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Behindertensport:Nägelkauer

Schnell auf die Hütte nach dem bitteren Ende: Nationalspieler Sebastian Magenheim (rechts gegen Hamburgs Marcin Balcerowski) spielte eine starke Viertelfinal-Serie, scheiterte aber trotzdem mit den Münchner Iguanas.

(Foto: Claus Schunk)

Mit der Schlusssirene scheiden Münchens Rollstuhlbasketballer im Viertelfinale aus.

Von Sebastian Winter

So ein paar Tage auf einer Berghütte haben viele positive Seiten, gerade dann, wenn die alpine Küche mit ein paar Schwüngen auf der Skipiste korrespondiert. Man kann den Kopf lüften, Ballast abschütteln, neue Horizonte entdecken. Horizonte, die Münchens Rollstuhlbasketballer bei ihrem Kurzurlaub bis Mittwoch gut gebrauchen können nach diesem dramatischen Wochenende. Die Iguanas, wie sie sich nennen, waren ja am Sonntag im entscheidenden dritten Playoff-Viertelfinalspiel extrem unglücklich an Hamburg gescheitert, in letzter Sekunde mit 66:68. Mit der Schlusssirene hatten die BG Baskets aus der Hansestadt den Traum der Münchner vom Halbfinaleinzug platzen lassen. Für einen kurzen Moment hatten die Gäste Anne Patzwald aus den Augen verloren, die Paralympics-Zweite von Rio blockte dann Hamburgs Japaner Reo Fujimoto frei, dem der entscheidende Korbleger gelang.

Das Drama wirft einen Schatten auf die Saison, die sie mit dem Pokal-Final-Four krönen können

Nach der bitteren Niederlage war Münchens Trainer Benjamin Ryklin, der zusammen mit seinen Spielern Sebastian Magenheim, Gabriel Robl und ein paar Freunden gerade den ersten Tag ihres jährlichen Hütten-Kurzurlaubs genoss, keineswegs zerknirscht: "Ich war noch nie so stolz auf die Mannschaft. In der Defense waren wir zeitweise überragend." Es war die Offensive, die den Münchnern das Weiterkommen verwehrt hatte. Kim Robins, der mit 37 Punkten überragende Akteur beim Heimsieg der Münchner zum Viertelfinal-Auftakt, wurde in Hamburg so stark gedeckt, dass er am Samstag nur auf elf Punkte kam, am Sonntag gar nur auf acht. Zwar sprangen andere für den Topscorer der Iguanas ein, wie Magenheim, Florian Mach oder der am Sonntag ganz starke Josef Wernberger. Aber die Trefferquote war zu schwach, und den Münchnern unterliefen zu viele Ballverluste. "Die zweite Hälfte war Playoffs pur", sagte Ryklin, "es ging hin und her, ein nail biter". Zum Nägelkauen sei die Partie also gewesen, vor allem in den letzten dramatischen Sekunden. Nun sind die Iguanas ausgeschieden, doch ihr Saisonfazit fällt gar nicht negativ aus, im Gegenteil. Nach ihrem Aufstieg 2017 und dem siebten Platz bei ihrer Bundesliga-Premiere im vergangenen Jahr haben sie erstmals den Playoff-Einzug geschafft und wären um ein Haar unter den besten Vier gelandet.

Für die Iguanas, die erst seit 2013 existieren - damals hatten sich die meisten ihrer Spieler noch während der Saison von ihrem Mutterverein USC München im Streit getrennt -, ist das ein großer Erfolg. Zumal sie sich für die kommende Saison auch noch für den Europapokal bewerben, Ende April findet das entscheidende Qualifikationsturnier in Frankreich statt. Die Münchner müssen sich dann im Fünferfeld gegen Konkurrenz aus Polen, der Türkei, Italien und Frankreich durchsetzen, denn nur der Sieger spielt dann im zweitklassigen Eurocup weiter. International dürfen anders als in der Bundesliga keine Fußgänger mitwirken. Daher sind die Iguanas Robl und Florian Mach, die gar keine Behinderung haben, aber trotzdem bei nationalen Spielen für München im Rollstuhl auf Korbjagd gehen, nicht spielberechtigt. Die ehemaligen Nationalmannschaftskapitäne Sebastian Wolk und Lars Lehmann sollen den Iguanas an Machs und Robls Stelle daher helfen, die Qualifikation zu meistern.

Spiele auf europäischem Parkett sollen die Aufmerksamkeit mehren, die Iguanas hantieren ja noch mit einem Mini-Etat von 30 000 Euro. Dazu ist auch ein anderes Ereignis da, das Münchens Rollstuhlbasketballer schon an diesem Wochenende ausrichten: das Pokal-Final-Four-Turnier in eigener Halle. Am Samstag spielen die Iguanas im Halbfinale gegen den Favoriten Thuringia Bulls. Finalchancen haben sie kaum, dafür wollen sie laut Ryklin "Zuschauer für unseren Sport begeistern".

© SZ vom 27.03.2019

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