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Behindertensport:Tief getroffen

Vanessa Bui Bogensport Fürstenfeldbruck

Absteigende Form? Im Juni blieb Vanessa Bui, 23, nur zehn Ringe unter dem damaligen Weltrekord, im August bestätigte sie das Ergebnis.

(Foto: oh)

Bogenschützin Vanessa Bui rechnete fest mit ihrer Teilnahme an den Paralympischen Spielen. Der deutsche Verband aber nominierte eine andere - zu Unrecht, findet Bui

Von Fabian Swidrak, Fürstenfeldbruck

Vanessa Bui sah auf den ersten Blick, dass ihr Name nicht dort stand, wo er hätte stehen müssen, ganz oben auf der Seite unter B wie Bogensport. Im Internet hatte der Deutsche Behindertensportverband (DBS) gerade die Liste mit den für die Paralympischen Spiele nominierten Athletinnen und Athleten veröffentlicht. Bui wollte nur eine Bestätigung haben, die letzten Zweifel ausräumen. Doch ihr Name stand nicht auf der Liste. Sie wusste, dass ihr Traum von einer Reise nach Rio im September geplatzt war.

Den Grund dafür kannte weder Bui noch Roland Graf, der Vorsitzende ihres Vereins Bogensport Fürstenfeldbruck und seit neun Jahren ihr Trainer. Aus ihrer Sicht gab es auch keinen plausiblen Grund.

Bui, 23, ist die derzeit wohl beste deutsche Para-Schützin mit dem Compoundbogen. Seit zwei Jahren gehört die Fürstenfeldbruckerin zum Nationalkader. 2014 und 2016 gewann sie mit der deutschen Mannschaft den EM-Titel. Im vergangenen Jahr belegte das Team bei der WM Rang zwei. Weil es bei den Paralympics aber keinen Mannschaftswettbewerb gibt, darf dort nur eine Schützin starten. "Alle sind davon ausgegangen, dass ich nominiert werde", sagt Bui. Bundestrainer Mathias Nagel aber schlug der vierköpfigen Nominierungskommission Lucia Kupczyk, 53, vom BS Laichinger Alb (Baden-Württemberg) vor. Kupczyk ist verheiratet mit Matthias Meudt, dem inzwischen zurückgetretenen Teammanager der Nationalmannschaft. Das Gremium folgte Nagels Empfehlung.

Knapp 30 Stunden waren seit Veröffentlichung der Liste vergangen, als der Bundestrainer Bui anrief, um ihr die Entscheidung zu erklären: zu jung, zu unerfahren, absteigende Form. Das Alter wollen Bui und ihr Trainer jedoch nicht als Kriterium akzeptieren. "Er hat die ganze Saison davon gesprochen, dass Leistung zählt", sagt Graf. Und da habe Bui die Nase vorn. Die vermeintlich absteigende Form der Studentin sieht er statistisch widerlegt.

Den deutschen Startplatz in Rio sicherten Bui und Kupczyk, als sie beim Quotenplatzturnier, das im April während der EM in Saint Jean de Monts (Frankreich) stattfand, beide ins Finale einzogen. Kupczyk gewann mit 141 zu 137 von 150 möglichen Ringen. Beim letzten Weltranglistenturnier vor der Nominierung in Nove Mesto (Tschechien), über das Nagel vorab gesagt hatte, es würde großen Einfluss auf seine Entscheidung haben, schnitt Bui klar besser ab. Während Kupczyk mit 123 Ringen im 1/16-Finale ausschied, kam die Bruckerin mit 139, 137 und 133 Ringen ins Viertelfinale. Die italienische Meisterschaft Anfang Juni schloss Bui mit 678 von 720 Ringen ab, nur zehn Ringe unter dem damaligen Weltrekord. Das Ergebnis bestätigte sie bei der bayerischen Meisterschaft Anfang August (676). Kupczyk hat in dieser Saison kein ähnliches Ergebnis erzielt.

Der DBS setzte für eine Nominierung lediglich das zweimalige Erreichen einer Ringzahl von mindestens 640 mit 72 Pfeilen seit Mitte August 2015 voraus und räumte Trainer Nagel damit einen großen Spielraum ein. Bui hat diese Norm ebenso erfüllt wie Kupczyk. Karl Quade, DBS-Vizepräsident und Vorsitzender der Nominierungskommission, sagt, es säßen nicht aus jeder Sportart Experten im Auswahlgremium, insofern müsse sich die Kommission auf ihre Bundestrainer verlassen. "Herr Nagel hat sehr plastisch dargestellt, dass Vanessa Bui bei mehreren Wettkämpfen Probleme im Eins-gegen-eins hatte." Quade betont, der Gesamteindruck sei entscheidend, Nagel habe vor allem über das Quotenplatzturnier gesprochen. DBS-Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb ließ Graf auf Anfrage schriftlich wissen, der Bundestrainer habe dargelegt, Bui lasse unter Druck Konzentration und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. Bui sagt, das Finale zwischen ihr und Kupczyk sei sportlich bedeutungslos gewesen. Mit ihrem sechsten Platz beim Turnier in Nove Mesto habe sie Nervenstärke bewiesen. In der Weltrangliste verbesserte sie sich in dieser Saison auf Rang 16, Kupczyk fiel auf Platz 20 zurück.

Graf glaubt, dass Nagel der Kommission nur die Zahlen des Quotenplatzturniers vorgelegt hat. In einem Schreiben an das DBS-Präsidium will er dessen Mitglieder über die übrigen Ergebnisse informieren. Am Montag schließt das Internationale Paralympische Komitee das Nominierungsfenster für Rio. DBS-Vize Quade sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich da noch etwas tut."

© SZ vom 12.08.2016

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