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Boulderer Averdunk:Gleichung mit Unbekannten

Alexander Averdunk

Spezialist für schwierige Aufgaben: Alexander Averdunk sagt, Olympic Combined, der Dreikampf auf Lead, Speed und Bouldern, „ist auch eine sehr interessante Disziplin“. Beim Weltcup-Finale im Bouldern will er seinen Heimvorteil nutzen.

(Foto: Lukas Barth)

Alexander Averdunk aus Markt Schwaben mischt die deutsche Boulder-Szene auf - am Wochenende startet der 18-Jährige bei der Jugend-WM in Italien

Von Maximilian Ferstl

Alexander Averdunk hängt drei Meter über dem Boden mit beiden Händen an einem schwarzen Griff. Sein rechter Fuß hat auf einem kleinen Vorsprung Halt gefunden, sein linker baumelt in der Luft. Dann drückt er sich nach oben und bekommt den kleinen Zielgriff zu fassen. Er ballt die rechte Hand, ganz weiß von der Magnesia-Kreide, zur Faust. 4000 Zuschauer jubeln. Was noch niemand ahnt: Am Ende wird Averdunk Siebter. Einen Platz vor Adam Ondra, dem Weltmeister und Star der Szene - und das bei seinem ersten Weltcup. Die Medien werden aufmerksam, der Bayerische Rundfunk richtet seine Kamera auf ihn. Der 18-Jährige sagt: "Es ist super, wenn die Idole zu Konkurrenten werden."

Ein paar Tage später sitzt Alexander Averdunk auf einer Couch in der Boulderwelt am Münchner Ostbahnhof. Viermal pro Woche übt er hier an der steilen Wand. Auch jetzt sind seine Hände weiß. Etwas von dem Kreidepulver hat sich in seinem verstrubbelten, rot-blonden Haar verfangen. Er hatte Zeit, den Heimweltcup einzuordnen. An diesem Wochenende beginnt die Jugend-Weltmeisterschaft in Arco, ein guter Zeitpunkt, um über das zu reden, was im Münchner Olympiastadion passiert ist, und was noch passieren soll.

Alexander Averdunk, 1,76 groß, dünne Arme, schmale Schultern. Eher schmächtig wie Ondra, nicht muskulös wie Jan Hojer, Deutschlands Bester an der senkrechten Wand. Der 18-Jährige aus Markt Schwaben kennt Hojer aus dem Nationalkader. Seit diesem Jahr trainiert er mit den Erwachsenen. Averdunk weiß, wie es sich anfühlt, mit den Großen zu klettern. Neu ist, dass er sie im Wettkampf schlägt. "Ich konnte es nicht glauben", sagt er oft. Mit dem Ergebnis war auch nicht unbedingt zu rechnen: Bei der EM in Innsbruck, seinem ersten großen Wettkampf, war er 59. Das zeigt, wie groß dieser siebte Platz ist.

In München war er so eben ins Halbfinale gerutscht. Dort schaffte er - zum eigenen Erstaunen - die letzte der vier Wände. Eine knifflige Route. Zwei Kanten, über 90 Grad geneigt, "wohl eine der schwersten Routen meines Lebens". An ihr scheiterte unter anderem Dmitri Sharafutdinov. Zuerst glaubte Averdunk, der dreimalige Weltmeister habe einfach einen schlechten Tag. Dann sah er, dass es anderen genauso ging. Fast wäre Averdunk sogar ins Finale der besten Sechs eingezogen. Nur ein Bonusgriff, die Zusatzwertung auf halber Strecke, fehlte. Enttäuscht sei er nicht, sagt er und fügt lachend ein "um Gottes Willen" an.

Averdunk ist ein kluger Kopf, Klasse übersprungen, Einser-Abitur. Einer, der weiß, wo er steht. Vergleicht er sich von nun an mit den Großen? "Nein. Der Ondra ist mit 13 eine 9a geklettert, eine der schwersten Routen die es gibt." Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Beim Deutschen Alpenverein hoffen sie, dass ihm dieser Erfolg einen "Motivationsschub" gibt. Nächstes Jahr will er mehr Weltcups klettern.

Die Profis reisen monatelang um die Welt, zu schwierigen Felsen, zu Wettkämpfen in Amerika und Asien. "Das geht bei mir nicht", sagt Averdunk. Im Oktober beginnt das neue Semester an der TU München, sein drittes. Studiengang: Informatik, "viel Lernen, viel Mathe". Vielleicht ist das ein Vorteil, "dieser mathematische Blick". Sein Trainer Christoph Gabrysch sagt, Averdunk analysiere die Probleme einer Wand besser als andere. "Was bei anderen schwierig aussieht, sieht bei ihm leicht aus, weil er den optimalen Ansatz findet."

Averdunk redet über Bouldern wie ein Mathe-Lehrer über Gleichungen. Man müsse "den richtigen Lösungsweg" finden. "Es gibt immer mehrere Wege, einer davon ist der leichteste." Es sei wie bei einem Puzzel. Natürlich kann man jedes Teil einzeln an ein anderes halten. Viel einfacher ist es, mit dem Rand zu beginnen und die Teile nach Farben zu sortieren. Als Kind hat er viel gepuzzelt, "bis zu 5000 Teile". Die Schachteln füllen zu Hause einen ganzen Schrank. Er löst immer noch gerne Probleme, nur hat sich das Spiel verschoben, vom Boden an die Wand.

Am Freitag brachte ein Bus das deutsche Team zur Jugend-WM nach Italien. "Ich will auf jeden Fall ins Finale", sagt Averdunk, er klingt zuversichtlich. "Ich weiß jetzt, dass ich vorne mitklettern kann." Egal, wer die Gegner sind. Die Gegner am Wochenende sind stark. Jongwon Chon, der in München den Gesamtweltcup gewann, oder Nathaniel Coleman, "der jederzeit einen raushauen kann". Das kann Averdunk auch, wenn er die richtige Lösung findet.

© SZ vom 29.08.2015
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