Christine Strobl, Beatrix Zurek und Marion Schöne "Ein paar Sprüche muss man sich schon anhören"

Die Frauen des Münchner Sports über Hoeneß, Mateschitz und die neue Halle im Olympiapark.

Interview von Stefan Brunner und Ralf Tögel

SZ: Die FC-Bayern-Anhängerin Christine Strobl und Löwen-Fan Beatrix Zurek, kann das im gemeinsamen Berufsalltag gut gehen?

Christine Strobl: (lacht) Das ist doch mal eine Alternative zum Bierpreisstreit.

Beatrix Zurek: Frau Strobl wird sowieso gleich sagen, dass man über manches Fußballniveau besser gar nicht erst spricht.

Strobl: Aber wer 1860 so lange die Treue hält, der übersteht auch vieles andere.

Und Sie, Frau Schöne? Rot oder blau?

Marion Schöne: Eher der FCB, auch ab und zu Frauenfußball, zum Beispiel als Bayern gegen Turbine Potsdam spielte.

Drei Frauen in den wichtigsten Positionen - ist Münchens Sport in Frauenhand?

Schöne: Im Funktionärsbereich und in den Verbänden gibt es kaum Frauen. Es ist also wichtig, dass wir Frauen leitende Funktionen im Sport einnehmen. Wenn in den Gremien mehr Frauen sitzen, wird sich der Umgang miteinander ändern.

Wie wird denn mit Ihnen umgegangen?

Strobl: Wenn Mann etwas von einem will und Frau es ist, die etwas in Gang setzen oder blocken kann, dann sind die Verhältnisse doch klar.

Zurek: Es hängt auch davon ab, wie man mit den Themen umgeht. Merken die Menschen Leidenschaft, wird man respektiert.

Auch von hart gesottenen Fußballfunktionären?

Strobl: Mit FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß komme ich zum Beispiel ganz gut aus. Das hängt aber vielleicht auch mit meiner Position zusammen.

Bringt Uli Hoeneß Tickets mit, wenn er kommt und etwas will?

Strobl: Wir haben ja Karten über den Erbbauvertrag als Stadt. Vertrauen schaffen wir durch große Sachkenntnis. Ich bin jetzt seit zwölf Jahren als Bürgermeisterin für diesen Bereich zuständig, für angenehme wie unangenehme Belange.

Wann war es unangenehm?

Strobl: Zum Beispiel bei der Hockey-Förderung. Wir haben uns mit der Bitte um Unterstützung an Freistaat und Bund gewandt: abgelehnt! So konnten wir das Projekt nicht unterstützen. Beim Eiskunstlauf waren wir uns auch nicht einig.

Zurek: Der Olympiastützpunkt ist zwar in Oberstdorf angesiedelt, für viele Sportler war es aber bequemer, hier in München zu trainieren. Die Vereinbarung zum unentgeltlichen Trainieren ist Ende 2016 nach 25 Jahren ausgelaufen.

Strobl: Unentgeltlich - das steht natürlich in keiner Relation zu den Betriebskosten, die wir in dieser Zeit zu stemmen hatten. Dazu passt das Beispiel Werner-von-Linde-Halle im Olympiapark: Wir hatten Baukosten von etwa 10,8 Millionen Euro. Der Bund steuerte 2,8 Millionen bei, dafür ist jetzt aber 25 Jahre der Olympiastützpunkt der bestimmende Faktor. Wollen wir rein, müssen wir zahlen, obwohl wir als Stadt den Großteil der Investitionen geschultert haben. Deswegen überlegen wir intensiv, unter welchen Bedingungen wir den Leistungssport noch unterstützen können.

Auf dem Spitzensport-Summit im November wurde der Vorwurf laut, dass die Stadt den Spitzensport vernachlässige.

Zurek: Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Wir fördern den Breitensport; wir sind zuständig dafür, dass ein Kind, zum Beispiel aus dem Hasenbergl, seinen Sport ausüben kann, auch wenn seine Eltern es vielleicht nicht unterstützen können. Da gibt es einfach klare Zuständigkeiten.

Also geht Breitensport vor?

Zurek: Die Stadt fördert auch Spitzensport, der Stadtrat hat ein Leistungssportkonzept beschlossen. Aber letztlich ist es doch an Bund und Land, den Leistungssport zu fördern. Dass diejenigen, die Medaillen wollen, auch das Geld dafür geben.

Sie fühlen sich im Stich gelassen?

Zurek: Der Sport wird im Stich gelassen. Der Gesamtetat des Freistaats Bayern umfasst ja ein paar Euro mehr als unserer. Trotzdem gibt die Stadt mehr Geld für die Förderung des Breitensports aus.

Wenngleich eine Stadt mit dem Spitzensport natürlich wunderbar werben kann.

Strobl: Aber zu welchen Kosten! Gehen wir eine Ebene höher: Das IOC muss sich irgendwann etwas einfallen lassen, sonst wird keine Stadt, in der Bürgerinnen und Bürger mitbestimmen, also Bürgerentscheide stattfinden können, zukünftig dieses Groß-Event ausrichten wollen. Dann findet so etwas halt nur noch in Kasachstan statt. Wir sind auf dem direkten Weg dahin, dass die wunderbare Idee von Olympischen Spielen zerstört wird.

Schöne: Wir müssen wieder dahin kommen, dass der Sport seinen eigentlichen Charakter erhält, Emotionen weckt, für Lebensqualität steht, für Teamgeist und Fairness. Das ist kaputt gegangen, deswegen gab es ja den Bürgerentscheid gegen die Olympischen Spiele.

Ist München denn die Sportstadt, als die sie stets angepriesen wird?

Zurek: Wenn man bei uns allein die Bezirkssportanlagen zählt, die Stadien, die Schwimmhallen, und wenn man dann sieht, wie viele Vereine wir haben: Im Breitensport sind wir die Nummer eins.

Zurück zum Job, müssen Sie sich den Respekt mehr als die Männer erarbeiten?

Schöne: Durchaus, ich bin in meiner Position ja die erste Frau seit 40 Jahren. Ein paar Sprüche muss man sich schon anhören, manchmal muss man etwas weglächeln können. Die Kollegen fanden es zum Beispiel total lächerlich, als ich mir das Frauenfußballspiel vom FC Bayern gegen Turbine Potsdam angeschaut habe - so nach dem Motto: Das ist doch kein Fußball.

Welcher Typ Mann sagt denn, dass das kein Fußball sei?

Schöne: Also bitte, das sagen doch ganz viele Männer. Das möchte ich auch nicht nur auf meine Kollegen bezogen wissen.

Strobl: Frauen werden anders beurteilt als Männer. Sie können noch so fantastische Reden halten. Aber hast du einen Versprecher, ist das gleich furchtbar, erinnern Sie sich an Carmen Thomas mit "Schalke 05"? Bei Männern ist das kein Thema ...

Zurek: ... aber bei Frauen heißt es gleich, die hat keine Ahnung.

Schöne: Kürzlich stand in der Bild, dass Frauen jubeln werden, weil bald die Abseitsregel abgeschafft werde.

Strobl: Ich lächle das nicht immer weg, ab und zu haue ich auch auf den Tisch.

Wirkt das?

Strobl: Kommt darauf an, welches Drohpotenzial ich habe. Ich sage dann gern, dass man da mal intensiv mit dem Stadtrat darüber reden müsse.

Reden Sie mit dem Stadtrat auch über Ihre Visionen? Und wie sehen die aus?

Strobl (an Zurek): ... bestimmt, dass Sechzig in die Erste Liga aufsteigt.

Zurek: (lacht) Ich möchte die Vision schon auch erleben. Mein Wunsch ist Sportgerechtigkeit: dass jeder seinen Wunschsport und sich ausprobieren kann. Zum Beispiel beim Outdoorfestival im Olympiapark. Ich habe mich dort selbst sogar bis aufs Olympiadach raufgewagt.

Strobl: Meine Vision ist, dass wir dem Wachstum, dem die Stadt ausgesetzt ist, auch im Sport gerecht werden. Von 2009 bis 2016 haben wir 160 000 Münchner dazubekommen. Das bedeutet für den Infrastrukturaufwand eine Nutzungskonkurrenz. Jeder denkt natürlich zuerst an Wohnungen und Schulen. Aber die Bürgerinnen und Bürger wollen auch Sport treiben.

Die Stadt plant 100 neue Halleneinheiten bis 2030.

Strobl: Ja, wir haben Glück, dass wir immer noch große Neubaubereiche haben, etwa in Freiham, dort entsteht ein großer Campusbereich.

Zurek: Wir haben die Chance, mit dem Bauprogramm auch Schwimmbäder zu bauen, zum Beispiel eine 50-Meter-Bahn in der Bayernkaserne. Und unsere gesamten Bezirkssportanlagen werden sukzessive saniert. Vier pro Jahr.

Bekommt unter Ihrer Führung die Sportlerin mehr Aufmerksamkeit?

Strobl: Jetzt sind wir bei meiner zweiten Vision: stärkeres Augenmerk auf Mädchen-Sportarten. Der Schwerpunkt der Bezirkssportanlagen ist immer Fußball. Wir haben Zahlen, dass nicht einmal zehn Prozent Mädchen darunter sind.

Schöne: Weibliche Sportarten sind etwa Tanzen, Gymnastik, bei Älteren auch Yoga.

Strobl: Und alle Mädchen wollen reiten. Wenn ich das sage, ernte ich immer großes Gelächter. Wieso aber ist das so absurd? Wir haben riesige Flächen, die wir für Fußball vorhalten. Reiten ist kein billiger Sport - warum kann man das nicht Menschen ermöglichen, die das wahnsinnig gern machen möchten, denen aber das notwendige Kleingeld fehlt? Über 90 Prozent der Aktiven sind Mädchen und Frauen. Aber wir investieren hier praktisch nichts.

Zur Wiesn ist ein großes Rugby-Turnier im Olympiastadion - ein Männerturnier.

Zurek: Die Sportart ist ja nicht schlecht, nur weil sie von Männern ausgeführt wird.

Schöne: Wir machen das zur Wiesnzeit, weil viele Gäste aus den Rugby-affinen Ländern in München sind. Rugby ist nun mal ein von Männern dominierter Sport, der aber inzwischen auch von Frauen betrieben wird. Ähnlich verhält es sich bei Munich Mash. Wir haben Extremsportarten nach München geholt. Aber die Teilnehmer sind leider nur Jungs und junge Männer, obwohl etwa Skateboard auch von jungen Mädchen betrieben wird. Ich werde mich da einbringen und versuchen, Mädchen als Athletinnen zu gewinnen.

Strobl: Den Mash finde ich grundsätzlich auch gut. Nicht gut fand ich dagegen, das sage ich hier ganz ungeschützt, den Parallelslalom, auch wenn er im ersten Jahr viele Zuschauer hatte. Skifahren in der Stadt unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen halte ich aus Umweltgründen für keine gute Idee.

Schöne: Aber das war ein schöner Event, Frau Strobl. 2011 war das ein traumhaftes Erlebnis bei winterlichen Bedingungen. Und: Sport als pure Sportveranstaltung existiert ja nicht mehr.

Macht es das für Veranstalter besonders schwierig?

Schöne: Nein, das bringt die Entwicklung mit sich. Wir können uns dem eh nicht entziehen. Wenn man heute zu einem Basketballspiel des FC Bayern in den Audi Dome geht, dann ist da Stimmung, da passiert viel drum herum, der Lärmpegel ist wie bei einem Rockkonzert im Olympiapark.

Auch der Olympiapark entwickelt sich: Die Olympiahalle wird gerade für 100 Millionen Euro saniert, bald wahrscheinlich das Stadion.

Schöne: Es ist richtig, momentan wird die Olympiahalle saniert und wir hoffen, dass der Stadtrat sich auch für die dringend nötige Sanierung des Stadions entscheidet.

Strobl: Nachdem die Halle jetzt technisch wieder gut dasteht, bekommen wir vielleicht mal wieder eine Turn-WM.

Schöne: Da wären wir wieder bei der Geschlechtergerechtigkeit. Das ist etwas, was eher Frauen anspricht. Meine Vision ist, dass wir den Olympiapark wieder mehr als Sportpark beleben, auch mit internationalen Spitzensportveranstaltungen. Ich bin zum Beispiel froh, dass wir die Handball-WM hierher holen - auch wenn es mit der Vorrunde nur eine kleine Geschichte ist.

Strobl: Für die kleine Geschichte blättern wir mal eben 500 000 Euro hin.

Ein Schnäppchen, verglichen mit den 100 Millionen Euro, die Red Bull für die Multifunktionshalle im Olympiapark zahlen will. Kommt die Halle nun?

Strobl: Wir haben uns kürzlich hier im Rathaus getroffen, Dietrich Mateschitz (Red-Bull-Eigentümer, d. Red) und Uli Hoeneß sind offenbar in sehr gutem Kontakt. Die Stadt muss jetzt die Konditionen prüfen, die auf sie zukommen - denn wir werden neben den Bayern ja Mieter der Halle sein. Wir nutzen sie dann für den Publikumseislauf, Breitensport, natürlich für den Schulsport. Und für Shorttrack, weil wir den Jugendstützpunkt haben. Wir stellen den Grund auf Erbpachtbasis, und Red Bull übernimmt die Investitionskosten.

Dann kann es losgehen?

Strobl: Ich denke schon. Parallel laufen bereits die Gespräche im Planungsreferat, in der Kämmerei, im Bewertungsamt. Der Denkmal- und Ensembleschutz ist zu berücksichtigen. Die Konditionen für uns waren lang nicht klar, denn ohne die Bayern wären wir ja der einzige Mieter gewesen.

Wie sind denn die Verhandlungen mit den Alphatieren Mateschitz und Hoeneß für eine Frau?

Strobl: Mit Herrn Mateschitz persönlich habe ich noch nicht gesprochen, mit Herrn Hoeneß kann man sehr gut verhandeln.

Schöne: Klar ist, dass wir kein wirtschaftliches Risiko übernehmen. Wir bieten unsere organisatorische Dienstleistung an, die entsprechend vergütet werden muss.

Was passiert mit dem Eisstadion?

Schöne: Es sollte kein Schnellschuss werden, alle Beteiligten sollten sich zusammensetzen und ein Konzept erarbeiten.

Strobl: Wenn das Eis draußen ist, könnte man eine Skaterhalle daraus machen, Munich Mash hatten wir ja auch schon drin.

Insgesamt sicher billiger, als die Eishalle für 30 Millionen Euro zu sanieren.

Schöne: Mit Sicherheit.

Dann könnte es noch mit der neuen Halle zur Handball-WM 2019 klappen?

Strobl: Mit der reinen Bauzeit vielleicht, aber wir müssen bestimmte Verfahren einhalten. 2020 ist vielleicht realistisch.

Und wie wird die Halle dann heißen?

Strobl: Das weiß ich nicht, aber ich glaube, man ist sich einig.

Kommt ein roter Bulle aufs Dach?

Strobl: Dazu kann ich nichts sagen.

Was würden Sie sich denn wünschen?

Strobl: (lacht) Das Münchner Kindl.

Zurek: Das Münchner Kindl mit einem Basketball und einem Eishockeyschläger ...

Strobl: ... das in einem bestimmten Auto sitzt und lässig eine blau-silberne Dose in der Hand hält.