Boulder-Weltcup Top!

„Wo Janja im Moment steht, das ist einfach irre“: Garnbret, die 20-jährige Slowenin, hat alle bisherigen vier Weltcups in diesem Jahr gewonnen – und deklassierte in München das restliche Feld.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Die Slowenin Janja Garnbret dominiert in München bei schwierigen Bedingungen - und erreicht als einzige Athletin an allen vier Wänden das Ziel. Ihre Konkurrentinnen rutschen gleich reihenweise ab.

Von Elena Bruckner

Am Sonntagabend, kurz nach 20 Uhr, wurde offiziell, was jeder, der den Boulderweltcup im Münchner Olympiastadion verfolgt hatte, mindestens schon seit einigen Stunden wusste: Janja Garnbret ist in der Frauenkonkurrenz dieser Weltcupsaison einfach eine Klasse für sich.

Die 20-jährige Slowenin hatte die letzte Wand in der Finalrunde auf Anhieb bestiegen, sich unter dem rhythmischen Klatschen des Publikums oben vorgearbeitet, hatte beim Sprung den nächsten Griff perfekt zu fassen bekommen, sich mit Händen und Füßen in seitlicher Lage an der Wand festgehalten und hatte schließlich erst mit der linken, dann der rechten Hand nach dem Top gegriffen.

Das vierte Top an der vierten Wand des Finales, damit sicherte sich Garnbret souverän den ersten Platz vor der Französin Fanny Gibert und ihrer slowenischen Teamkollegin Mia Krampl, die mit einer Knieblessur im Finale angetreten war und trotz der Schmerzen drei Boulder bezwungen hatte. Es ist Garnbrets dritter Sieg in Serie beim Weltcup in München in ihrer vierten Saison im Boulderweltcup. "So eine Athletin hätte ich auch gern in meinem Team", kommentierte Urs Stöcker, Bundestrainer des Deutschen Alpenvereins, Garnbrets Leistung und sprach wohl jedem der anwesenden Trainer aus der Seele.

Nur kurze Zeit vorher hatte Garnbret im Halbfinale gezeigt, dass sie die bisherigen vier Weltcups in diesem Jahr keinesfalls nur durch Zufall gewonnen hatte. Von den ersten 19 Halbfinalistinnen hatte nur die Ukrainerin Ievgeniia Kazbekova an der zweiten von vier Wänden das Top erreicht. Garnbret, die schon die Qualifikation am Vortag auf dem ersten Platz beendet hatte, bestritt die nächste Runde als letzte Starterin. Sie trat auf die Matte, warf einen Blick auf die Wand vor ihr und legte los. Als hätte sie Kleber an den Händen, fand sie Halt an Griffen, an denen alle vor ihr abgerutscht waren. An den übrigen drei Wänden bot sich ein ähnliches Bild: Garnbret meisterte Sprünge, an denen ihre Konkurrentinnen gescheitert waren. Auf den letzten Metern des letzten Boulders stellte sie den linken Fuß auf einen Tritt auf Höhe ihres Kopfes und drückte sich nach oben.

Letztlich standen für Garnbret vier Tops in fünf Versuchen auf der Anzeigetafel, nachdem die sehr anspruchsvollen Routen dem restlichen Teilnehmerfeld diese enormen Schwierigkeiten bereitet hatten. "Ich würde sagen, es war das schwerste Halbfinale in diesem Jahr", sagte Afra Hönig, die es nach einigem Zittern in der Qualifikationsrunde als einzige Deutsche in die Runde der besten 20 geschafft hatte.

Zumindest zum Teil waren die größtenteils enttäuschenden Ergebnisse im Halbfinale der Frauen dem Umstand geschuldet, dass die Planer die Bedingungen am Wettkampftag falsch eingeschätzt hatten. Die Routen hatten sie in der Woche vor dem Wettkampf bei kühleren Bedingungen vorbereitet und waren dementsprechend davon ausgegangen, dass die Athletinnen einen besseren Halt an den glatten Kunststoffgriffen haben würden.

So waren unter den sechs Athletinnen, die sich für das Finale qualifizierten - darunter übrigens gleich drei Sloweninnen -, vier, die im Halbfinale keinen einzigen Boulder bezwungen hatten. "Das ist sicher einmalig in der Weltcup-Geschichte, dass man so ins Finale kommt. Es zeigt aber auch, wo Janja im Moment steht, das ist einfach irre", befand Stöcker. In dem Jahr, bevor das Sportklettern in Tokio seine olympische Premiere feiert, zeichne sich bei den Frauen dieselbe Tendenz ab, die sich schon in den vergangenen Jahren bei den Männern gezeigt hatte: Das Niveau wird kontinuierlich höher, gleichzeitig rückt das Teilnehmerfeld immer enger zusammen - mit Ausnahme von Janja Garnbret.

Unterdessen war der Heim-Weltcup für Afra Hönig, die aktuell als beste deutsche Boulderin gilt, nach dem Halbfinale mit dem 17. Platz beendet. Wie der Großteil ihrer Konkurrentinnen war auch die 23-jährige Landshuterin in diesem Halbfinale regelrecht verzweifelt. Auch sie hatte keinen einzigen Boulder geschafft, nicht einmal eine Zone - eine Zwischenwertung auf halber Höhe der Wand - hatte sie erreicht. "Bei den Herren sind wir auf Kurs, bei den Frauen noch nicht. Da müssen wir jetzt taktisch vorgehen", sagte Stöcker. Schon Anfang Juni ist ja der letzte Weltcup in Vail im US-Bundesstaat Colorado. Und im August die Weltmeisterschaft im japanischen Hachioji, etwas westlich von Tokio.