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Dritte Liga:Historisches unterm Zeltdach

Petar Sliskovic (Tuerkguecue Muenchen) klaert vor Vincent Vermeij (MSV Duisburg) und Wilson Kamavuaka (MSV Duisburg) Tu

Vorne wie hinten: Türkgücü-Torjäger Petar Sliskovic (links), hier mal bei Aufräumarbeiten im eigenen Sechzehner gegen die Duisburger Vincent Vermeij und Wilson Kamavuaka.

(Foto: image/Eibner)

Erstmals seit achteinhalb Jahren fallen im Olympiastadion wieder Tore: Türkgücü gewinnt dank eines Doppelpacks von Petar Sliskovic mit 2:1 gegen den MSV Duisburg und rückt auf Rang fünf vor.

Von Christoph Leischwitz

5663 Tage sind vergangen, als Samuel Slovak vom 1. FC Nürnberg im Münchner Olympiastadion das letzte Bundesligator erzielt hat (fünf Minuten nach dem letzten Tor des FC Bayern durch Sebastian Deisler). 3103 Tage sind es seit dem überhaupt letzten Tor von Camille Abily im Champions-League-Finale der Frauen im Mai 2012 (zum 2:0 für Lyon gegen Frankfurt). Und 11 532 Tage ist es her, als Diego Maradona hier aufspielte, mit Neapel im Uefa-Cup gegen die Bayern. Damals war Ivica Grilic Balljunge, wie er am Samstag erzählte - ein unvergessliches Ereignis für ihn. Diesmal war Grilic als Sportdirektor des MSV Duisburg vor Ort, er hatte unter der Woche in Gino Lettieri auch noch einen neuen Trainer verpflichtet, der sich ebenfalls gut auskennt in München. Die Torflaute unter dem Zeltdach beendete jedoch ein Spieler des Gegners, der trotz des historischen Moments nicht einmal jubeln durfte: Türkgücüs Petar Sliskovic erzielte beide Treffer zum 2:1 (0:0)-Sieg der Münchner gegen den MSV. Die Zebras hatte er erst im Sommer verlassen, und gegen den alten Arbeitgeber freut man sich über Erfolgserlebnisse eher nach innen. Zwar hätte die Drittliga-Partie zu Beginn auch eine andere Wendung nehmen können, doch nun steht der Aufsteiger zumindest bis Montag auf Tabellenrang fünf und darf sich als Spitzenmannschaft fühlen.

Den Torschrei des Stadionsprechers hören auch die vielen Spaziergänger im Park

In gewisser Weise fand dieses Spiel gar nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Türkgücü-Premiere im Olympiastadion vor fünf Wochen gegen Wehen Wiesbaden war auf einen regnerisch-trüben Tag gefallen und torlos geblieben. Diesmal: ungetrübter Sonnenschein. Und der Turm sah begeistert zu, wie das Stadiondach seinen kolossalen Schatten auf die Gegengerade warf. Hunderte, wenn nicht Tausende Spaziergänger dürften in der 48. und in der 66. Spielminute den Stadionsprecher gehört haben, der ein lang gezogenes "Toooor" in den Olympiapark hinausschrie, gefolgt von einem "Petaaaaar Slis-goal-vic." Und das in einem leeren Stadion, in dem schon ein unabsichtlicher Fußtritt gegen eine Glasscherbe einen Hall ausgelöst hätte. Nicht zu sehen vom Berg gegenüber des Stadions ist dagegen die völlig aus der Zeit gefallene Retro-Animation auf der Anzeigetafel, weil nur jene in der Südkurve in Betrieb ist: "Tor" stand dort, mit einem um sich selbst drehenden "R".

Sliskovic hat schon acht Treffer für seinen Klub erzielt, doppelt so viele wie für die Zebras in 26 Partien. Das lässt darauf schließen, dass der 29-Jährige von der Spielweise des Teams profitiert. Und von den starken Vorlagengebern, allen voran Sercan Sararer. Der Kapitän war auch diesmal wieder an beiden Toren beteiligt, beim ersten durch einen beherzten Antritt über die rechte Seite, vor dem zweiten durch einen schnell ausgeführten Freistoß. Sararer hatte diesen auch herausgeholt.

Nicht Lettieri, sondern Duisburgs Übergangstrainer Marvin Compper hatte beim MSV das Wort, weil bei Trainer-Rückkehrer Lettieri noch der zweite negative Coronatest aussteht. Compper sagte das, was viele Gegner Türkgücüs sagen: "Es war ein intensives Spiel." Die Gegner der Mannschaft von Alexander Schmidt befinden sich ständig unter Druck, können oft nur reagieren. Duisburg hatte es zu Beginn verpasst, in Führung zu gehen, die beste Chance vergaben die Zebras zu Beginn,, als Türkgücü-Keeper René Vollath einen Schuss von Arnold Budimbu mit dem Fuß abwehrte (8.). Sliskovic hatte vor und nach seinen beiden Treffern ein paarmal nicht genau genug gezielt, so verbuchten die Gastgeber am Ende immerhin ein Chancenplus. Natürlich ist die kraftraubende Spielweise auch für Türkgücü selbst anstrengend, aber bislang geht der Plan meistens auf.

Mal sehen, welche Geschichten Türkgücü jetzt noch schreiben wird im altehrwürdigen Olympiastadion. Am Dienstag in einer Woche steht hier das erste Flutlichtspiel des Klubs an, gegen den aktuellen Tabellenführer Saarbrücken. Anfang Dezember dann ein Derby gegen die SpVgg Unterhaching. Die Mannschaft, ja eigentlich alle im Verein seien "hungrig", sagt Schmidt. Vor dem Spiel hatte er gesagt: "Mit einem guten Angriff gewinnt man Spiele, mit einer guten Abwehr bekanntlich ... andere Dinge." Die Abwehr spielte insgesamt gut diesmal. Und so sprechen sie es beim Aufsteiger noch nicht aus, doch sie können es kaum noch verbergen, wo die Ansprüche liegen. Sie hätten jedenfalls nichts dagegen, schon bald neue, große Geschichten zu schreiben.

© SZ vom 16.11.2020

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