Beachvolleyball Die Stunde der Eineiigen

Frierende Asiaten, verletzte Favoritinnen, starke Verwandtschaft, jede Menge Folklore und bayerische Schmankerl zur Unzeit - ein Streifzug durch die Studenten-WM im Olympiapark.

Von Fabian Dilger und Sebastian Winter

Die Studenten-WM der Beachvolleyballer im Münchner Olympiapark.

(Foto: Andre Groeschel/oh)

Am Ende sind es dann doch noch würdige Temperaturen für die Beachvolleyballer bei ihrer Studenten-Weltmeisterschaft im Münchner Olympiapark. Jedenfalls kratzen sie an der 30-Grad-Marke am Freitagnachmittag bei den Finals. Vor ein paar Tagen noch hatte es gestürmt, gehagelt, dicke Trainingsjacken prägten am Dienstag das Bild. 64 Mannschaften aus 29 Ländern haben sich im Sand gemessen, die einen aus Taipeh, die anderen aus Tübingen. Es war ein buntes Sportfest, und wie es das Drehbuch wollte, kommen die neuen Weltmeister aus Deutschland. Ein Streifzug durch den Strandpark.

Schock für Singapur

Eine Weltmeisterschaft bedeutet auch lange Anreisen - und ungewohnte Temperaturen. Für Singapur kommt gleich beides zusammen. Das erste Mal überhaupt in Europa, trainierte das Team vor der WM zuerst sechs Tage lang in Amsterdam, zusammen mit den Mannschaften aus den Niederlanden, Neuseeland und Australien. Beim Aussteigen in München nach zwölf Stunden Fernbusfahrt zucken sie dann zusammen. "Wir sind nicht eingefroren, aber es war kalt", sagt Kingsley Tah, der später mit seinem Partner im Sechzehntelfinale scheitert. In Singapur habe es jetzt bis zu 35 Grad, samt der viel höheren Luftfeuchtigkeit. Besonders beeindruckt haben Tah "die Jungs mit der Peitsche". Die Goaßlschnalzer also, die bei der Eröffnungszeremonie den Gästen "bavarian culture" vorgeführt hatten.

Zerrung vor dem Wolkenbruch

Dienstagnachmittag braut sich etwas zusammen am Himmel über dem Park: schwarze Wolken, ein Unwetter, pures Gift für die kleine WM-Zeltstadt im Olympiapark. Parallel dazu verfinstern sich auch die Mienen der beiden "Leos", wie sie genannt werden. Die Stimmung bei Leonie Körtzinger und Leonie Klinke, dem deutschen Vorzeigeduo, an Position eins gesetzt, wird im Laufe des Tages immer unterkühlter. Auch wegen des Eisbeutels, der ständig auf Klinkes Oberschenkel liegt. Sie sollten eigentlich auf dem Center Court spielen, ins Viertelfinale einziehen, doch dann ist es aus. Zerrung bei Klinke, Turnierende. Nur Minuten später prasseln Hagelkörner auf den Boden, eine Sintflut ergießt sich über den Park. 15 Minuten später strahlt wieder die Sonne. Doch der Center Court ist leer, Körtzinger schleicht traurig in ihren Flip-Flops davon. Es ist kein Tag, an dem Weltmeisterinnen geboren werden.

Libero am Mikrofon

Spaniens Frauen werden Zweite.

(Foto: Robert Haas)

Ferdinand Tille ist eigentlich Libero von Herrschings Hallenvolleyballern, vor acht Jahren war er mal bester Abwehrspieler bei der Weltmeisterschaft in Italien. Was er bislang ganz gut verheimlicht hat: Liberos können auch auf Sand spielen. Das hat der 1,85-Meter-Mann bei diversen regionalen Turnieren bewiesen. Bei der Studenten-WM hat Tille jedoch eine für ihn gänzlich ungewohnte Rolle: Der 29-Jährige kommentiert fast ein Dutzend Spiele für den Livestream der offiziellen WM-Internetseite. Auf Englisch. Aus einem Kabuff hinter dem Center Court. Erst Tage zuvor hat Tille von seiner neuen Mission erfahren, schnell ein paar Spieler-Fragebögen durchgelesen, weitere Infos im Internet gesammelt, wenn es denn welche gab. Oft gab es keine. Das alles für eine kleine Aufwandsentschädigung, Mahlzeiten und Getränke. "Das ein oder andere Denglisch ist bestimmt auch dabei", sagt Tille. Hat sich aber trotzdem sehr passabel angehört. Jedenfalls für jene, die des Denglischen mächtig sind.

Coole Weißwurst

Eigentlich eine Todsünde in Bayern, doch für internationale Gäste macht man schon mal Ausnahmen. Am Donnerstag ist bayerischer Abend mit Blasmusik, Schuhplattlern und: Weißwurst. Kalt. Auf Brot angerichtet, mit Zwiebeln und süßem Senf. Den Spielern schmeckt's trotzdem, bei den Schuhplattlern in Tracht "standen alle rundherum und haben mit ihrem Handy gefilmt", sagt Michael Hahn, der Vize-Chef des Organisationskomitees. Danach ist Players Night in der Olydisco. Japan, Südafrika und Neuseeland sind, hört man, ganz vorne dabei. Schluss ist erst um fünf Uhr in der Früh - außer für die Finalisten natürlich. Die lagen längst im Bett und träumten vom Titel.

Zwillings-Power

Bei zwei Spielern auf dem Feld ist die Verwechslungsgefahr beim Beachvolleyball nicht allzu groß. Schwierig wird es bei eineiigen Zwillingen. Und bei der WM spielen gleich zwei solcher Paare groß auf. Die Kanadierinnen Megan und Nicole McNamara unterscheidet nur das Detail, dass Nicole Links- und Megan Rechtshänderin ist. "Manchmal winken die Leute oder schmeißen uns etwas zu, um zu sehen, mit welcher Hand wir reagieren", sagt Nicole. Mit der Zwillingsschwester zu spielen sei ein Vorteil, man kenne sich, sagt Megan McNamara: "Seitdem wir mit Beachen angefangen haben, spielen wir zusammen." Die Deutschen David und Bennet Poniewaz treten auf dem Feld unterschiedlich bekleidet auf, das macht es leichter für die Zuschauer. Bennet trägt eine Kappe, David nicht. Die doppelten Twins zählten übrigens zu den Favoriten - völlig zurecht: Die McNamaras holen Gold, die Poniewaz-Brüder Silber.

Deutschland vs. Deutschland

Die deutschen Außenseiter John/Stadie können ihr Glück nach dem Finalsieg kaum fassen.

(Foto: Robert Haas)

Was beim Fußball unmöglich wäre, passiert beim Beachvolleyball tatsächlich. Dort kämpfen sich beide deutschen Herrenduos ins Endspiel. Und die Sieger sind auch noch die Außenseiter: Dan John (Uni Tübingen) und Eric Stadie (HU Berlin) schlagen die Poniewaz-Zwillinge (FH Kiel) vor 1500 Zuschauern. "Absolut krass", sagt Stadie über sein Gold. Fünf Tage vor dem Turnier hat er das erste Mal mit John trainiert. Und ist nun Weltmeister. Nicht im Feiern, aber auf Sand. Mit anderen Worten: Summa cum laude.