Baseball:Flucht nach vorne

Greg Hendrix Pitcher beim Baseball Bundesligisten Hamburg Stealers in der Partie gegen die Solingen

Großer Wurf: Pitcher Gregory Hendrix, hier im Trikot der Hamburg Stealers, ist neu bei den Disciples.

(Foto: Imago)

Die Haar Disciples haben genug davon, ein durchschnittlicher Bundesligist zu sein. Sie wollen den Titel, irgendwann

Von Christoph Leischwitz, Haar

Es ist neun Jahre her, dass Ted Kramer hinwarf. Der Amerikaner blieb damals nur ein Jahr Spielertrainer des Bundesligisten Haar Disciples, dann war er frustriert. Davon, dass er den deutschen Spielern fünf Mal die Woche ein Training anbot, um sie besser zu machen. Die meisten kamen nicht öfter als zwei Mal. Kramer hatte einen Kulturschock. Menschen, die mit Baseball aufgewachsen sind, verstehen nicht, dass jemand Training als Freizeitstress empfinden kann.

Vor sieben Jahren wechselte Michael Michael "Mitch" Stephan zu dem Verein im Münchner Osten. Von Freizeitstress kann bei den Disciples mittlerweile keine Rede mehr sein - Baseball ist unter dem 27-jährigen Spielertrainer nämlich stufenweise zu einem Profisport geworden. Inklusive Kraftraum trainieren die Spieler so gut wie jeden Tag. Spätestens in der vergangenen Saison war den vielen knappen Ergebnissen gegen Spitzenteams zu entnehmen, dass die Mannschaft immer konstanter spielt und Erfolge nicht mehr allein von den ausländischen Spielern abhängen. Auch die Eigengewächse sind besser geworden.

Jetzt haben die Disciples einen weiteren Schritt in Richtung Professionalisierung gewagt, den bislang größten. Präsident Todd Covell spricht auf der ersten Pressekonferenz in der Geschichte der Disciples von einer "Flucht nach vorne". Man sei es leid, regelmäßig die Playoffs zu erreichen und ebenso regelmäßig im Viertelfinale auszuscheiden. "Wie oft war das jetzt schon hintereinander?", fragt Covell. Genau, sechs Mal. "Wir sind ganz gut. Aber wir wollen kein Durchschnitt sein."

Die Disciples haben nun eine GmbH gegründet, es gibt zwei hauptamtliche Mitarbeiter. Einer davon ist Spielertrainer Stephan, zuständig für den Spielbetrieb, der andere ist der US-Amerikaner David "DJ" Jauss, der zwar als Pitcher auf dem Feld stehen wird, aber auch für das neue Drumherum verantwortlich ist. Dafür, dass die Spiele zu einem Familienevent werden, mit Hüpfburgen, lauter Musik, Cheeseburgern und mehr.

Präsident Covell erzählt von seiner "Vision". Er träumt von 2000 Zuschauern, obwohl die gar nicht ins Stadion im Sportpark Eglfing passen würden. Außerdem will er die deutsche Meisterschaft nach Haar holen. All das klingt zunächst ein wenig wahnwitzig angesichts der Tatsache, dass die Regensburg Legionäre gerade für sieben Millionen Euro ein neues Leistungszentrum gebaut haben und über den mit Abstand besten Kader verfügen. Doch die Disciples verbessern sich stetig.

In Christoph Ziegler, Lukas Steinlein und Kevin Trisl gibt es schon drei deutsche Nationalspieler, die kürzlich auch zum Vorausscheid zur kommenden Baseball-WM mitfahren durften (dort allerdings das Ausscheiden nicht verhindern konnten). Neben Jauss sind unter den Zugängen auch die beiden Pitcher Gregory Hendrix und Cody Chartrand schon einmal von einem US-Profiklub eingekauft worden. Auch, wenn sie sich dort nicht durchsetzen konnten, ist das ein gewisses Gütesiegel. Mit Catcher William Thorp ist eine weitere wichtige Position in der Defensive enorm verstärkt worden, und viele Leistungsträger der vergangenen Saison stehen weiter zur Verfügung.

Doch Covell ist auch Realist, er sagt, er weiß, dass es keine Garantie für Erfolg gibt. Ab 300 bis 400 Zuschauern im Schnitt würde man immerhin schon mal mehr einnehmen als ausgeben. Und das Erreichen des Halbfinals ist erst einmal das erklärte Nahziel. Immerhin gibt es bei den Disciples etwas, das viele andere Klubs in Randsportarten nicht haben: einen Investor, auch wenn dieser erst einmal nicht genannt werden möchte. Die Finanzierung für die kommenden drei Jahre ist gesichert, für den Spielbetrieb stehen den Disciples rund 80 000 Euro pro Saison zur Verfügung.

Auf die Saison vorbereitet haben sie sich übrigens mit einem einwöchigen Trainingslager in San Marino. Der Kader ist auch deshalb so groß, weil die Disciples diesen Sommer nicht nur Bundesliga spielen wollen. Sie nehmen gleichzeitig an der neu gegründete Europa League teil, die zwar erst einmal nur aus vier Teams besteht, aber diese gehören zu den Besten Europas: Amsterdam, Brno, Regensburg - und Haar. Echte Europapokal-Abende wird es wegen der etwas zu schwachen Flutlichtanlage wohl nicht geben, der first pitch wird stets gegen 18 Uhr erfolgen. Doch in diesem Zusammenhang deuten die Disciples auch an, dass man mit der Gemeinde in Gesprächen bezüglich eines neuen Stadions steht. Weit gediehen seien diese zwar noch nicht. Aber sie könnten schnell konkreter werden, wenn Covells Vision Realität werden sollte.

© SZ vom 02.04.2016
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