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Behindertensport:Rasseln im Ohr

In München soll die zweite bayerische Blindenfußball-Mannschaft neben dem VSV Würzburg entstehen. Ihr Ziel sind Bundesliga-Wettkämpfe - und die Inklusion einer Randgruppe

Von Catrin Schreiner

Ramon Pryssok wartet an der Mittellinie der Turnhalle des Post SV München darauf, dass das Rasseln des Balles lauter wird. Dann stoppt er ihn, dribbelt los und schießt das Spielgerät ins obere rechte Eck. "Und jetzt seid ihr dran", ruft der junge Mann mit dem Dreitagebart und rollt den Ball zurück zur Hallenmitte. Dort tasten sich zehn Spieler, die schwarze Brillen tragen, voran.

Sie alle sind Teilnehmer des ersten Münchner Blindenfußball-Workshops, den Pryssok kürzlich in Moosach abhielt. Geleitet wurde er vom VSV Würzburg, der bislang einzigen bayerischen Blindenfußballmannschaft. Pryssok gehört seit zwei Jahren dem VSV an, wohnt und arbeitet aber in München. Der Workshop soll Blinde und Sehbehinderte für den Fußball begeistern. Die Idee ist, ein Team in der bayerischen Landeshauptstadt zu etablieren, mit Pryssok als Leiter. "Der erste Versuch wurde leider nicht weiter verfolgt, das wollen wir ändern. Jetzt haben wir mehr Unterstützung", sagt Pryssok, der seit seiner Geburt an den Folgen einer Genmutation leidet und auf beiden Augen sehbehindert ist.

Blindenfußball wird auf einem 40 Meter langen und 20 Meter breiten Feld gespielt; im Ball eingebaute Glöckchen signalisieren den Spielern, wo sich die Kugel gerade befindet. In jeder Mannschaft treten vier blinde Feldspieler und ein sehender Torwart an. Trainer und Helfer an der Seitenlinie lenken die Spieler durch Zurufe. Nähert sich ein Spieler dem ballführenden Gegner, muss er "Voy" (spanisch: "Ich komme") rufen. Ansgar Lipecki, ein Trainer des Workshops, vergleicht Blindenfußball mit American Football. "Der Sport ist schnell, actionreich und körperbetont", sagt der Diplom-Sportlehrer aus Würzburg.

"Voy", müssen die Spieler rufen, wenn sie sich dem Gegner nähern, "ich komme". Den Ball am Fuß zu behalten, ist nicht einfach.

(Foto: Claus Schunk)

Die meisten Teilnehmer lernen Blindenfußball zum ersten Mal kennen. Schon die Gleichgewichtsübungen und das Zuspielen des Balls über eine kurze Distanz fällt vielen schwer. Sie tasten mit dem Fuß ins Leere oder treffen den Ball unsauber. "Es ist schwierig, den Ball am Fuß zu behalten, man verliert schnell die Kontrolle", sagt die Teilnehmerin Cornelia Bumes.

Das Spiel ist seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland bekannt. Damals organisierte ein englisches Team in Berlin den ersten überregionalen Workshop. Mittlerweile spielen neun Teams in der 2008 gegründeten Blindenfußball-Bundesliga, die europaweit einzigartig ist. Die Spieltage finden auf großen, öffentlichen Plätzen wie dem Marktplatz in Lübeck oder dem Gutenbergplatz in Mainz statt. "Es ist immer viel los, die Leute sind begeistert", sagt Pryssok. "Viele können nicht glauben, dass wir blind sind. Einfach, weil wir so gut spielen - das beste Kompliment, das uns gemacht werden kann."

Umso mehr hofft Pryssok, eine zweite bayerische Mannschaft aufbauen zu können. Er hat Kontakt zu verschiedenen Einrichtungen, wirbt viel für den Sport. Die Blinden- und Sehbehindertenstiftung Bayern fördert den Workshop, auch andere bayerische Institutionen unterstützen die Idee eines Münchner Teams. "Fußball hat eine große integrative Kraft, die wir gerne nutzen, um Menschen zusammenzubringen und mögliche Barrieren abzubauen", sagt ein Sprecher des Bayerischen Fußball-Verbandes.

Ramon Pryssok spielt Blindenfußball in Würzburg, er wohnt und arbeitet aber in München.

(Foto: Claus Schunk)

Doch auch im Blindenfußball ist aller Anfang schwer: "Es braucht viel Zeit, ein Team aufzubauen, weil potenzielle Spieler selten von alleine auf mich zukommen", erläutert Pryssok. Der Workshop in Moosach ist immerhin vielversprechend, die Teilnehmer sind am Ende begeistert: "Wir wollen schnell spielen, viele Kombinationen zeigen, Tore schießen. Und schön aussehen soll es auch noch - genau wie beim normalen Fußball", sagt Pryssok. Dann schnappt er sich einen herumliegenden Ball, sprintet los, spielt ihn zwischen seinen Füßen hin und her und zieht ab. Wieder ein Tor.

© SZ vom 07.10.2014

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