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Curling:Den Dreh raus

Curling

Unter deutsch-kanadischer Flagge: Curler Ryan Sherrard.

(Foto: Richard Gray/WCF/oh)

In Kanada, der Heimat des deutschen Nationalspielers Ryan Sherrard, rangiert Curling hinter Eishockey auf Platz zwei. Hierzulande gibt es kaum Trainingsmöglichkeiten.

Er schiebt die Salz- und Pfefferstreuer über den Holztisch und testet ihre Reibung. Dann erklärt er, wie man das eine Gewürzgläschen anstoßen und drehen müsse, damit es das andere umkurvt, ein "Come around" sei das. Ryan Sherrard lacht, sagt, dass kein Salzstreuer vor ihm sicher sei. Das "Prinzip Curling" funktioniere überall, sogar hier auf dem Cafétisch mitten in Schwabing.

Die Theorie - darauf muss sich der ehemalige kanadische Jugendweltmeister oftmals beschränken. Denn in München, wo er seit mehr als zehn Jahren lebt, fehlen die Trainingsstätten. Gern würde er seinen Freunden hier zeigen, wie viel Sport und Spaß in Curling steckt - Curling als Mitmachevent, als Bewegungsform, die einem Untrainierten schnell kleine Erfolgserlebnisse bescheren kann. Und schon ist sie da, die Frage, ob Curling dann überhaupt Sport sei. Sherrard, 32, seufzt.

In Kanada bezweifle das keiner, "dort kommt Curling auf einer Beliebtheitsskala gleich hinter Eishockey". Jeder noch so kleine Ort habe einen Curling-Klub, insgesamt 1500. Eine vergleichbar um sich greifende Leidenschaft gibt es in Europa nur in Skandinavien, der Schweiz - und in Schottland, wo Curling im 16. Jahrhundert erfunden wurde. "In Deutschland haben wir nur fünf oder sechs Flächen, auf denen professionelles Curling möglich ist", bedauert Sherrard. "Die meisten im Süden: in Garmisch, Füssen, Oberstdorf und Baden-Baden." Er bedauert das, weil sich damit keine Curling-Kultur entwickeln könne - und weil ihn die Anfahrt zum Eissportzentrum in Füssen zwei Stunden kostet. Fast jedes Winterwochenende verbringt er dort, packt am Freitagmorgen zu Hause in seiner kleinen Pasinger Dachgeschosswohnung die speziellen Curling-Schuhe ein, ein Schuh teflonbeschichtet, der andere mit regulärer Gummisohle. Von der Arbeit als Biologie-Doktorand an der Ludwig-Maximilians-Universität fährt er dann am Abend zum Hauptbahnhof und von dort nach Schongau. "Zusammen mit all den Neuschwanstein-Touristen. Es ist eng."

Das erste Trainingswochenende in diesem Jahr hätten die Schneemassen fast vereitelt. Eine halbe Stunde Verspätung hatte Sherrard, dreißig wertvolle Trainingsminuten. Aber er lässt sich nicht hetzen, schätzt das Wiedersehen der Teamkollegen, umarmt, plaudert. Dann streift er sich die schwarze Hose über: 4-Way-Stretch, leicht und wärmend, kein Produkt aus Herzogenaurach oder USA, sondern des auf Curling spezialisierten Herstellers in Kanada.

Schon Sherrards Vater hatte eine Vorliebe für Curling. Eine genetische Disposition also? Na ja. Wann immer der Vater Curling im Fernsehen guckte, wollte der kleine Ryan, dass umgeschaltet wird, hielt das Spiel auf dem Eis für dämlich. Bis 1998, da war Ryan gerade zwölf. Curling hatte es wieder ins olympische Programm geschafft. Und Kanadas Frauen holten mit Skip Sandra Schmirler Gold in Nagano. Ryan Sherrard war beeindruckt.

Der Vater nahm ihn dann also mit zum Curling. Und schon als Ryan die ersten Steine übers Eis schob, zeigte sich sein Talent. Einen Tag später war er Mitglied im örtlichen Verein und wenige Jahre danach Jugend-Weltmeister. "Ich hatte mich dem Sport verschrieben. Jeden Tag nach der Schule wollte ich zum Curling. Ich und das Eis, das hat mir stundenlang gereicht. Der Eistechniker hat irgendwann das Licht ausgemacht und mich rausgeschmissen."

Mittlerweile spielt Sherrard für das deutsche Nationalteam, in das er 2016 als Ersatz für den verletzten Sebastian Schweizer rutschte und mit dem Team sogleich EM-Fünfter in Glasgow wurde. 2018 schafften sie in Tallinn sogar Platz vier. "Wenn das kein Sport ist!" Der 32-Jährige wird leidenschaftlich. "Klar, es geht nicht gerade um körperliche Überlegenheit." Wenngleich Fitnesstraining eine immer wichtigere Rolle spielt, etwa zum Muskelaufbau für das Wischen mit dem Besen: "Auf hohem Niveau geht es um genau diesen kleinen Unterschied", sagt Sherrard - und stupst den Salzstreuer gefühlvoll in Richtung Tischkante.