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Nachruf:"Sophie war eine Spielerin, wie man sie sich wünscht"

Eishockey

Sophie Kratzer.

(Foto: privat / oh)

Zum Tod der Eishockey-Nationalspielerin Sophie Kratzer erinnern sich Trainer, Teamkolleginnen und Freunde an eine Ausnahmesportlerin - und einen vielschichtigen Menschen.

Am Telefon klang Sophie Kratzer wie immer. Ob sie Zeit habe, an einer Preisverleihung für junge Sportler teilzunehmen? Oh, sagte sie, wie nett, dass man an sie gedacht habe. Sie bedankte sich herzlich. Dann sagte sie höflich ab. Es tue ihr leid, sie würde die Einladung wirklich sehr gern annehmen. Aber sie komme in diesem Moment vom Arzt und wisse nicht, wie es ihr in ein paar Wochen gehen werde. 2017 war das, und sie sagte gerade heraus, was ihr der Arzt soeben mitgeteilt hatte. Das Ergebnis der Untersuchungen lautete: Brustkrebs. Sophie Kratzer war 28 Jahre alt.

Mit dem ESC Planegg-Würmtal war sie gerade zum siebten Mal deutsche Meisterin geworden und mit der Nationalmannschaft Vierte bei der Weltmeisterschaft in Plymouth/USA. Es war der größte Erfolg in der Geschichte des deutschen Frauen-Eishockeys. Ein paar Wochen später arbeitete sie im Organisationskomitee der Männer-WM - nachdem sie zuvor noch ihr Lehramtsstudium in Deutsch, Geschichte und Sozialkunde abgeschlossen hatte. Am Gymnasium war sie im Leistungskurs Kunst und spielte in einer Bigband. "Sie hat sehr viel unter einen Hut gebracht", sagt Michael Lehmann, viele Jahre lang ihr Trainer beim ESC Planegg.

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Seit die 149-malige Nationalspielerin, Olympia- und WM-Teilnehmerin am Montag vergangener Woche mit 30 Jahren gestorben ist, haben sich viele Menschen, die ihr nahe standen, über Sophie Kratzer geäußert. Und es waren immer wieder diese drei Eigenschaften, die sie beschreiben sollten: herzlich, höflich, gerade heraus. Aber noch so viele mehr. Diszipliniert, zielstrebig, vorbildlich sei sie gewesen. Interessiert. Introvertiert. Integrierend. "Sie konnte eine Mannschaft mitreißen. Und wenn es sein musste, ist sie auch mit dem Kopf durch die Wand", sagt Lehmann. Er habe viele gute Gespräche mit ihr geführt, auch über den Sport hinaus: "Man konnte sich wunderbar mit ihr streiten." Lehmann betont, dass er das positiv meint.

Peter Kathan, der ehemalige Bundestrainer aus Bad Tölz, glaubt: "Eine tadellosere Sportlerin wird man kaum finden." Er nahm Sophie Kratzer 2014 mit zu den Olympischen Spielen nach Sotschi - obwohl sie drei Monate zuvor ihren zweiten Kreuzbandriss erlitten hatte. Weil sie, die "durchaus kritische" Führungsspielerin, "für die Mannschaft wichtig war", wie Kathan sagt: "Die anderen sind immer zu ihr gegangen, wenn sie ein Problem hatten."

"Sophie war eine Spielerin, wie man sie sich wünscht", sagt Klaus Wüst, der Präsident des ESC Planegg. Als sie 2003 vom ESC Dorfen in die Bundesliga kam, war sie gerade 14 Jahre alt. In Landshut geboren, hatte sie als Kleinkind das Schlittschuhlaufen beim ESV Gebensbach gelernt. Auch Fußball spielte sie. In Velden an der Vils, dem Wohnort der Familie, trat sie gemeinsam mit den Buben in einer Mannschaft an - und wurde Torschützenkönigin. Für den deutschen Eishockey-Rekordmeister Planegg sollte die Stürmerin in 193 Bundesliga-Spielen 134 Treffer erzielen. "Sie war eine perfekte Spielerin. Sie hat großen Anteil am Werdegang des ESC", sagt Wüst.

Die Jugend "im ober-/niederbayerischen Grenzgebiet, in dem die Regionen nach Flusstälern benannt sind", habe sie geprägt: So hat sich Sophie Kratzer selbst in einer Kurzbiografie als Volontärin an der Katholischen Journalistenschule in München beschrieben. Schon als Kind "beim Limonade-Ausfahren mit dem Onkel" habe sie "tief in die bayerische Seele auf dem Land" geblickt. Ihren Fokus weitete sie bald auf die Welt jenseits der Stadien und Staatsgrenzen. Journalistin wollte sie werden, wie ihr Vater, der SZ-Redakteur Hans Kratzer. Für das Magazin des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio recherchierte sie Anfang 2019 in Nordostindien über die dortigen prekären Lebensverhältnisse und alternative Sozialstrukturen.

Die gesellschaftliche Rolle von Frauen, nicht nur im Sport, war eines ihrer Themen; sie empfand es als ungerecht, wie viel mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung die Männer von Medien und Verband bekommen - gerade in ihrem Sport. Als sie aus Indien zurückkam, sei sie "voller Demut" gewesen: "Die warme Dusche war ein Privileg, die Heizung neben dem Bett ein Luxus. Aber die Zeit ohne Handynetz und Internet hat mir viel Raum zum Nachdenken gegeben, und das Gefühl der Geborgenheit innerhalb der Familien war nachhaltig beeindruckend. Deshalb habe ich erst einmal meine Familie eingeladen, ein paar Fotos gezeigt und das Handy im Flugmodus gelassen."

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Wichtig für den Zusammenhalt der Mannschaft: Sophie Kratzer, Zweite von rechts, 2016 nach einem Länderspiel gegen Norwegen mit Lisa Schuster, Monika Bittner, Nina Kamenik, Rebecca Graeve, Laura Kluge und Andrea Lanzl (v.re.).

(Foto: imago/nph)

Berufliche Neugierde gepaart mit Empathie zeichneten die Journalistin Sophie Kratzer aus. In einem sehr persönlichen Abschiedsbrief schreibt einer ihrer Volontärskollegen: "Du hast die Welt um Dich herum nie einfach konsumiert, Du hast sie wirklich aufgenommen, nie bist Du im Gespräch abgedriftet oder wirktest desinteressiert. Du warst eine einfühlsame Zuhörerin. Und im richtigen Moment kam von dir auch mal ein Spruch. Trocken, humorvoll und auf den Punkt getroffen." Sie sei "zäh und hart und tough" gewesen, klar, als Eishockeyspielerin.

"Brutal herzlich", so beschreibt sie Julia Zorn, ihre Teamkollegin im Klub und in der Nationalmannschaft und mit ihr befreundet, "seit ich zwölf war". In der Kabine sei sie ein "Ruhepol" gewesen und eine "Mentorin", vor allem für jüngere Mitspielerinnen. Im Team habe sie den Spitznamen The Brain gehabt: "Weil sie, selbst wenn sie sauer war, zwei, drei Fremdwörter eingebaut hat, so kontrolliert war sie." Nina Kamenik, Nationalspielerin aus Berlin und eine enge Freundin, sagt: "Wir brauchten kein Google, wir hatten Sophie." Dennoch habe die Mannschaft sie nie als Besserwisserin empfunden: "Wir haben sie bewundert und waren stolz auf sie." Auf Reisen zu internationalen Turnieren habe sie die anderen animiert, sich an freien Tagen Land und Leute anzuschauen. "Sie hatte immer einen Fotoapparat dabei", erzählt Julia Zorn. Auch in Sotschi.

Ihre Eloquenz, die sie zu einer gefragten Interviewpartnerin machte, ihr politisches und kulturelles Interesse kannten keine Grenze: "Sie ist immer auf andere zugegangen und hatte viele Freunde auch in anderen Nationen, sie hat ja mehrere Sprachen gesprochen", sagt Zorn. "Zur Not hat sie sich mit den Russinnen mit Händen und Füßen verständigt." Nina Kamenik hat Sophie Kratzer als "immer positiv" empfunden: "Sie hat alles angenommen, wie es ist. Sie hat immer gekämpft, sich nie beschwert. Darum haben wir gedacht: Wenn es jemand schafft, dann Sophie."

Seit Mitte 2017 wusste Sophie Kratzer von diesem Gegner, gegen den sie mit demselben Einsatz kämpfte wie auf dem Eis. Auch vom Krebs wollte sie sich nicht unterkriegen lassen. Nach einer weiteren Chemotherapie begann sie Ende 2019 noch ein Praktikum beim Berliner Tagesspiegel.

Kurz vor Weihnachten verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Trotzdem gab sie nicht auf. Sie kehrte nach München zurück und kam in stationäre Behandlung. Sie habe sich sehr auf die Feiertage im Kreis der Familie gefreut, sagt ihr Vater. Nach dem Jahreswechsel konnten ihr die Ärzte dann irgendwann nicht mehr helfen. Die Familie blieb bis zuletzt an ihrer Seite.

An diesem Samstag um 10 Uhr beginnt in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Dorfen der Trauergottesdienst für Sophie Kratzer. Viele, die sie kannten, wollen kommen, um Abschied zu nehmen. Nina Kamenik sagt: "Dafür ist kein Weg zu weit."

Statt Blumen und Kränzen bittet die Familie um Spenden an die Stiftung Deutsche Krebshilfe, IBAN DE65 3705 0299 0000 9191 91, Stichwort: Sophie Kratzer.

© SZ vom 25.01.2020/lfr
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