Behindertensport:Perspektivwechsel

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"Neue Herausforderung im gewohnten Milieu": Bundestrainer Michael Merten (hinten im weißen Dress) bei der EM 2019.

(Foto: Daniele Celesti/oh)

Der Planegger Michael Merten ist ein Weltenbummler in seinem Sport. Inzwischen leitet er die deutschen Sitzvolleyballer als Bundestrainer an - mit klarem Ziel: den Paralympics in Tokio.

Von Sebastian Winter, München

Michael Merten ist normalerweise im Schnitt zehnmal im Jahr in seiner Heimat Planegg, wo seine Familie wohnt, wo viele Freunde leben, wo er dann auch immer zum Stammtisch seines Jugendvereins DJK Würmtal geht. Doch in diesem Winter hat er es nicht einmal an Weihnachten geschafft. Die Pandemie hat auch Mertens Pläne durcheinandergewirbelt. "Ich bin in Berlin geblieben und habe mit der Familie meiner Verlobten gefeiert", sagt Merten. Immerhin konnte sich der 52-jährige Wahl-Hauptstädter daher noch stärker auf seine vornehmliche Aufgabe kümmern, als Trainer der deutschen Sitzvolleyball-Nationalmannschaft.

Seit 2017 war er dort auf Honorarbasis beschäftigt, kurz vor Weihnachten wurde der Vertrag in eine Festanstellung umgewandelt. Merten, der vorherige Cheftrainer, heißt daher nun auch ganz offiziell Bundestrainer. Seine Mission ist klar: Die Sitzvolleyballer in diesem Jahr zu den Paralympics nach Tokio zu bringen - in einer Sportart, die weit unter dem Radar der Öffentlichkeit liegt. Nur wenige bekamen schließlich mit, dass die deutschen Männer 2012 in London unter dem damaligen Trainer Rudi Sonnenbichler Bronze gewannen. In Rio 2016 verpassten sie die anvisierte Medaille.

Sitzvolleyball ist vor allem für Athleten mit Beinbehinderungen gedacht. Libero der Auswahl ist der gebürtige Starnberger Dominik Seitz, der neben Merten der einzige Bayer im Team ist und der eine angeborene Dysmelie hat, eine Fehlbildung der Beine. Zuspieler Martin Vogel wurde als Zivildienstleistender in einer Psychiatrie angeschossen und ist seither inkomplett querschnittgelähmt, Heiko Wiesenthal musste nach einem Starkstromunfall bei der Bundeswehr, als ein Panzer auf einen Güterwagen verladen wurde, der Unterschenkel amputiert werden.

Das Netz ist 1,15 Meter hoch, außerdem darf der Aufschlag im Sitzvolleyball direkt geblockt werden

Sie alle eint ihr Handicap. Ihren Sport machen sie nun im Sitzen, auf einem fünf mal sechs Meter großen Feld mit 1,15 Meter hohem Netz. Ein gängiges Volleyballfeld misst neun mal neun Meter, das Netz bei den Männern ist 2,43 Meter hoch. Ein weiterer Unterschied ist, dass der Aufschlag im Sitzvolleyball direkt geblockt werden darf. Die Sportler rutschen ständig hin und her, was sehr anstrengend ist. Eine der anspruchsvollsten Aufgaben ist es, den Rumpf zum Zeitpunkt der Ballberührung immer in Bodenkontakt zu halten, wie es das Reglement vorsieht. Ansonsten gibt es kaum Unterschiede zum Volleyball.

Merten hat die Handicap-Variante spät für sich entdeckt, nach vielen Jahren als Volleyball-Weltenbummler. Als Jugendlicher spielte er selbst in Starnberg, Puchheim und bei 1860 München, er lernte dort auch den Trainer Stelian Moculescu kennen. Mit 24 machte Merten selbst den A-Trainerschein, coachte Schwabing, Dingolfing und von 1997 bis 2002 die Männer-Nationalmannschaft Liechtensteins. Weitere Stationen in ganz Europa folgten, ob nun bei den deutschen Frauen-Erstligisten Vilsbiburg oder Potsdam, bei Lüneburgs Männern, in Österreich oder beim rumänischen Klub Remat Zalău, den er zum Meistertitel und in die Champions League führte.

In Griechenland hätten "gegnerische Fans Münzen auf uns geworfen, es gab Ausschreitungen und Polizeieinsätze in der Halle", erzählt Merten

Zwei Jahre in Griechenland zwischen 2014 und 2016 waren aber wohl Mertens prägendste Zeit. Mit den Klubs Pamvohaikos und Orestiada spielte der Coach auch gegen Panathinaikos Athen, es waren feurige Duelle, "gegnerische Fans haben Münzen auf uns geworfen, es gab Ausschreitungen und Polizeieinsätze in der Halle. Das ist ein anderes Leben als im behüteten Oberbayern", erzählt Merten. Bei Orestiada hatte er Probleme, das zweite Monatsgehalt zu bekommen, kurze Zeit später war sein Griechenland-Abenteuer vorbei. Missen möchte Merten es trotzdem nicht.

In Iran lernten sie Morteza Mehrzad, kennen - Paralympics-Sieger und mit 2,46 Metern drittgrößter Mann der Welt

Als er wieder zurück in Berlin war, kamen die Sitzvolleyballer auf ihn zu, deren kompletter Führungsstab samt Sonnenbichler, der nach den Paralympics 2016 zurückgetreten war. "Das hat sich für mich einfach so ergeben", sagt Merten: "Es war eine neue Herausforderung im gewohnten Milieu." Eine Herausforderung, die zunächst etwas schleppend anlief. Bei der Europameisterschaft 2017 wurden Mertens Männer Fünfter, bei der Weltmeisterschaft 2018 Zehnter. Der Durchbruch gelang den Deutschen im Jahr darauf bei der EM in Budapest, wo sie Bronze holten.

2020 sollte dann der Höhepunkt in Tokio folgen, die Paralympics sind aber wegen der Pandemie längst auf den kommenden Spätsommer verlegt. Das deutsche Team war im vergangenen März schon nach Oklahoma in die USA geflogen, es ging dort bei der Qualifikation um das letzte Ticket für die Spiele. Das Turnier wurde dann wegen des Coronavirus kurzfristig abgesagt, Merten und die Spieler flogen nach zwei Tagen mit umgebuchten Tickets wieder zurück nach Hause. Im Sommer begannen sie wieder zu trainieren, für die neu angesetzte Qualifikation, die nun im Februar in Duisburg stattfinden sollte. Doch auch daraus wird nichts. Inzwischen ist das Turnier auf Juni verschoben. "Die Qualifikation ist unser Ziel, ich sehe uns als Medaillenkandidaten", sagt Merten selbstbewusst.

Die Spieler lädt er meist für Trainingslager an den Stützpunkt nach Kienbaum ein, aber er fährt auch für Übungseinheiten nach Leverkusen, Duisburg oder Koblenz, dorthin also, wo die meisten Nationalspieler gerade stationiert sind.

Die eindrücklichsten Testspiele hatten die Deutschen unter Merten gegen den Iran, eine Weltmacht im Sitzvolleyball. Der Staat alimentiert diesen Sport und die Spieler großzügig. 2017 waren sie für ein Trainingslager in Teheran, sie trafen dabei auch Morteza Mehrzad, den mit 2,46 Metern drittgrößten Mann der Welt, der für Iran Sitzvolleyball spielt - und auch in dieser Position alle anderen überragt. Bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro schmetterte Mehrzad seine Mannschaft zu Gold. "Ein netter Kerl, er bekommt über unseren Mannschaftsarzt seine Krücken", sagt Merten, der sich an eine Szene im Hotel erinnert, als sich Mehrzad regelrecht in den Aufzug "hineinquetschen" musste. Das Rezept gegen einen wie ihn? "Wenn er aufschlägt, stellen wir drei Blocker dagegen." Anders würden sie den Riesen wohl auch kaum stoppen können.

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