Doppelinterview "Bei Mord und Drogen ist immer ein Billardtisch im Bild"

Pool-Profi trifft Schach-Großmeister: Ralf Souquet und Gerald Hertneck über Vorurteile, kleine Tricks und große Momente.

Interview von Stefan Brunner und Ralf Tögel

Eine Karriere als Schachprofi sei nie eine Option gewesen, sagt Gerald Hertneck. Das Talent hätte der 55-Jährige sicher gehabt: Hertneck ist Großmeister und hat zwei Mal an der Schacholympiade teilgenommen, dem bedeutendsten Teamwettbewerb der Welt. Aber dem verbeamteten Projektleiter der Stadt München reichen die Bundesliga-Duelle für die "Münchener Schachakademie Zugzwang". Für Ralf Souquet zeichnete sich indes früh ab, dass er Poolbillard zu seinem Beruf machen wird. Der 50-Jährige ist vielfacher Welt- und Europameister, hat 500 Siege und Titel rund um den Globus gesammelt und spielt in der Bundesliga für den deutschen Meister Dachau. So unterschiedlich die Lebenswege verlaufen sind - es gibt einige Parallelen. Ein Gespräch über Klischees, Kondition und Kneipenimage.

SZ: Forscher haben festgestellt, Schach sei für den Körper so belastend wie leichte sportliche Betätigung. Zustimmung?

Gerald Hertneck: Die rein körperliche Belastung ist beim Schach sicherlich niedrig. Man steht ab und zu auf und geht umher. Die meiste Zeit sitzt man aber am Brett.

Ralf Souquet: Wir legen in einem Match locker drei bis fünf Kilometer um den Tisch herum zurück. Man muss schon fit sein, um die Konzentration zu halten.

Also ist Billard anstrengender als Schach?

Hertneck: Energie verbrauchen wir schon auch. Im Schach muss man viele Varianten im Kopf rechnen, manchmal bis zu zehn Züge im Voraus. In der fünften Stunde kann es schon mal sein, dass ich deshalb nur noch intuitiv spiele.

Souquet: Die mentale Belastung ist sicherlich in beiden Sportarten groß. Wir spielen oft mit der so genannten Shot-Clock und müssen einen Stoß in 25 Sekunden ausführen. Das ist ähnlich wie beim Blitzschach.

Herr Souquet, Sie sind gerade 50 geworden, Herr Hertneck ist 55. Als Fußballprofis wären Sie längst im Ruhestand.

Souquet: Ich habe schon gemerkt, dass es mir schwerer fällt als früher, mich sechs, sieben, acht Stunden zu konzentrieren.

Hertneck: Meine stärkste Phase war eindeutig 1994, ich war 31 Jahre alt und die Nummer 50 der Welt. Seitdem geht es langsam bergab. Aber ich habe mir trotzdem viel von der alten Spielstärke bewahrt - obwohl mein Training oft nur darin besteht, dass ich mich am Abend im Schachserver einlogge und dann Blitzpartien spiele, manchmal ein bis zwei Stunden.

Wird nicht auch im Schach und Billard die Konkurrenz immer jünger?

Souquet: Der Unterschied ist extrem. Als ich mit 23 Profi wurde, war die Weltspitze zwischen 38 und 45 Jahre alt. Mittlerweile ist sie um die 20. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, jetzt beginnen sie mit zwei, drei Jahren. Heute lernt ein Jugendlicher, indem er sich auf Youtube die WM-Partien der letzten zehn Jahre anschaut. Für den bayerischen Kader arbeiten Fitness-, Yoga-, Mental-Coaches, insgesamt fünf Trainer. Ich habe mir alles selbst beigebracht.

Hertneck: Das ist im Schach ähnlich, ich habe mir auch alles selbst beigebracht.

Souquet: In den Top 16 der Welt - ich stehe auf 15 - ist nur noch einer im Alter um die 40. Alle anderen sind deutlich jünger.

Die Konkurrenz wird jünger, Druck und Leistungsdichte nehmen zu - hat man alles im Zusammenhang mit Doping schon mal gehört. Auch in Ihrem Sport?

Hertneck: Wir unterliegen den Richtlinien der Nada (Nationale Anti-Doping Agentur Deutschland, d. Red.). Bei deutschen Meisterschaften kann ein Spieler also unangemeldeten Besuch erhalten und muss eine Urinprobe abgeben. Im Schach aber gilt, dass die natürliche geistige Spannkraft, die man hat und braucht, nicht durch Medikamente gesteigert werden könne.

„Wenn das kein Sport ist, was dann?“ Für Ralf Souquet ist Billard über jede Diskussion erhaben: „Man muss fit sein“, sagt der 50-Jährige.

(Foto: Daniel Goetzhaber/imago)

Souquet: Beim Billard gab es positive Fälle, etwa mein Teamkollege Mario He. Allerdings war es ihm nicht bewusst. Der Arzt hat ihm ein neues Medikament gegen Bluthochdruck verschrieben. Offenbar wurde versäumt, die Inhaltsstoffe zu prüfen. Er wurde daher nur vier Monate gesperrt und ist am Wochenende spielberechtigt.

Für alle Zweifler: Wie anstrengend ist eine Schachpartie?

Hertneck: Eine Turnierpartie kann fünf bis sechs Stunden dauern. Um am Ende zu gewinnen oder ein Remis zu halten, muss man seine letzten Reserven mobilisieren.

Und dann wird wie im Fußball geduscht?

Hertneck: Nein, das nicht. Aber man setzt sich gern noch eine halbe Stunde mit dem Gegner hin und analysiert die Partie.

Auch, wenn er einen mattgesetzt hat?

Hertneck: Dann nicht so gern, aber das hängt vom Gegner ab.

Wie sehen unangenehme Gegner aus?

Souquet: Sie versuchen irgendwelche Tricks, um deinen Fluss zu stören, sprechen dich etwa kurz vor dem Stoß an.

Hertneck: Wenn beim Schach eine Figur geschlagen wird, stellt man sie neben das Brett. Manche Spieler - das ist eine ganz große Unart - nehmen die Figur des Gegners und drehen sie im Blickfeld hin und her. Nichts stört mich mehr in der Konzentration. Ich gehe dann meist zum Schiedsrichter, um mich zu beschweren.

Souquet: Beim Billard sitzen die Spieler meist in einer bestimmten Ecke. Bin ich am Tisch und spiele in diese Richtung, hat sich mein Gegner ruhig zu verhalten. Manche fuchteln dann mit dem Handtuch, um sich den Schweiß abzuwischen, oder greifen genau in diesem Moment zum Glas, um zu trinken. Auch so eine Unart.

Sie sind Weltspitze, da haben Sie doch sicher selbst ein paar Tricks oder Ticks?

Souquet: Ich mache nichts, um den Gegner rauszubringen.

Hertneck: Bewusst unternehme ich auch nichts. Interessant ist natürlich das Mienenspiel. Ich gelte als jemand, der immer mit einem leichten Lächeln auf die Partie schaut. Das kann bei manchem vielleicht so ankommen, als wollte ich ihn aus dem Konzept bringen. Dabei habe ich einfach nur Freude am Spiel. Ein Pokerface kann einem nach einem Fehler aber helfen.

Apropos: Ist Pokern für Sie auch Sport?

Souquet: Ich denke schon.

Hertneck: Für mich ist es ein Glücksspiel, genauso wie Backgammon. Es geht darum, welche Karten man in die Hand bekommt - da ist der Glücksanteil zu hoch.

Der Faktor Glück spricht gegen Sport?

Hertneck: Für mich schon.

Souquet: Auch mit einem schlechten Blatt kann man den Gegner bluffen. Nur mit Glück wird man nicht Poker-Weltmeister.

Wie hoch ist denn der Glücksfaktor auf den Billardtischen und Schachbrettern?

Souquet: Bei uns leider recht hoch. Der Eröffnungsstoß, das Break, ist unberechenbar. Man kann ihn noch so oft trainieren, Tausende Male, es bleibt immer ein Rest, der sich nicht kalkulieren lässt. Der Glücksanteil wird nach dem Break deutlich geringer, bleibt aber. Man kann nicht jede Karambolage berücksichtigen, zumal, wenn man mehrere Kugeln bewegen oder über zwei, drei Banden spielen muss.

Gerald Hertneck.

(Foto: )

Hertneck: Wie beim Schach. Als Großmeister sollte ich eigentlich mit fast jedem Zug meines Gegners gerechnet haben. Macht er etwas Unerwartetes, ist es auch Glück, wenn ich eine gute Antwort finde, oder wenn die Stellung diese hergibt. Wenn jemand behauptet, im Schach gebe es kein Glück, ist das eine Fehleinschätzung. Einfach, weil beide Spieler nicht perfekt sind.

Poolbillard klingt immer nach Kneipe und Zigarettenrauch. Herr Souquet, Sie haben das Spiel ja selbst in der Gastronomie Ihrer Eltern erlernt.

Souquet: So ist es halt entstanden, das muss man akzeptieren. Früher haben auch fast alle guten Spieler geraucht - das gibt es heute nur noch im Film, wenn es um Mord oder Drogen geht. Dann ist komischerweise immer ein Billardtisch im Bild.

Hertneck: Wir haben auch eine Kneipenvergangenheit. Im 19. Jahrhundert wurde im Schachcafé gespielt. Damit habe ich auch kein Problem, das gehört zur Schachkultur. Schon in meinem ersten Schachverein wurde so stark gequalmt, dass mir regelmäßig die Augen tränten. Meine Schachbegeisterung war aber stärker.

Und: Sind Ihre Disziplinen nun Sport?

Souquet: Billard ist ganz klar Sport. Viele wissen nicht, dass wir in einer Liga spielen und dass es Meisterschaften gibt.

Hertneck: Das gilt auch für Schach, es ist auch als Mannschaftssport organisiert, es gibt ein strenges Reglement und zehn Ligen. Ich spiele in der Bundesliga, die als die stärkste Schachliga der Welt gilt. Da wird an acht Brettern mit acht Uhren gespielt. Wenn das kein Sport ist, was dann?

Ist es nicht alles ein wenig zu langsam und fürs Fernsehen recht unattraktiv?

Souquet: Nein, nicht Poolbillard. Es ist dynamisch, hat Action.

Hertneck: Beim Blitzschach hat jeder genau fünf Minuten für die Partie - da wird keinem langweilig. Beim Schnellschach, wenn jeder 20, 25 oder 30 Minuten hat, dauert die Partie 40 bis 60 Minuten - auch daraus ließe sich etwas machen.

Trotzdem, die TV-Sender wollen nicht.

Hertneck: Als Zuschauer braucht man schnell einen Überblick - den bekommt man beim Billard, weiß gleich, dass die Kugeln in die Taschen zu spielen sind. Nicht so beim Schach, da muss man tiefer einsteigen, muss sich vorher mit den Regeln und Grundstrategien beschäftigt haben, sonst kommt man nicht rein.

Das Fernsehen orientiert sich an der Einschaltquote ...

Hertneck: ... die bei rund 90 000 organisierten Spielern in Deutschland nicht hoch sein kann. Schade, Schach wäre eine sehr fesselnde, intellektuelle Unterhaltung.

Mit der Ausstrahlung im Fernsehen kämen Sponsoren - und Geld. Wie steht es um die Finanzen in Ihren Sportarten?

Souquet: In den nächsten Monaten entscheidet sich, ob Billard 2024 in Paris olympisch wird. Wir hatten eine große Kampagne, die Chancen stehen wohl sehr gut. Sollte das passieren, dann gibt es natürlich deutlich mehr Geld.

Hertneck: Das ist im Schach katastrophal. Selbst starke Großmeister haben Mühe, über die Runden zu kommen. Ich habe mich früh dagegen entschieden, Profi zu werden, ich wollte nicht als Trainer enden.

Souquet: Nur als Profi konnte ich so erfolgreich werden. Wir wären auch durchaus interessant für Sponsoren, wenn wir mehr Zuschauer im Internet bekämen. Wir haben viele Live-Streams, die aber etwas kosten. Müsste man dafür nicht zahlen, würden viel mehr Menschen das Angebot nutzen. Und die großen Momente miterleben.

Hertneck: Mein größter Moment in meiner Schachkarriere war 1991, der Tag, an dem ich Großmeister wurde. In einem Hotel in Schwabing, es gab weniger als 500 Großmeister auf der Welt. Ein großartiger Moment. Ich hatte die Krone erreicht.