BCF Wolfratshausen/Dachau 1865 Auf dem Klappstuhl brodelt es

Angenehmer Ausflug: Bei ihren drei Treffern in Wolfratshausen müssen Christian Doll (li.) und Onur Korkmaz kaum Widerstand überwinden. F

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nach der 1:5-Niederlage gegen Dachau ist Marco Stier bedient. Der Farcheter Trainer regt sich maßlos über die Einstellung seiner Spieler auf.

Von Fabian Swidrak, Wolfratshausen

Wenn Marco Stiers Mannschaft einmal richtig schlecht spielt, erkennt man das leicht. Man braucht sich dafür nicht einmal die Mannschaft anzusehen. Es genügt ein Blick auf Marco Stier. Falls der Trainer mit verschränkten Armen auf einem Klappstuhl am Spielfeldrand sitzt, nicht mit seinen Spielern spricht, gelegentlich auf dem Smartphone herumwischt und er Gegentore regungslos zur Kenntnis nimmt, dann spielt die Mannschaft: richtig schlecht. In etwa so wie am Samstag im Bayernliga-Heimspiel gegen den TSV 1865 Dachau. Ergebnis: 1:5 (1:2).

Wenn der BCF Wolfratshausen guten Fußball spielt, dann sagt Marco Stier hinterher gerne, seine Mannschaft habe überragend gespielt, manchmal spricht er dann sogar von der Champions League. Wenn seine Mannschaft keinen guten Fußball spielt, sagt Stier hinterher, die Mannschaft habe guten Fußball gespielt, sich für ihre Leistung nur nicht belohnt und etwas Pech gehabt. Falls Stier also hinterher einmal sagt, seine Mannschaft habe schlecht gespielt, dann hat seine Mannschaft: richtig schlecht gespielt.

Nach dem Duell mit Dachau, eigentlich eine Art Lieblingsgegner, sagte Stier: "Ich analysiere ja normalerweise viel und genau, aber dazu habe ich heute keine Lust. Das war lächerlich hoch zehn, eine katastrophale Leistung. Wenn wir hier acht, neun oder zehn Dinger kassieren, dann können wir uns auch nicht beschweren." Weil seine Mannschaft vor einer Woche noch 3:2 beim FC Ismaning gewonnen hatte, sagte Stier: "Nach dem Sieg denkt jetzt wieder jeder, er ist der Geilste und träumt von der Regionalliga oder was weiß ich."

"Du spielst immer so, wie du trainierst. Und wir haben einen Scheißdreck zusammentrainiert."

Stier sagte auch noch, er sei "stinksauer", was ein bisschen überflüssig war. Ungefähr so, wie jetzt zu erwähnen, dass Wolfratshausen vom ersten Tabellenplatz derzeit 25 Punkte entfernt ist. Und dass das vier Punkte mehr sind, als die Mannschaft bislang überhaupt gesammelt hat. Mit einem Sieg gegen Dachau hätte der BCF aufschließen können zu den Teams, die in der Tabelle direkt vor ihm stehen. Am kommenden Wochenende hätte er die Chance gehabt, die Abstiegsrelegationsplätze erstmals seit dem sechsten Spieltag wieder zu verlassen. Mit nun 58 Gegentoren stellt der BCF die schwächste Defensive der Liga. Stiers Mannschaft wird sich am Saisonende wohl kaum kraft ihrer Tordifferenz (-22) vor dem Abstieg retten.

Christian Doll war der erste Dachauer, der die Wolfratshauser Defensive am Samstag überwand. Keiner der fünf im Strafraum anwesenden BCF-Verteidiger hinderte ihn daran, eine flache Hereingabe von Sebastian Brey einzuschießen (9.). Der BCF war selbst mal stark an Dolls Diensten interessiert gewesen. Marko Tomicic glich zwar mit einem Distanzschuss aus (20.), Onur Korkmaz brachte Dachau aber noch in der ersten Halbzeit erneut in Führung (30.). Dachau hatte Chancen für weitere Treffer, von denen Brey die beste vergab, als er aus 15 Metern Entfernung das leere Tor nicht traf (41.). Wolfratshausen dagegen kam einzig nach Standardsituationen zum Abschluss. Allerdings begingen die Spieler des BCF dabei ein ums andere Mal Fouls oder standen im Abseits, worüber sich Trainer Stier noch brüllend ärgerte.

Dachaus Spielertrainer Fabian Lamotte sagte später: "Wir haben gut ins Spiel gefunden, waren ballsicher und haben die Räume gut besetzt. Wir hatten nach dem Ausgleich eine kurze Phase, in der wir gewackelt haben. Gegen Wolfratshausen läuft es für uns ja immer ein bisschen komisch, das Hinspiel haben wir verloren. Aber dann haben wir den Sieg souverän nach Hause gefahren."

Drei Tore gelangen den Gästen nach der Pause. Qendrim Beqiri verwandelte einen Foulelfmeter (53.), Moritz Hannemann schob nach einem Lattentreffer aus kurzer Distanz ein (59.) und Korkmaz erzielte sein zweites Tor (76.). Wolfratshausens Andrej Skoro sah noch die gelb-rote Karte (79.). Stier saß da längst schweigend auf seinem Klappstuhl. Dachau hat durch den Sieg in der Tabelle einen weiteren Platz gutgemacht und ist nun Siebter.

"Ich wusste vorher, dass wir verlieren", erläuterte Stier nach der Partie. "Du spielst immer so, wie du trainierst. Und wir haben unter der Woche einen Scheißdreck zusammentrainiert. Alle denken: Jetzt haben wir einmal gewonnen, dann können wir ja wieder fünfmal verlieren. So wie immer."

15 Monate lang ist Marco Stier nun Trainer des BCF Wolfratshausen. Seit 15 Monaten spielt seine Mannschaft gegen den Abstieg aus der Bayernliga Süd. 15 Monate lang hat Stier seine Spieler verteidigt, hat viele von ihnen besser geredet, als sie wahrscheinlich sind. Nach Niederlagen war Stier oft traurig, ratlos, niedergeschlagen. Aber ganz selten so offensichtlich wütend wie am Samstag. Erst kürzlich hatte Stier gesagt, er glaube, der BCF sei ganz froh, ihn zu haben. Nach der Niederlage gegen Dachau wurde er sehr deutlich: "Noch mal schaue ich mir so was nicht an."