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Basketball:Königliche Energiewende

Basketball München 10.11.2019 Saison 2019 / 2020 1. Bundesliga / BBL FC Bayern München Basketball - Alba Berlin Alex Kin

Signal zum Aufbruch: Alex King hat die Münchner Basketballer in der zweiten Hälfte gegen Oldenburg mitgerissen.

(Foto: Tilo Wiedensohler/imago)

Alex King, 35, führt den FC Bayern gegen Oldenburg zum Sieg - weil er nach einer lethargischen ersten Halbzeit Emotionen ins Spiel bringt.

Von Felix Haselsteiner

Alex King erfuhr als Erster davon, dass sich beim FC Bayern Basketball etwas verändern sollte. Nach einer katastrophalen ersten Halbzeit kam Trainer Oliver Kostic auf den ältesten Spieler der Münchner zu, er sagte ihm, dass er sich lieber mal besonders gut aufwärmen sollte. "Das habe ich dann gemacht, ich war bereit", sagte King nach dem Spiel, das er mitentschieden hatte. Allein, er hätte das Offensichtliche gar nicht hervorheben müssen: Jeder Zuschauer im Audi Dome konnte am Sonntagabend erkennen, dass Alex King, 35, bereit war, dem BBL-Topspiel gegen die Baskets Oldenburg seinen Stempel aufzudrücken, als er zur zweiten Halbzeit in die Startformation rotierte.

King erzielte in den 14 Minuten, die er auf dem Platz verbrachte, elf Punkte. Er traf drei von vier Versuchen aus der Distanz, vergab seinen einzigen Wurfversuch für zwei Punkte, traf dafür zweimal von der Freiwurflinie und hatte einen Rebound. Für einen Spieler eines Euroleague-Vereins sind das - bis auf die Dreierquote von 75 Prozent - durchschnittliche Statistiken, die auf den ersten Blick gar nicht vermuten lassen, dass der Forward dieses Spiel gedreht hatte. Und doch war das klar erkennbar der Fall. King nämlich brachte etwas ein, was sich in keiner Statistikübersicht messen ließ, was bei den Basketballern des FC Bayern dennoch derzeit ein großes Thema ist: Er brachte Energie.

"Der Energizer", erklärte King im Nachgang, "bin ich eigentlich schon immer, seit ich hier bin. Das ist meine Rolle." Dabei sei ihm ganz egal, ob er seine Energie auf dem Feld oder von der Bank aus einbringe, sagte King bescheiden. Es gehe ihm nur darum, seinen Teil beizutragen. Der König, wie ihn manche im Audi Dome nennen, ist einer der interessantesten Protagonisten im Kader des FC Bayern. Er ist der Publikumsliebling, der sich nicht zu schade ist, in den Einspielern, die in den Viertelpausen auf dem Videowürfel laufen, mit wilden Perücken witzige Sprüche zu klopfen. Er ist dank seiner Erfahrung einer der besten Analytiker, wenn es um die Stimmung innerhalb der Mannschaft geht. Und er ist allen voran ein trotz seines Alters hervorragender Basketballspieler, der in der Bayern-Mannschaft immer dann den Unterschied macht, wenn es an der oftmals erwähnten Energie fehlt.

"Man muss es so sehen: Ich bin ja ein alter Hase. Ich will den Jungs einfach zeigen, was geht."

Wie das Spiel des FC Bayern dann aussieht, zeigte die erste Halbzeit gegen Oldenburg: Lethargisch verteidigten die Münchner, wirkten unkonzentriert und ließen sich von der guten, aber keinesfalls überragenden Mannschaft des Tabellenfünften immer wieder überspielen. "Wir haben nach leichten Fehlern den Kopf hängengelassen, sind nicht richtig zurückgelaufen, die Körpersprache war nicht da", sagte King, wobei er eigentlich nicht von 'wir' hätte sprechen müssen - er verbrachte die schwachen ersten 20 Minuten auf der Bank. Mit einer klaren Halbzeitansprache von Kostic im Rücken und King auf dem Feld stürmte der FC Bayern im zweiten Durchgang die Oldenburger nieder, die im dritten Viertel gerade einmal einen Punkt per Freiwurf erzielten. Paul Zipser warf dafür acht Punkte in den ersten zwei Minuten nach der Halbzeit, Kings Dreier ließen das Publikum auch aus dem Dämmerschlaf der ersten Halbzeit erwachen, und von da an stellte sich nur noch die Frage, wie hoch der Bayern-Sieg ausfallen würde.

"Wir haben schon einige Spieler, die Emotionen in sich haben", sagte Kostic später, angesprochen auf das Energielevel in der Mannschaft: "Alex King ist eben einer derjenigen, die es auch schaffen, das auf andere zu übertragen." Die King-Mentalität, sie fehlt ansonsten etwas im Kader des FC Bayern, der geprägt ist von herausragenden Akteuren wie Greg Monroe oder Maodo Lo, die Spiele mit ihrer technischen Klasse entscheiden können und das auch regelmäßig unter Beweis stellen. Was dafür nicht zu ihren Kernkompetenzen gehört, ist, nach Rückständen aus guten Würfen emotionale Turnarounds zu machen - wie es eben King oder der vor der Saison zu Fenerbahce Istanbul abgewanderte Derrick Williams können. Sei es durch einen Dunk, einen riskanten Dreierwurf oder einen Rebound, es braucht im Basketball häufig auch große Gesten, um aus guten Aktionen spielentscheidende zu machen.

King ist sich dessen bewusst: "Man muss es so sehen: Ich bin ja ein alter Hase. Ich will den Jungs einfach zeigen, was geht." Auch wenn es Grenzen gibt, wie er schmunzelnd zugibt: "Manchmal gibt es dann in meinem Alter auch einen Punkt, an dem meine Beine schlappmachen."

Das ist die andere Aussage, die das Spiel gegen Oldenburg aufwirft und die den FC Bayern gerade im Thema Kaderplanung beschäftigen sollte: Ist es denn eine gute Nachricht, wenn man sich als Euroleague-Verein und deutscher Branchenprimus auf die 14-minütige Energieleistung eines 35-jährigen Routiniers verlassen muss, um den Tabellenfünften der BBL zu besiegen? Eher nicht. Zu Beginn der zweiten Saisonhälfte kristallisiert sich immer mehr heraus, woran es den Münchnern fehlt, und dass King seine Rolle im Team zwar herausragend erfüllt, er allein jedoch nicht Woche für Woche als kurzfristiger Energiespender die Rettung wird bringen können. Wollen die Bayern mittel- und langfristig weitere Schritte in Richtung internationaler Erfolge gehen, braucht es dringend mehr Spielertypen wie ihn im Kader. Wollen sie kurzfristig erneut deutscher Meister werden und in der Euroleague zumindest noch ein paar Plätze gut machen, sollten sich andere Akteure in der Mannschaft möglichst bald an King orientieren - und Emotionen zeigen.

© SZ vom 03.03.2020

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