Basketball Fluch der guten Taten

Bayerns Derrick Williams punktet per Dunk.

(Foto: imago/Lackovic)

Die Basketballer des FC Bayern stehen in Kaunas vor einer richtungsweisenden Partie. Es geht ums Weiterkommen in der Euroleague - und um den richtigen Umgang mit gestiegenen Erwartungen.

Von Ralf Tögel

Sie sind ja selbst schuld. Was müssen sie dem Geschäftsführer auch derart in den Rücken fallen? Einfach ein Spiel nach dem anderen gewinnen, insgesamt deren zwölf, so viele wie kein deutsches Team in diesem Euroleague-Format? Was muss Sportdirektor Daniele Baiesi auch einen Kerl wie diesen laufenden Muskel aus der NBA an die Isar locken? Der das Spiel des deutschen Double-Siegers eine Ebene nach oben befördert? Und dann auch noch der Sieg gegen Tabellenführer Fenerbahce Istanbul, der wirklich jeden Zuschauer im knallvollen Audi Dome vom Sitz gerissen hat? Sollen sie doch sehen, wie sie jetzt die riesigen Erwartungen wieder einfangen.

Wie gesagt, selbst schuld. Eigentlich hatte Marko Pesic das internationale Geschäft in dieser Saison als Lernprozess klassifiziert, das Ticket in die K.-o.-Runde, das noch kein deutsches Team lösen konnte, ist kein Ziel in dieser Spielzeit, die Mannschaft soll einfach gegen die Besten des Kontinents schönen Basketball zeigen - mal sehen, was rauskommt. Erst mal kam kurz vor Saisonbeginn Derrick Williams, mit der Erfahrung von 428 Spielen in der NBA im Gepäck. Die Münchner dominierten fortan die Bundesliga und erregten mit guten Ergebnissen Aufsehen in der Euroleague. Und nun? Ist es gar nicht mehr so leicht, dem geneigten, aber weniger fachinformierten Basketballfreund zu vermitteln, dass man trotz der bisher erzielten Erfolge mitnichten erwarten muss, dass die Basketballer des FC Bayern München sich für die Runde der besten Acht qualifizieren werden.

Freilich besteht nach wie vor die Möglichkeit, ein Sieg an diesem Donnerstag beim litauischen Serienmeister Zalgiris Kaunas (19 Uhr), der selbstredend das nationale Ranking anführt, ist diesbezüglich wohl unabdingbar. Denn momentan sind die Bayern mit einer Bilanz von 12:13 Siegen auf Platz elf notiert, allerdings haben die Konkurrenten auf den Plätzen acht bis sechs, den aktuell das baskische Team aus Vitoria-Gasteiz innehat, nur einen einzigen Sieg mehr auf dem Konto. Vor den Bayern rangieren noch die sieggleichen Panathinaikos Athen und Maccabi Tel Aviv. Beides ehemalige Euroleague-Champions, mehr muss man über die Qualität des Teilnehmerfeldes nicht wissen. Die jüngste 70:77-Heimniederlage gegen Maccabi könnte den FCB in der Endabrechnung noch schmerzen, ist aber mit einem Sieg in Kaunas passabel zu kaschieren.

Der Trainer, Sarunas Jasikevicius, wird in Litauen wie ein Heiliger verehrt

Keine leichte Übung in der stets ausverkauften und 15 000 Zuschauer fassenden Zalgirio Arena. Zwar hat Kaunas, das im Vorjahr sogar ins Final Four einzog, zwei Siege weniger als die Münchner und entsprechend schlechtere Chancen auf ein Weiterkommen, vor Wochenfrist aber belegte das 98:64 gegen Gran Canaria an selber Stelle die derzeit gute Verfassung. Was viel mit dem Trainer zu tun hat: Sarunas Jasikevicius. Der wird im basketballverrückten Litauen wie ein Heiliger verehrt. Der 43-Jährige gilt neben der französischen Spielmacher-Legende Tony Parker als der wohl beste Point Guard, den Europa je hervorbrachte. Jasikevicius spielte in der NBA und gewann neben allerlei Meisterschaften quer über den alten Kontinent zudem viermal die Euroleague. Die 84:88-Hinspielniederlage bei den Bayern konnte auch er nicht verhindern.

Gleichwohl trifft der deutsche Meister auf ein erlesenes Ensemble aus Einzelkönnern - und einen alten Bekannten. Kaunas hat auf die Verletzung des litauischen Nationalcenters Antanas Kavaliauskas reagiert und im Januar in Deon Thompson einen ehemaligen Münchner kurzerhand vom spanischen Erstligisten Basket Birgos losgeeist. Mittlerweile scheint sich der 2,04 Meter große Power Forward, der auch unter dem Brett vorzüglich zu spielen weiß, eingefunden zu haben. Zum Kantersieg gegen die Spanier steuerte er elf Punkte und sieben Rebounds bei. Noch besser als Thompson, der 2014 im Dress der Münchner den Meistertitel feierte, ist Center-Kollege Brandon Davies, Topscorer und Toprebounder im Dress der Litauer.

Ansonsten ist Kaunas ein Team von üblichem Euroleague-Zuschnitt: starke Amerikaner wie die Guards Thomas Walkup oder Nate Wolters, dessen Einsatz aufgrund von Leistenproblemen aber fraglich ist, sowie eine ganze Reihe an Nationalspielern, allen voran die litauischen Internationalen Arturas Milaknis oder Marius Grigonis, dessen Qualität die Münchner unter anderem aus seiner Zeit bei Alba Berlin kennen.

Der FC Bayern hat in dieser Saison noch nie dreimal in Serie verloren

Die Bayern offenbarten beim Einsammeln der Abpraller vom Brett Probleme, was sich vielleicht bald bessern könnte. Center Devin Booker ist jedenfalls mitgereist, ob es für einen Einsatz reicht, wird kurzfristig entschieden. Ansonsten kann Trainer Dejan Radonjic, den langzeitverletzten Milan Macvan ausgenommen, auf sein gesamtes Personal zurückgreifen. Interessant wird zu beobachten sein, wie sein Team die Pleite von Vechta verarbeitet hat, beim Überraschungsteam setzte es zuletzt eine 75:93-Pleite. Was beim bitterböse dreinblickenden Trainer sichtbaren und hörbaren Unmut ausgelöst und eine gewisse Müdigkeit offenbart hatte. Das aktive Personal hat neben den 22 nationalen mittlerweile 25 internationale Spiele absolviert. Ob dieser brutalen Belastung mit bis zu drei Spielen in einer Woche fällt die Zeitspanne zwischen Sonntag in Vechta und Donnerstag in Kaunas vergleichsweise komfortabel aus. Außerdem hat der FC Bayern in dieser Saison wettbewerbsübergreifend noch nie dreimal in Serie verloren.

Keine Veranlassung für panische Töne aus dem Dome also, auch die Vorgabe des Geschäftsführers sollte eine gewisse Gelassenheit fördern. Die Erwartungen der Fangemeinde sind ein anderes Thema. Doch das haben sich die Spieler wie bereits erwähnt selbst zuzuschreiben.