Süddeutsche Zeitung

Billard:Kaiser ohne Hofstaat

Der deutsche Poolbillard-Meister Dachau steht zur Saisonhalbzeit knapp vor den Abstiegsplätzen. Präsident Huber macht dafür den Verband verantwortlich und spricht von Existenzkampf.

Von Ralf Tögel, Dachau

Solche Sätze hört man von Ralf Souquet selten: "Für uns geht es nur noch ums Überleben." Von jenem Ralf Souquet, der den Status einer lebenden Legende im Poolbillard genießt, der als erster Deutscher in die amerikanische Hall of Fame aufgenommen wurde, der von Bundespräsident Roman Herzog das Silberne Lorbeerblatt, die höchste sportliche Auszeichnung in Deutschland, überreicht bekam. Derselbe Ralf Souquet, der zweimal Weltmeister war, die World Pool Masters und die US Open gewonnen hat, der Euro-Tour- und Europameisterschaftstitel sammelt wie andere Kronkorken. Jener Ralf Souquet, der regelmäßig in die Europa-Auswahl für den Mosconi-Cup berufen wird, das Pendant zum Ryder Cup im Golf, den alle nur den "Kaiser" nennen. Nun steht er in Ingolstadt am Trainingstisch, er überlegt kurz, dann sagt er: "Das ärgert mich brutal. Ich spiele hier, um zu gewinnen, und nicht, um in der Liga mitzuschwimmen."

Hier, das ist der deutsche Serienmeister BSV Dachau, die Übermannschaft, die derzeit auf dem sechsten Platz in der Achter-Liga steht, gerade mal ein Pünktchen trennt den Titelverteidiger von der roten Zone. Diese Bestandsaufnahme nach sechs gespielten Partien findet nicht nur Souquet "sehr bedenklich", Dachaus Vorsitzender Andreas Huber pflichtet seinem Mannschaftskapitän bei: "Das ist schon ein Schmankerl", sagt Huber mit dem für ihn typischen Sarkasmus. Wie Souquet gibt er dem Verband eine große Mitschuld am miserablen Zwischenfazit: Dachau hat bisher nur einen einzigen Sieg gelandet, zweimal Remis gespielt und bereits dreimal verloren.

Zum Vergleich: In den vergangenen drei Spielzeiten, die jedes Mal mit dem überlegenen Titelgewinn des BSV endeten, verloren die Dachauer ebenfalls drei Spiele - aber insgesamt. "Wir haben noch nicht ein einziges Mal in Bestbesetzung gespielt", erklärt Souquet, was noch stark untertrieben ist. In Albin Ouschan, der ehemaligen Nummer eins der Weltrangliste (momentan 19), stand der am höchsten notierte Dachauer Profi noch kein einziges Mal für sein Team am Tisch.

Am dritten und vierten Spieltag fehlte die erste Besetzung komplett. Was schlichtweg daran liegt, dass Profis auf die hoch dotierten internationalen Turniere angewiesen sind. Von den Bundesliga-Gagen könnte kein Spieler leben. Für ein Sponsoring müssen diese Spieler auf Großveranstaltungen präsent und erfolgreich sein, ein US-Open-Titel zieht bei einem Geldgeber, der meist aus der Branche kommt, natürlich ungleich mehr als die deutsche Mannschaftsmeisterschaft - weshalb alle Spitzenspieler des BSV das parallel laufende Turnier in Norfolk/Virginia vorzogen.

Während also die komplette erste Mannschaft in den USA um die wichtigste 9-Ball-Trophäe kämpfte, sprangen im heimischen Dachau Akteure aus der zweiten und dritten Mannschaft in die Bresche. Alle gute Billardspieler, wie Huber versichert, aber die erste Bundesliga ist die wohl am besten besetzte Spielklasse weltweit. Und weil Huber den Zuschauern stets Weltklassespieler präsentieren will, wurde er nun Opfer des eigenen Anspruchs. "Das gab zwei richtige Klatschen", sagt Souquet wenig amüsiert. Den Ersatzleuten will er aber keinen Vorwurf machen. Am ersten Spielwochenende immerhin war er selbst am Tisch, zusammen mit Mario He, was in zwei 4:4-Unentschieden gegen Schwerte und Hamburg endete.

Beim einzigen Sieg gegen die Mannschaft aus Siegtal waren Souquet und der Spanier David Alcaide im Einsatz, gegen den Tabellendritten Sankt Augustin verloren sie dennoch. Weil Alcaide einen miserablen Tag erwischte und beide Partien verlor. "Darauf ist er gar nicht gut zu sprechen", erinnert sich Huber. Extra eingeflogen und dann verloren: Das geht gegen die Ehre eines Spitzenspielers. Aber Präsident und Kapitän sind nicht verärgert wegen einer schlechten Leistung des Kollegen, sie sind wütend auf den Verband. Der nämlich habe keinerlei Entgegenkommen gezeigt angesichts der Terminüberschneidung. Huber, der fast schon traditionell mit der Deutschen Billard-Union (DBU) im Clinch liegt, vermutet gar Absicht dahinter, obwohl Roland Gruß aus dem Amt geschieden ist. Der Pool-Bundessportwart Gruß und der ehemalige Bundestrainer Huber waren sich jahrelang in herzlicher Abneigung verbunden. Doch auch unter Nachfolger Sascha Willms habe sich bislang wenig geändert. Der Verband sonne sich im Glanz der Dachauer Spieler, grollt Huber, "alle sagen, wie toll es ist, was für Spieler in der Bundesliga spielen". Nur seien sie halt kaum zu sehen, auch weil die DBU dem deutschen Meister wiederholt die kalte Schulter zeige.

Verschärft wird der personelle Engpass beim Meister, weil Manuel Ederer aus privaten und persönlichen Gründen derzeit den immensen Aufwand nicht mehr bewältigen könne, und Mario He bis zum 10. Februar gesperrt ist. Er wurde Anfang Oktober bei einer Dopingprobe positiv getestet, allerdings hat sich das Ganze als Versäumnis des Spielers bei der Angabe eines neuen Medikaments herausgestellt, weshalb es die Österreichische Anti-Doping-Rechtskommission bei der Mindeststrafe von vier Monaten beließ.

Immerhin sind an den beiden kommenden Spieltagen an diesem Samstag und Sonntag alle übrigen Spieler frei, "dann werden wir in Bestbesetzung antreten", verspricht Huber, was vielleicht gar nicht nötig wäre, denn Gegner sind die Billard-Sport-Freunde Kurpfalz. "Ausgerechnet gegen den Letzten", stöhnt Huber. Im Saisonverlauf drohen weitere Überschneidungen. "Die Saison ist noch nicht vorbei", sagt der BSV-Präsident und klingt jetzt ganz ernst: "Für uns geht es ums Überleben."

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SZ vom 10.01.2019
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