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Behindertensport:Covergirl mit neuem Ehrgeiz

Paracyclerin Denise Schindler ist bereit für ihr großes Ziel: Paralympics-Gold in Tokio.

Von Jonas Kraus, Olching

Sie konnte die Tränen nach dem Rennen nicht zurückhalten, zu groß war die Enttäuschung. Vier Jahre lang hatte die Paracyclerin Denise Schindler auf ihre Lieblingsdisziplin, die 3000 Meter Einerverfolgung bei den Paralympics 2016 in Rio, hingearbeitet. Sie liebt dieses Duell: Frau gegen Frau. Angereist war Schindler in absoluter in Topform als eine heiß gehandelte Goldkandidatin. Und dennoch scheiterte sie bereits in der Qualifikation. Nicht, weil sie nicht fit gewesen wäre oder ihre Konkurrentin Megan Giglia eine bessere Radfahrerin ist - sie und ihr Trainerteam ließen sich schlicht überrumpeln. Giglia legte in einem irren Tempo los und fuhr bereits zur Hälfte des Rennens auf Schindler auf, die davon jedoch nichts mitbekam. Schindler bemerkte Giglia erst, als diese zum Überholen ansetzte - zu spät. Laut Regularien durfte Schindler ihre Konkurrentin nicht erneut überholen. Da sie sich zu allem Überfluss nach Meinung der Rennleitung außerdem zu lange im Windschatten der Britin aufgehalten habe, folgte nach dem Rennen der Ausschluss aus dem Wettbewerb. "So enttäuscht war ich noch nie", sagt Schindler.

Trotz des Rückschlags rappelte sie sich schnell wieder auf, "irgendwie musste es ja weitergehen", und holte noch Silber im Einzelzeitfahren und Bronze im Straßenrennen. Beide Male schrammte sie nur knapp an Gold vorbei. Eine beeindruckende Bilanz für die Behindertensportlerin des Jahres 2011, die bereits von den Spielen aus London mit einer Silbermedaille nach Olching (Landkreis Fürstenfeldbruck) zurückgekehrt war. Aufhören war dennoch keine Option, "eine Farbe fehlt ja noch".

Dieser Ehrgeiz ist charakteristisch für die 32-Jährige, berichtet ihr Heimtrainer Tobias Bachsteffel: "Sie will immer mehr tun als die anderen, immer ein wenig besser sein." Im Trainingslager im südafrikanischen Stellenbosch stellen die beiden seit Ende Dezember die Weichen für eine erfolgreiche WM im März in Rio. Vormittags drei bis vier Stunden auf dem Rad, nachmittags dann zwei Einheiten im Fitnessstudio. Das ist hart, weiß Bachsteffel, aber Denise beschwere sich nie, sie wisse ja, für was sie trainiere.

Rio 2016 Paralympics Bahnradsport Radsport damen Denise Schindler GER; Denise Schindler

Das Radfahren hat Schindler viel Selbstvertrauen gegeben.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Dass Schindler eines Tages als Leistungssportlerin ihr Geld verdienen würde, war alles andere als absehbar. Im Alter von zwei Jahren geriet sie 1987 bei Schnee und Glätte in Chemnitz unter eine Straßenbahn - mit drastischen Folgen. Beide Beine wurden stark beschädigt, das linke konnten die Ärzte retten, beim rechten musste der Unterschenkel amputiert werden. Die Familie zog noch vor der Wende ins oberpfälzische Reichenbach, Schindler wurde bis zu ihrem 13. Lebensjahr mindestens einmal jährlich am Uniklinikum Regensburg operiert. Dennoch hadert sie nicht mit ihrem Schicksal. "Die Ärzte haben super Arbeit geleistet, mein linkes Bein ist beinahe wieder voll belastbar."

Dieser Optimismus, er zeichnet Schindler auch heute noch aus. Nicht umsonst gilt sie als Covergirl des deutschen Behindertensports. Die dreifache Gesamtweltcupsiegerin sucht das Rampenlicht nicht, wehrt sich aber auch nicht dagegen. Äußerst aktiv ist sie in den sozialen Medien, wo sie ihren Fans viele Einblicke in ihr Leben als Spitzensportlerin gewährt. Aber auch die reale Öffentlichkeit scheut Schindler nicht. Da sie zusammen mit einem amerikanischen Softwarehersteller und einer deutschen Firma Sportprothesen aus dem 3-D-Drucker entwickelt, wurde sie gefragt, ob sie diese Technologie auf der Hannover-Messe 2016 vorstellen möchte. Schindler sagte zu - und stand wenig später Angela Merkel und Barack Obama gegenüber. "Das war schon echt cool," erinnert sie sich. Noch ist diese Technologie Profisportlern vorbehalten, Schindler war in Rio gar die einzige mit einer solchen Prothese, doch in Zukunft sollen auch Hobbysportler in den Genuss einer bezahlbaren, perfekt angepassten Prothese kommen.

Diese Möglichkeit hatte Schindler als Kind noch nicht. Mit ihrer normalen Alltagsprothese war Sport für sie beschwerlich. "In allen klassischen Schulsportarten wurde ich immer als Letzte gewählt." Das nagte am Selbstbewusstsein der Jugendlichen, die sich immer weiter zurückzog. "Ich war ein richtiger Couch-Potato."

Ihre Einstellung änderte sich erst, als sie mit 18 Jahren begann, in einem Fitnessstudio zu arbeiten. Anfangs stand sie nur hinter der Theke, irgendwann überredete eine Freundin sie zum Mitmachen. "Ich ließ mich darauf ein und probierte vieles aus." Am besten gefiel ihr das Spinningrad, da diese Bewegung den Stumpf ihres Beines schonte. Bald strampelte sie täglich im Fitnessstudio. Ausschließlich drinnen hielt Schindler es aber nicht lange aus, sie besorgte sich ein richtiges Rad und startete immer größere Touren.

Bilder des Tages SPORT Rio de Janeiro Paralympics Fahrrad Denise Schindler GER holt die; Denise Schindler

„Eine Farbe fehlt ja noch“: Stimmt, denn Denise Schindler dominiert die nationale Konkurrenz, ist Weltmeisterin, gewann Silber und Bronze bei Paralympics. Gold hat sie noch nicht.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Der Ehrgeiz hatte sie gepackt, sie wurde immer besser. Dennoch zögerte Schindler lange, als sie gefragt wurde, ob sie es mal mit Rennsport versuchen wollte - zu wach waren die Erinnerungen an den Vergleich mit anderen im Schulsport. Schließlich sagte sie zu - und gewann. "Das war zwar nur ein kleines Rennen, gab mir aber extrem viel Selbstbewusstsein." Seit diesem Tag liegt ihr Fokus auf dem Radrennsport.

2011, acht Jahre nachdem sie zum ersten Mal auf einem Spinningrad saß, wurde Schindler in ihrer Klasse C3 (es gibt fünf Klassen von C1 bis C5, wobei die niedrigsten Ziffer die höchste Beeinträchtigung kennzeichnet) Weltmeisterin und holte sich den Gesamtweltcup. "Das ging alles schon wahnsinnig schnell", sagt Schindler. Ein Jahr später sicherte sie sich dann Paralympics-Silber in London, das sie jedoch gar nicht richtig genießen konnte: "Wir waren am ersten und am letzten Tag im Einsatz, da ging das Olympia-Feeling ein bisschen verloren." Dennoch: Schindler, die als Motivationstrainerin und Rednerin arbeitet, war angekommen in der Weltspitze.

Aber, wie so häufig im Sport, geht es nicht immer nur steil bergauf. Nach den Spielen von London plagte sich Schindler mit einer hartnäckigen Verletzung am Stumpf ihres rechten Beines und musste sechs Monate pausieren. "Ich fühlte mich wie eine ausgequetschte Zitrone," sagt sie heute über diese schwere Zeit und gibt zu: "Für mein Umfeld war ich damals wohl der schwierigste Mensch der Welt." Doch ihr Ehrgeiz half ihr auch dieses Mal, sich aus dieser Krise wieder zu befreien. Nach der Reha zeigte die Formkurve steil nach oben, bei der Bahn-WM 2014 wurde sie zweimal Zweite, ein Jahr später krönte sie sich dann im niederländischen Apeldoorn zur Weltmeisterin über 3000 Meter Verfolgung.

Mit dieser Empfehlung ging es zu ihren zweiten paralympischen Spielen nach Rio. Das erhoffte Gold sprang dabei nicht heraus - aber die Motivation, es 2020 erneut zu versuchen, war so stark wie nie. Anfang Dezember stand dann in Manchester ein Weltcup an. 3000 Meter Einerverfolgung. Finale. Gegnerin: Megan Giglia. Erneut ging die Britin extrem schnell an, doch dieses Mal war Schindler vorbereitet - und deklassierte ihre Konkurrentin. Ein Fingerzeig für Tokio? "Wir wollen diesen Sieg nicht überbewerten," meint ihr Trainer Tobias Bachsteffel, "aber wir wissen, was möglich ist".

© SZ vom 02.01.2018

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