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Billard:Präzise ins Minus

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„International wird nicht viel passieren“, fürchtet Ralf Souquet, der Kapitän des BSV Dachau.

(Foto: imago)

Für die Profis des BSV Dachau gibt es zurzeit kaum Möglichkeiten, ihrem Beruf nachzugehen. Und die Aussichten bleiben düster.

Von Ralf Tögel

Klack. Die weiße Kugel trifft die farbige im exakt richtigen Winkel, die gelbe verschwindet wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen im Loch. Johannes Schmitt geht um den Tisch, holt sie aus der Tasche, legt beide Kugeln auf dieselbe Position. Klack. Weiß trifft Gelb, versenkt. Immer und immer wieder stößt der 22-Jährige die Kugeln mit großer Präzision an. Dann geht er zu seinem Stuhl neben dem mit blauem Filz bezogenen Billardtisch und sagt: "Zwölf von zwölf." Das trägt er in eine Liste ein und wendet sich der nächsten Übung zu: neue Konstellation, gleiche Präzision. Thomas Damm ist zufrieden, der Bundestrainer der Disziplin Poolbillard in der Deutschen Billard Union (DBU) hat seine Kaderspieler in München zusammengerufen, um "einen Leistungsnachweis einzufordern", wie er erklärt. 15 Tische stehen im Q-Billard in der Kistlerhofstraße in einem großen Nebenraum neben der Gastronomie, vier sind für die Nationalspieler reserviert. Daneben spielen mehr oder weniger talentierte Amateure.

"Nein", sagt Schmitt, "das stört mich nicht". Er lächelt, als er das sagt, obwohl für Poolbillardspieler, gerade auf diesem Niveau, Konzentration essenziell ist. Aber die Freude darüber, überhaupt wieder am Tisch zu stehen, bläst trübe Gedanken weg. Schmitt zählt zu den Perspektivkaderspielern, wie der Bundestrainer erklärt, mindestens dreimal pro Jahr versammelt Damm seine Auswahl zu Lehrgängen. Erscheinen ist Pflicht, Ausnahmen müssen gut begründet sein. Wie die von Ralf Souquet, einem der Stars der deutschen Poolbillardszene, einem von vielleicht einer Handvoll Spielern in Deutschland, die gut genug sind, um von ihrem Sport zu leben. Der Bundestrainer hat dem Kaiser, wie Souquet in der Billardszene heißt, freigeben, um ein virtuelles Turnier zu spielen.

Im Mai hätte die Europameisterschaft stattfinden sollen, sie ist verschoben, wie fast alle Wettkämpfe in fast allen Sportarten weltweit. Die World Games, die alle vier Jahre stattfinden und im Billard den Stellenwert Olympischer Spielen haben, sind auf 2022 verschoben. Ob sie dann in Birmingham, im US-Bundesstaat Alabama, stattfinden werden, ist eine andere Frage, sagt Damm. Darauf sind die Vorbereitungen und Lehrgänge ausgerichtet, erklärt der 58-Jährige, aber keiner kann sagen, was passieren wird. Also treffen sich die Nationalspieler weiter, gehen mit Mund-Nasenschutz an die Tische und trainieren die Präzision mit dem Queue.

Johannes Schmitt ist kein Profi, er wirkt recht entspannt, wenn er über seinen Sport spricht. Seit zwei Jahren arbeitet er im elterlichen Familienbetrieb, Metallbau, nun hat die Ausbildung zum Meister erst einmal Vorrang. Der Bundestrainer hält ihn für ein großes Talent, aber um als Profi zu bestehen, sagt er, "dafür habe ich zu spät angefangen". Neben der Berufsausbildung kommt er auf etwa zehn Stunden Training pro Woche, früher, zu Schulzeiten war es das doppelte. Immerhin habe er einen Tisch zu Hause, keine Störung also, freie Zeiteinteilung. Dennoch ist er deutscher Jugendmeister im 9-Ball, zählt zum erlesenen Kader des Billardsportvereins (BSV) Dachau, der gerne der FC Bayern des Poolbillards genannt wird. Weil dort Spitzenspieler wie der Österreicher Albin Ouschan antreten, die ehemalige Nummer eins in der Welt, oder der mehrmalige spanische Europameister David Alcaide.

Schmitt ist Ersatzspieler, viel zu verdienen gibt es für einen wie ihn selten. Auf Turnieren, die meist in Deutschland stattfinden, müsse man schon weit kommen, um 1000 Euro Siegprämie abzuräumen. Aber er hat Spaß, auch jetzt, da die Coronapandemie alles verändert hat.

Auch der Kaiser ist beim BSV Dachau unter Vertrag, er ist einer der wenigen deutschen Profis. Souquets Trophäen dürften einen ganzen Raum füllen, er war Europa- und Weltmeister, aktuell ist er in der Weltrangliste an Position zwölf geführt. Das Turnier, weswegen er den ersten Trainingstag mit dem Bundeskader verpasst hat, lief nicht nach Wunsch. Ein virtueller Wettkampf, zwei Spieler gegeneinander, an verschiedenen Tischen, jeweils ins Internet gestreamt. Er schied in der zweiten Runde der "One Pool Challenge" aus, gegen seinen Nationalteamkollegen Thorsten Hohmann. Souquet spielte in Ingolstadt, seinem Trainingszentrum, Hohmann in New York, wo er lebt. Souquet verlor knapp, war ausgeschieden. Gespielt wurde im Wechsel, ein Spieler hatte Anstoß und musste die nummerierten Kugeln nach deren Reihenfolge versenken. Bei einem Fehler kam der Gegner ins Spiel, die erzielten Punkte wurden nach jedem Satz aufgerechnet, pro Spiel waren maximal 15 Punkte zu erreichen, wer als erster 60 Punkte hatte, gewann einen Satz. Gespielt wurde auf zwei Gewinnsätze. Sieger war der Albaner Eklent Kaci, der 1500 Euro gewann, und sechs Plätze hinter Souquet in der Weltrangliste notiert ist. Ouschan kam ins Halbfinale, der Russe Fedor Gorst, die Nummer vier der Welt und ebenfalls beim BSV Dachau unter Vertrag, stand im Finale.

Für Souquet war der geteilte neunte Platz mit 100 Euro Prämie ein Minusgeschäft, er hatte allein 400 Euro in neue Technik investiert, um die Spiele in ausreichender Qualität streamen zu können. Überhaupt weiß der 52-Jährige derzeit wenig Positives zu berichten: "Ich lebe von meinen Ersparnissen. Die Einnahmen gestalten sich sehr bescheiden." Der Bundesligastart ist vorerst auf November verschoben, Turniere gibt es so gut wie keine. Souquet kann sich gut an den Ausbruch der Pandemie erinnern, "ich kam gerade aus Las Vegas zurück". In den USA finden die lukrativen Turniere statt, oder in Asien, "da darf ich gar nicht einreisen". Es standen Gespräche mit einem potenziellen Hauptsponsor an, erzählt Souquet, die sind ausgesetzt. Ein Turnier hat er seit März gespielt, in der Schweiz, demnächst soll wieder eines stattfinden, in Österreich sind die Salzburg Open Anfang September geplant. Doch seit in der Alpenrepublik die Infektionszahlen wieder steigen, sinken die Chancen. Es sehe insgesamt "düster aus", sagt Souquet, "international wird nicht viel passieren". Was bleibt, sei die Hoffnung, "dass vielleicht schnell ein paar offene Turniere stattfinden oder wenigstens die Bundesliga gespielt wird". Dann wäre Dachau auf jeden Fall dabei, sagt Souquet, mit all den Topspielern im Kader. Er ist Kapitän der Mannschaft, die vom großen FC Bayern dann doch so einiges trennt. Unter anderem, dass der BSV Dachau seine Profis finanziell nicht unterstützen kann.

© SZ vom 03.08.2020

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