Boulder-Weltcup in München Stadt der Spinnen

Möchte endlich auch bei ihrem Heim-Weltcup ins Finale einziehen: Die Münchnerin Monika Retschy.

(Foto: Marco Kost / DAV)

Fast 250 Boulderer messen sich am Freitag und Samstag in München beim Weltcup-Finale. 2020 wird der Sport olympisch, die Szene ist euphorisch - zum Wettkampf werden wohl wieder 12 000 Zuschauer kommen

Von Sebastian Winter

Jan Hojer hatte nicht den Hauch einer Chance. Der 24-jährige Profikletterer aus Köln, Deutschlands Bester, in der Disziplin Bouldern 2014 WM-Dritter und Gesamtweltcup-Sieger, 2015 Europameister, scheiterte im Finale bereits in der ersten Runde. Kein Siegerscheck über 100 000 Euro, kein Ruhm, keine Ehre. Aber immerhin ein wenig Eigenwerbung vor einem Millionenpublikum, das die Kletterer ja sonst nicht haben. So lief also der jüngste öffentliche Auftritt Hojers - bei der RTL-Sportshow "Ninja Warrior Germany". An diesem Freitag und Samstag möchte Hojer es besser machen, dann geht es auch wieder um richtigen Sport und nicht um Trash-TV mit C-Prominenz wie Thorsten Legat ("Kasalla").

Das Weltcup-Finale der Boulderer steht auf dem Programm. Unter dem Zeltdach des Münchner Olympiastadions kämpfen 94 Frauen und 148 Männer aus 43 Ländern um den Einzug in die Endrunde der jeweils besten Sechs. "So groß war das Feld noch nie", frohlockt Thomas Bucher, der Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV), der den Wettbewerb ausrichtet. Zwischen 50 und 100 Journalisten aus aller Welt erwartet Bucher, aus Australien, Südamerika, den USA. 2010, als der Boulder-Weltcup erstmals in München Station machte, waren es gerade mal eine Handvoll gewesen. Auch daran sieht man, wie sehr dieser Sport gewachsen ist.

Die Münchner Kletterhallen platzen aus allen Nähten, in Thalkirchen steht die größte Kletteranlage der Welt, am Ostbahnhof wurde 2010 die weltweit größte Boulderanlage gebaut. Die Stadt München unterstützt auch den Weltcup jedes Jahr aufs Neue mit 50 000 Euro - immerhin ein Viertel des Gesamtbudgets. Die zukunftsträchtigste Nachricht kam aber am vorvergangenen Mittwoch aus Rio de Janeiro. Dort hatte das Internationale Olympische Komitee am Rande der Spiele Sportklettern ins Programm für Tokio 2020 genommen. Von einem "Markstein" sprach Wolfgang Wabel, Geschäftsbereichsleiter Bergsport im DAV.

Die drei klassischen Disziplinen Bouldern (Klettern ohne Seil an einer vier bis fünf Meter hohen Wand), Lead (Klettern mit Seil auf Zeit an einer zehn bis 20 Meter hohen Wand) und Speed (wie Lead, nur im Eins-gegen-Eins-Duell) werden in Tokio zu einem Dreikampf zusammengefasst, den es in dieser Form noch gar nicht gibt. Denn die Disziplinen sind bislang nicht miteinander verwoben. Auch nicht in München, wo die Zuschauer nun erneut die besten Boulderer der Welt bestaunen können, aber eben keine Lead- oder Speed-Kletterer, weil es für internationale Wettkämpfe hier keinen geeigneten Ort gibt.

Pendelt zwischen Privatfernsehen und Pyramiden-Griffen: Der beste deutsche Kletterer Jan Hojer rechnet sich beim Münchner Weltcup viel aus

(Foto: Claus Schunk)

In jedem Fall dürfte das Weltcupfinale wieder ein ziemliches Spektakel werden. Vergangenes Jahr besuchten 12 000 Zuschauer die zweitägige Veranstaltung, sie war nahezu ausverkauft. Das Publikum sah sehr drahtige Athleten, die wie Spinnen an der künstlichen, senkrechten, teils überhängenden Wand klebten und versuchten, das Ziel, den Topgriff, zu erreichen. Was in der Regel den Wenigsten gelingt. Sieger ist, wer die meisten Topbegehungen mit den wenigsten Versuchen erreicht. Problem wird die Route genannt, die die Kletterer überwinden müssen, indem sie sich an bunten Griffen und Tritten in allen erdenklichen Formen entlanghangeln. Was auch mental herausfordernd ist.

Unter den knapp 250 Startern, die in München um insgesamt 16 000 Euro Preisgeld kämpfen, sind auch 25 Deutsche. Hojer eben, der Warrior aus dem Privatfernsehen, der zu den Topfavoriten zählt. Außerdem der starke Schwabe Moritz Hans, aber auch vielversprechende Kletterer aus der Region: Wie die Münchnerin Monika Retschy, die im Mai in Mumbai Weltcup-Zweite wurde - das bislang beste Ergebnis ihrer Karriere. In ihrer Heimatstadt hat die 24-Jährige das Finale bislang aber immer verpasst. Oder der Markt Schwabener Alexander Averdunk, 21, ebenfalls vom DAV München-Oberland, der im Vorjahr in München das Finale als Siebter hauchdünn verfehlte. Allerdings sieht es nicht gut aus um Averdunks Startchancen, den Informatik-Studenten plagt eine Sehnenzerrung am Ringfinger der rechten Hand, am vergangenen Wochenende musste er bereits die Junioren-EM abbrechen.

Sein Start war wegen einer Fingerverletzung bis zuletzt ungewiss: Der Markt Schwabener Alexander Averdunk.

(Foto: Lukas Barth)

Bei den Männern verspricht das Finale auch ohne Averdunk enorme Spannung, die beiden Japaner Kokoro Fujii und Tomoa Narasaki haben wie der Russe Alexey Rubtsov noch Chancen auf den Weltcup-Gesamtsieg. Bei den Frauen liegt die Britin Shauna Coxsey hingegen mit fast 200 Punkten uneinholbar vor der Konkurrenz. Die Wände stehen, das Wetter soll Freitag kühl und Samstag warm sein, aber nicht brütend heiß wie 2014, was Gift ist für Kletterer. Nur die Tribünen müssten künftig noch größer werden, sagt DAV-Sprecher Bucher. Der ganze Boulder-Boom ist längst über sie hinausgewachsen.

Freitag, 8 bis 14 Uhr: Qualifikation Männer, 15.30 bis 20 Uhr: Qualifikation Frauen; Samstag, 11.30 bis 14 Uhr: Halbfinals. 18.30 Uhr: Finals. Olympiastadion, Nordeingang