Basketball Belastungsprobe am Bosporus

Im letzten Euroleague-Spiel des FC Bayern in Istanbul können die Rückkehrer Zipser, Taylor und Gavel Spielpraxis sammeln

Von Ralf Tögel

Anton Gavel machte eine Faust und pochte sich gegen den Kopf: Auf Holz klopfen, so sagt der Volksmund, das bringt Glück. Gavel weiß, dass die Basketballer des FC Bayern München mehr als Fortune benötigen, um an diesem Freitag in ihrem letzten Euroleague-Spiel bei Fenerbahçe Istanbul (21 Uhr) zu bestehen. Glück allein wird nicht reichen gegen einen Gegner vom Format des türkischen Meisters. Gavel wollte lediglich seiner Hoffnung Ausdruck geben, dass die verstörende Verletzungsmisere seiner Mannschaft endlich ein Ende finden möge, zumal er ja einer der Spieler ist, die betroffen waren.

Sportlich ist das Spiel völlig bedeutungslos. Die Bayern sind bereits vor zwei Wochen nach der knappen 81:83-Niederlage in Mailand ausgeschieden, dennoch betonen alle, dass man gerade diese Partie besonders ernst nehme. Point Guard Gavel sagt: "Solche Spiele hat man nicht jeden Tag." An einen Ausflug an den Bosporus mit sportlichem Begleitprogramm zu denken, "ist Schwachsinn". Sportdirektor Marko Pesic findet, dass gerade diese Partie bestens geeignet sei, "die Mannschaft im Rhythmus zu halten". Vor allem, um den Akteuren, die verletzungsbedingt zu wenig Spielpraxis haben, Einsätze unter Wettkampfbedingungen zu gönnen. Neben Gavel können auch Paul Zipser und Kapitän Bryce Taylor mit vielen Spielminuten rechnen. Und der Trainer? Hat oft genug betont, dass es ihm nur um eines gehe: "Wir wollen dort natürlich gewinnen", sagt der stets kämpferische Svetislav Pesic.

Freilich treffen die Bayern auf einen Kontrahenten mit beeindruckenden Qualitäten. Fenerbahçe hat zuletzt dem Titelmitfavoriten Barcelona die erste Niederlage beigebracht - wohlgemerkt in Spanien. Zwei Spieler stehen stellvertretend für die Klasse der Türken: Der Serbe Bogdan Bogdanovic ist einer der begehrtesten Spieler des Kontinents, sein Weg führt in die NBA; der 22-Jährige hat bereits einen Vertrag mit den Phoenix Suns. Andrew Goudelock kennt die beste Liga der Welt bereits, der Amerikaner war bei den LA Lakers unter Vertrag, ehe er nach Europa kam. Im Audi Dome erzielte er 34 Zähler und stellte mit zehn Dreiern einen neuen Euroleague-Rekord auf. Im Hinspiel allerdings fehlten Gavel, Zipser und Taylor, eben die Spieler, denen nun eine wichtige Rolle zugedacht ist.

Zum mutmaßlich letzten Mal wird Bo McCalebb im Team stehen. Auch den Spielmacher, dessen Vertrag nach der Partie endet, kennen die Türken noch nicht. Der Amerikaner mit dem mazedonischen Pass würde gerne in München bleiben, das hat er nach der Partie gegen Bayreuth erstmals in dieser Deutlichkeit kundgetan. Die Bayern, da kann man fragen, wen man will, würden eine Verlängerung seines Engagements als Verstärkung verstehen. Gerade der jüngste Auftritt McCalebbs beim 102:75 gegen Bayreuth belegte diese These: Er sei erstmals selbst mit seiner Performance zufrieden gewesen, ergänzt Marko Pesic. Der Sportdirektor will den 29-Jährigen nicht mit einem Ultimatum unter Druck setzen. Gleichwohl überlegt man beim FC Bayern, den Vertrag bis zum kommenden Sonntag zu verlängern, wenn die sportlich ungleich wichtigere Bundesliga-Partie in Braunschweig (17 Uhr) ansteht.

Stark am Ball: Bo McCalebb vom FC Bayern München.

(Foto: Daniel Dal Zennaro/dpa)

Allein ob des kräfteraubenden Programms von zwei Spielen innerhalb von 48 Stunden wäre den Münchnern jede Verstärkung willkommen. McCalebbs Agenten wird Marko Pesic nach der Istanbul-Partie treffen - für die finalen Verhandlungen. Freilich wird auch der Trainer eine abschließende Expertise abgeben. Svetislav Pesic will sich mit McCalebb noch intensiv unterhalten. "Er muss bereit sein, für uns zu spielen", sagt Pesic, "das muss ich in seinen Augen sehen."

Ein Blick in die nähere Zukunft offenbart: Den Bayern steht ein forderndes Jahr bevor. Auch ohne Euroleague bleibt ein Teil der Saison international, die gescheiterten Teams ziehen nämlich in die Runde der letzten 32 im Eurocup ein. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer hat das Pendant im Fußball dereinst "Cup der Verlierer" genannt, die Basketballer verstehen ihn als "zusätzliche große Chance". Das Format ähnelt dem im Fußball, die Bayern kommen in eine Vierer-Gruppe, danach geht es mit dem Achtelfinale im K.o.-Modus weiter. Unter den Gegnern befinden sich interessante Mannschaften wie Rom, Beşiktaş Istanbul, Valencia, der BK Chimki aus Russland und nicht zuletzt Bamberg. Es könnte auch zum Wiedersehen mit einigen ehemaligen Bayern-Spielern kommen: Malcolm Delaney etwa spielt bei Kuban Krasnodar, Jared Homan in St. Petersburg.

Erst einmal muss indes die Königsklasse anständig zu Ende gebracht werden. Die Stimmung sei absolut in Ordnung, sagt Anton Gavel, die Krise scheint aus den Knochen geschüttelt. Zwar wurde ein Ziel verpasst, "das muss man nicht schönreden", sagt der Zugang aus Bamberg. Doch er ist "froh, dass wir nicht ganz aus der internationalen Gesellschaft raus sind".