Boulderhalle In 4,5 Meter Höhe ist der Gipfel erreicht

"He, willst du mit mir 'ne Halle bauen?" Zwei junge Münchner betreiben die größte Boulderhalle der Welt. Am Samstag ist Eröffnung.

Von Agnes Fazekas

Sie sollen niemandem Angst einjagen - das ist das Wichtigste: die Walzen, Steilwände und Blöcke, die durch die Halle an der Friedenstraße purzeln, als ob ein Riese mit Bauklötzen gespielt hätte. Die drei Frauen, die gerade ihre Köpfe durch das Tor stecken, finden die Halle jedenfalls gar nicht Furcht einflößend: "Viel heller und freundlicher als früher!" Sie suchen nach ihren ehemaligen Arbeitsplätzen: Dort in der Ecke haben sie Papier versandfertig gemacht.

Der 26-jährige Sportökonom und Wettkampfkletterer Markus Grünebach (links) und sein Kompagnon Dave Cato haben sich mit der "Boulderwelt" einen Traum verwirklicht.

(Foto: region.mue)

Bald werden sich hier Sportler an der Bar stärken - und nicht nur Typen mit V-förmigen, nackten Oberkörpern und Mädels mit schwieligen Händen, die gerade noch an den Plastikgriffen ihre Muskeln spielen lassen haben. "Wir wollen ein ganz leichtes Einstiegsniveau bieten, viele Parcours mit Riesenhenkeln", sagt Markus Grünebach. Um seine Augen ziehen sich rote Ränder und Kunstharz klebt in seinem Haar.

Der 26-Jährige ist Sportökonom und Wettkampfkletterer. Er, sein Kompagnon Dave Cato und der dritte Partner - von dem das Geld kommt - haben durchgearbeitet die vergangenen 80 Stunden. Es ist nicht der Traum von hohen Gipfeln.

Es ist die Vision, eine Sportart ins Licht zu rücken, die bisher in den muffigen Ecken der Kletterhallen eher ein Aschenputtel-Image pflegte. Außerdem geht es natürlich ums Geld. Es gibt gar nicht so wenige, die Indoor ohne Seil klettern - in München, der Stadt mit den 140.000 Alpenvereinsmitgliedern.

Lichtblau und hellgrau verkanten sich die mit Expoxidharz und Sand gestrichenen Flächen in der weltgrößten Boulderhalle, die diesen Samstag mit einem Jedermann-Wettkampf eröffnet - auf dem Areal eines halben Fußballplatzes. Am Sonntag ist Tag der offenen Tür.

So rau sind die Platten, dass der Gummi der Kletterschuhe ohne viel Druck darauf haftet. Die aufgeschraubten Griffe leuchten grell. Manche sind geformt wie zerbrochene Ziegel, andere wie organische Wülste.

Die Hände bleiben fast von selbst kleben. Wer fällt, landet auf Weichbodenmatten. Beim Bouldern wird ungesichert geklettert, dafür geht es nicht so hoch hinaus. In der "Boulderwelt" ist bei 4,50 Meter Schluss.

"Hier werden sich viele Singles tummeln"

So weit ragt die Wettkampfwand in die ehemalige Industriehalle: das Aushängeschild. "Probleme", nennen die Boulderer ihre Touren, weil es wie Schachspielen für den Körper ist. Wie belaste ich den Griff, wie drehe ich mich, welche Muskelpartien spanne ich an?

Es ist ein Sport, den man alleine genauso gut ausüben kann wie in der Gruppe, aber meist bleibt man nicht lang allein. "Hier werden sich viele Singles tummeln", prophezeit Cato und grinst breit.

Der 31-Jährige hat vor 15 Jahren im englischen Gritstone mit dem Klettern begonnen, ist um die Welt gebummelt und in München gelandet. Er gehört zu der Handvoll Profi-Routenschrauber. "Dave kann auch eine leichte Tour schön schrauben, das ist die große Kunst - Schwer geht immer, dann lässt man halt was weg", sagt Grünebach. Und das ist es, was die beiden wollen: Eine Boulderhalle für die breite Masse, für den Übergewichtigen, den Wettkampf-Profi, den Geschäftsmann und den Kindergeburtstag. Grünebach selbst wird Ende Juli in München beim Weltcup antreten, Cato die Touren dafür schrauben.

Seit Monaten posten sie auf Facebook die Bau-Fortschritte und säen Neugier in der Szene. Für jeden soll was dabei sein. Deswegen gibt es nicht nur das Piratenschiff und die Rapunzel mit dem dicken Zopf aus Klettertau für die Kinder, sondern auch ein "Tussi-Eck" mit pink-lila gepunkteten Griffen und eine System-Trainingswand, die aussieht als ob ein grünes Schleim-Monster darauf explodiert wäre. Die Rapunzel hat Physiotherapeutin Corinna Volkmann gemalt. Sie wird eine Praxis in der Boulderwelt betreiben.

Auch Freunde haben mitgebaut, die sich einfach auf die Halle freuen. So funktioniert es: Jeder hilft mit, wo er kann, und manchmal auch, wo er eigentlich nicht kann. Zum Beispiel als Grünebach behauptete: "Die Theke bau ich." Er hatte da noch nie gemauert. Ein bisschen Übermut gehört vielleicht dazu. Aber das sie falsch liegen könnten, das kann sich keiner vorstellen. "Jeder will doch einen Knackarsch", sagt Cato.

Die meisten Nerven hat der Bistroblock gekostet. Das Ungetüm trutzt im Zentrum wie eine Festung. Ab und an kann es passieren, dass ein Kopf über die Brüstung lugt: Auch das Bistro ist bekletterbar. Die Auflagen verlangen, dass sich 170 Personen auf der Plattform aufhalten und 80 an den Griffen hängen können. "Wir könnten einen Panzer drauf parken", sagt Grünebach. Dabei fing es so harmlos an: Die zwei fuhren nach Heilbronn, um für einen Wettkampf zu schrauben.

Da sagte Cato plötzlich: "He, willst du mit mir 'ne Halle bauen?" Eineinhalb Jahre ist das her. Zu dritt guckten sie sich um, im Dezember war diese Halle annonciert. "Wir wollten etwas Großes machen, aber dass es die größte Boulderhalle der Welt werden würde, war uns nicht klar." Cato lacht unbekümmert. Tausende von Griffen wird er noch in Bewegungsprobleme verwandeln, auf 1300 Quadratmeter Kletterfläche. Es stresst ihn nicht. Mit Problemen kann er umgehen.

Muskelkater inklusive

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