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American Football:Wie Schauspieler ohne Bühne

Der Nachwuchs der Munich Cowboys leidet unter der Trainingspause. Nachdem die U19 vergangenes Jahr bayerischer Meister geworden war, könnte sich der aktuelle Stillstand fatal auswirken.

An einem Abend Anfang März saßen Cheftrainer Bernhard Hunzinger und Defensiv-Coach Efe Kara im Garten zusammen, tranken ein Bier und unterhielten sich. In jenen Tagen lief gerade das erste Minicamp der U19 der Munich Cowboys. Sie hatten mit dem American-Football-Nachwuchs intensiv an "curl routes" gearbeitet. Dabei handelt es sich um eine von zahlreichen vorgegebenen Laufwegen für Passempfänger, die ihre Gegenspieler abschütteln sollen, um dann für einen Pass des Quarterbacks freizustehen. Diese Routen sind vergleichsweise kompliziert, doch es lief gut. Die Offensive synchronisierte sich, die Abläufe gingen den jungen Spielern allmählich in Fleisch und Blut über. Das ist besonders wichtig im American Football, ein wenig geht es auf dem Platz zu wie bei einer Theaterprobe: Es ist das eine, seinen Text auswendig zu können, aber etwas völlig anderes, mit dem Gelernten zu interagieren, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Mitspieler die Vorgaben umsetzen, kurz: gemeinsam zu einem großen Ganzen zu werden. An jenem Abend, fanden die Trainer, hatten sie ein wichtiges Ziel erreicht: "Wir hatten das Gefühl, es hat Klick gemacht", sagt Hunzinger. Das Problem ist nur: Je länger man nicht trainiert, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass das Klick wieder weg ist.

Im Ausbildungsbereich einer Sportart ist es generell problematisch, wenn komplizierte Bewegungsabläufe nicht regelmäßig wiederholt werden können. Niemand kann sagen, wie lange es dauert, wieder auf den alten Stand zu kommen, geschweige denn sich weiterzuentwickeln. Doch für die Jugend der Cowboys kommt die lange Corona-Zwangspause zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt: Im vergangenen Jahr hatten sie die bayerische Meisterschaft gewonnen. Der Verein hatte beschlossen, dies zum Anlass zu nehmen, zum ersten Mal überhaupt für die bundesweite Junioren-Liga zu melden, die GFL Juniors (GFLJ). Der Aufwand dafür ist um einiges größer, schon allein wegen der weiten Reisen. In den Jahren zuvor war das Team behutsam aufgebaut worden. Der 34-jährige Hunzinger ist seit 2017 Cheftrainer, davor hatte er die U15 gecoacht, er kennt also einige der Spieler schon recht lange.

Insgesamt stehen zurzeit nicht weniger als 15 Trainer für die gut 50 Spieler zur Verfügung, so werden alle Mannschaftsteile von Spezialisten betreut. Am 18. April wäre das Derby gegen die Fursty Razorbacks angestanden, ein Duell, das es in dieser Altersklasse seit fünf Jahren nicht mehr gab, und das der U19 womöglich sogar noch ein paar Zuschauereinnahmen beschert hätte. Der Zulauf war groß in den vergangenen Jahren. Das ist ein bundesweiter Trend, denn Football ist in den vergangenen deutlich in der Popularität gestiegen, besonders unter Jugendlichen. Jetzt sind die Trainer vor allem damit beschäftigt, die Motivation hoch zu halten für Spieler, die sich nach Action auf dem Feld sehnen. "Die größte Sorge im Moment ist: dass sie fit bleiben", sagt Hunzinger. Denn das kommt ja auch noch dazu: Die Verletzungsanfälligkeit steigt, je weniger der Körper auf die Strapazen vorbereitet ist. Und dann wäre da die psychologische Komponente, die aber auch für erwachsene Spieler gilt: "Wenn man sechs Wochen keinen Tackle gespürt hat, egal ob bekommen oder gegeben, dann muss man erst einmal wieder darauf hinarbeiten." Hunzinger nennt es "muscle memory", die verloren gehe, das physische Gedächtnis quasi. Solche Defizite könne man schon nach den Sommerferien beobachten, "da könnte man meinen, etwas übertrieben gesagt, dass sie zum ersten Mal spielen".

Bei den Erwachsenen, wo es verstärkt um Titel, Auf- und Abstiege geht, macht es wohl wenig Sinn, eine verkürzte Saison zu spielen. Bei Jugendlichen, die nicht alles verlernen wollen, was sie sich über Jahren angeeignet haben, schon eher. Noch ist die GFLJ-Saison nicht abgesagt, vielleicht gibt es eine verkürzte Variante. Selbst dafür könnte sich der ganze Aufwand dann noch lohnen.

© SZ vom 04.05.2020

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