Badminton Auf Durchreise

Ann-Kathrin Spöri ist national konkurrenzlos. Jetzt will sich die 16-jährige Schülerin für die Olympischen Jugendspiele qualifizieren.

Von Christian Bernhard, Geretsried

Polen, Schweden, Bielefeld, Gera. Ann-Kathrin Spöri war in den vergangenen Wochen ständig unterwegs. Die 16-jährige Badmintonspielerin des TuS Geretsried steckt mitten in einem Reise-Marathon, der sie bis nach Buenos Aires führen soll. Dort finden im Oktober die Olympischen Jugend-Sommerspiele statt. Ab und zu taucht der Teenager sogar mal zu Hause auf, selten zwar, aber immerhin. Wie am vergangenen Wochenende. Doch selbst dieser Ausflug nach Geretsried hatte mit ihrem Sport zu tun. Sie musste ihrem Heimatverein helfen. Ansonsten ist ihr Lebensmittelpunkt inzwischen in Mülheim an der Ruhr, dem Olympia-Stützpunkt.

Der Drucksituation bei der U-17-Meisterschaft hält sie stand: "Ich hatte die innere Ruhe."

Die Badminton-Mannschaft des TuS Geretsried (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) belegt zurzeit Platz eins in der Regionalliga Südost Süd, Ziel ist der Aufstieg in die zweite Bundesliga. Mal wieder. Im Vorjahr hatte der TuS für einen Aufstieg ein Einzel zu viel verloren. Doch die Tabellenführung war kürzlich ins Wackeln geraten nach einem 1:7 gegen den Tabellendritten, die zweite Mannschaft des TSV Neubiberg-Ottobrunn - ohne den malaysischen Spitzenspieler Allan Tai und ohne Spöri, die ihrem Klub angesichts all ihrer nationalen und internationalen Verpflichtungen natürlich nicht an jedem Spielwochenende helfen kann. Der BC Offenburg war nun punktgleich mit Geretsried. Nach der Auswärtspartie am Samstag beim BSV Eggenstein-Leopoldshafen stand tags darauf das direkte Duell um die Tabellenspitze in Offenburg an - und diese Termine hatte Spöri in ihrem Kalender untergebracht. Die Nachwuchs-Nationalspielerin ist in der Liga noch ohne Niederlage, und daran änderte sich auch nichts. Mit 7:1 und 5:3 gewannen die Geretsrieder ihre beiden Partien, Spöri siegte jeweils sowohl im Doppel mit Michelle Deschle als auch im Einzel - in Eggenstein 21:18, 21:13 gegen Dorothee Schumacher, in Offenburg vor 80 lautstarken Zuschauern 21:9, 21:5 gegen Paloma Wich. Ein Sieg in vollendeter Dominanz. Allan Tai hatte das wichtige zweite Herrendoppel mit Sebastian Keller und das Herreneinzel gewonnen, den fünften Punkt gegen Offenburg sicherte der 19-jährige Noah Gnalian. Geretsried ist damit wieder auf Kurs.

Eine Woche zuvor hatte Spöri quasi im Vorbeireisen auch ihren dritten deutschen Jugendtitel aufgesammelt. Nachdem sie Anfang Februar bei den allgemeinen deutschen Meisterschaften das Viertelfinale erreicht hatte, krönte sie sich am vergangenen Wochenende in Gera zur U-17-Meisterin. Auch dort gab sie auf dem Weg zum Titel keinen Satz ab und gewann alle Spiele souverän. "Ich habe es konsequent durchgezogen", kommentierte sie. Spöri sprach von einer "Drucksituation", schließlich war sie als klare Favoritin angetreten. Trotzdem agierte sie entspannt: "Ich hatte die innere Ruhe." Ohne ihre Nationalmannschaftskollegin Miranda Wilson, die ein Jahr älter ist und schon bei den Juniorinnen antreten muss, ist die nationale Konkurrenz für Spöri in der U-17-Klasse kein Gradmesser mehr. Steffen Lenz, der bayerische Kadertrainer, bezeichnete ihre "mentale Ausgeglichenheit" als "Genuss".

International muss sie weiter "Vollgas eben" - auch wenn die Schule zurzeit "saustressig" sei

Diese komme mit der Zeit und dank der vielen Turniere, erklärt Spöri, die zusammen mit ihrer Klubkollegin Michelle Deschle im U-19-Damendoppel auch noch Bronze gewann und damit den Bayerischen Badminton-Verband anführte, der insgesamt zweimal Gold, zweimal Silber und sieben Mal Bronze einheimste. Spöris Fokus liegt inzwischen aber auf all den Reisen quer durch Europa. In Schweden war sie am letzten Januar-Wochenende in der älteren U19 im Einzel und Doppel (an der Seite von Wilson) ins Halbfinale vorgedrungen, wo sie jeweils an den späteren Siegerinnen aus Japan scheiterte. Eine Woche zuvor war sie in Polen im Einzel-Viertelfinale gescheitert - ebenfalls in der U19. Die Ranglistenpunkte, die sie dabei ergatterte, braucht sie, um ihren Traum von der Teilnahme an den Olympischen Jugendspielen zu realisieren. Momentan sehe es ganz gut aus, sagt sie, aber nicht so komfortabel, dass sie sich auf dem Erreichten ausruhen kann. Sie müsse weiterhin "auf jeden Fall Vollgas geben". Bis Ende April kann Ann-Kathrin Spöri noch Punkte sammeln. Die kommenden Turniere sind besonders wichtig, es sind Grand-Prix-Turniere, für die es mehr Punkte gibt. Ende Februar wird die Nummer 32 der Jugend-Weltrangliste in den Niederlanden am Start sein, eine Woche später in Berlin. Bis Ende April läuft die Qualifikation. Spöri wird voraussichtlich noch vier Turniere bestreiten.

Die Basis für ihre Entwicklung legt sie weiterhin am Olympiastützpunkt in Mülheim/Ruhr. Dort trainiert sie und geht zur Schule - wobei ihr Letztere momentan mehr Energie raubt. "Saustressig" sei es aufgrund der vielen Klausuren, erklärte sie, "da ist gerade viel Wille gefragt." Unterstützung im prall gefüllten Alltag gibt es seit kurzem von einer Stützpunkt-Köchin, die mittags bewusst zu viel kocht, damit sich Spöri nach dem Abendtraining nicht auch noch an den Herd stellen muss.

Ende dieser Woche steht für Ann-Kathrin Spöri übrigens etwas ganz besonders Aufregendes an: ein freies Wochenende. Sie weiß jetzt schon, was sie dann machen wird. Einfach nur entspannen. Das tut einer jungen Vielreisenden besonders gut.