gefährlich wurde es, als sich SpVgg-Kapitän Markus Schwabl auf der rechten Abwehrseite einen Ballverlust leistete und Marvin Stefaniak frei zum Abschluss kam - Hachings Keeper Jo Coppens parierte ganz stark (15.), ebenso wie sieben Minuten später, als abermals Stefaniak abzog und Coppens auf dem Posten war.

Die Hachinger nehmen jeden Zweikampf an, als wäre es der letzte in der Drittklassigkeit

Haching schien grimmig entschlossen, dem Favoriten Paroli zu bieten; die tiefe Enttäuschung nach dem 1:1 bei Viktoria Köln vom Ostermontag, als man einen Vorsprung in Überzahl kurz vor Schluss noch aus der Hand gab, war offenbar gut verarbeitet worden. Und so warfen sich die Rot-Blauen in jeden Zweikampf, als wäre es der letzte in der Drittklassigkeit. Dieses Engagement zeigte Wirkung bei Dynamo, Haching konnte sich mehr und mehr aus der Umklammerung befreien, vor allem Stephan Hain gelang es ein ums andere Mal, vorne Bälle festzumachen. Einen ersten Abschluss des Torjägers konnte Dresdens Schlussmann Kevin Broll noch abwehren (19.), fünf Minuten vor der Pause jedoch köpfelte Hain eine Schwabl-Flanke aus gut zehn Metern unhaltbar ins linke Eck - 1:0.

Mittelstürmer Hain, der weite Strecken der Saison wegen einer Knieverletzung verpasst hatte, sei ein entscheidender Faktor, sagte van Lent später: "Mit ihm sind wir eindeutig stärker, es ist ein anderes Spiel, wenn er auf dem Platz steht." Der Niederländer muss es als ehemaliger Angreifer wissen. "Stephan ist ja fast so etwas wie ein Bundesligastürmer", so van Lent weiter.

"Wer aufgibt, den will ich auf dem Trainingsplatz nicht mehr sehen", sagt Kapitän Schwabl

Dynamo-Coach Markus Kauczinski wechselte zur Pause gleich zweimal, doch am Bild änderte sich auch zu Beginn der zweiten Halbzeit nur wenig: Dresden optisch überlegen, aber irgendwie fehlte beim Tabellenführer der rechte Biss. Immer wieder leisteten sich die Gäste leichte Ballverluste, so dass sie auch kaum zu Torchancen kamen. "Wir waren im letzten Drittel zu unsauber, zu hektisch, in der Schlussphase fehlte uns auch der letzte Punch", sagte Kauczinski. Dagegen wuchs beim Schlusslicht das Selbstvertrauen. Und als der 19 Jahre junge Linksverteidiger Jannis Turtschan bei einem schnellen Konter von Dynamos Ransford-Yeboah Königsdörffer am Knöchel getroffen wurde, zeigte Schiedsrichter Tobias Schultes völlig zu Recht auf den Punkt: Den fälligen Elfmeter verwertete Christoph Greger mit einem wuchtigen Schuss ins rechte Eck zum 2:0 (57.).

Es war der endgültige Nackenschlag für die Sachsen, denen nun gar nichts mehr einfiel. Dagegen hatte Haching mehrere Überzahlsituationen, spielte die Konter jedoch nicht gut aus und kam nur noch einmal, durch einen Volleyschuss von Patrick Hasenhüttl (78.), zu einem gefährlichen Abschluss. Eine Viertelstunde später war es vollbracht, Trainer van Lent ballte die Fäuste und bejubelte den zweiten Sieg in den vergangenen 17 Spielen. Aus den Boxen erklang der Song Eye Of The Tiger von Survivor, der davon handelt, wie Film-Boxer Rocky Balboa nach Niederlagen immer wieder aufsteht. Und daran glauben sie nun auch in Haching, die volle Konzentration gilt dem nächsten Spiel am Sonntag beim SV Wehen Wiesbaden, wie Markus Schwabl bei Magentasport betonte: "Wir haben uns noch nicht abgeschrieben, es gibt schließlich noch ein paar Punkte zu holen", sagte der Kapitän und richtete einen dringlichen Appell an seine Kameraden: "Wer aufgeben will, kann das gerne tun, aber den will ich morgen auf dem Trainingsplatz nicht mehr sehen."

© SZ/lib
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