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American Football:Löcher im Zaun

Umsonst gesprintet: Auch die 47 Yards, die Jaylen Zachery zum Touchdown in die Kirchdorfer Endzone rannte und dabei alle Gegenspieler abhängte, waren letztlich zu wenig. Die Cowboys verloren knapp gegen die Wildkatzen.

(Foto: Claus Schunk)

Der ersatzgeschwächte Football-Erstligist Munich Cowboys gibt trotz vieler Chancen das Spiel bei den Kichdorf Wildcats aus der Hand, was die Teilnahme an der Endrunde zusätzlich erschweren dürfte.

Die Offensiv-Linie im American Football hat eine ähnliche Funktion wie ein Grenzzaun. Klar kann man da auch drüberspringen oder außen herumlaufen, aber das kostet Zeit, und im Idealfall gerade genug, damit die Spielmacher des angreifenden Teams ihren Plan durchführen können - entweder ein Lauf- oder ein Passspiel. Am Samstagnachmittag wirkte der "Zaun" der Munich Cowboys gegen Ende des Spiels aber so, als habe er ein Loch.

So verlor Quarterback Brady Bolles viereinhalb Spielminuten vor Schluss den Ball, weil ein schwergewichtiger Gegner mehr oder weniger ungehindert durchbrechen und ihn am Arm packen konnte; und als die Münchner kurz vor Schluss trotzdem noch die x-te Chance hatten, das Bundesligaspiel für sich zu entscheiden, da tankte sich Kirchdorfs schwerste Katze durch, Kilian Weber, und blockte den Schuss von Robert Werner. Die Gastgeber jubelten, sie konnten nun die Uhr herunterlaufen lassen, um knapp 19:18 zu gewinnen.

Das Ergebnis hat mehrere negative Folgen für die Münchner: Erstens wurden sie von den punktgleichen Wildcats in der Tabelle überholt, weil das Hinspiel Unentschieden 27:27 geendet hatte und das Team von Christoph Riener nun dank einem Punkt mehr den direkten Vergleich gewonnen hat. Die Playoffs zu erreichen ist nun, sechs Spieltage vor dem Saisonende, erheblich schwerer geworden. Außerdem mausern sich die Wildcats allmählich zum Münchner Angstgegner, insbesondere die Nummer 99: Weber hatte schon im Hinspiel mit einem geblockten Field-Goal-Versuch und einem geblockten Extrapunkt den Münchner Sieg verhindert.

Genau genommen hatte der Zaun sogar mehrere Löcher. Cheftrainer Garren Holley hört sich überaus frustriert an, als er die neuesten Verletzten im ohnehin schon schwach besetzten Mannschaftsteil aufzählt. "Marvin Röben hat sich am Dienstag im Training die Achillessehne gerissen. Er fällt genauso bis zum Saisonende aus wie Peter Ostermeier", der sich bei der ebenso knappen Niederlage gegen Stuttgart (19:21) verletzt hatte. Weitere Spieler fehlten erkrankt oder verletzt, die Personalprobleme werden kaum behoben sein, wenn die Cowboys in zwei Wochen Stuttgart zum Heimspiel empfangen.

Und dann begann auch noch der Spielmacher zu humpeln. Brady Bolles hatte sich unmittelbar vor der Pause am Knöchel verletzt, offensichtlich war ihm einer seiner Vorderleute auf den Fuß getreten. Zu Beginn der zweiten Hälfte spielte Manuel Engelmann auf seiner Position, während der US-Amerikaner an der Seitenlinie behandelt wurde. Der ehemalige Quarterback der deutschen Nationalmannschaft (der gerne in diese Position zurückkehren würde) spielte passabel. Doch Bolles kehrte zurück, er warf und lief, er war es auch, der mit einem spektakulären 20-Yard-Sprint kurz vor Schluss überhaupt noch die Möglichkeit für das siegbringende Field Goal eröffnete. Doch am Ende des Laufes knickte er wieder ein, kurz hielt er entsetzt beide Hände am Helm, er spielte offensichtlich unter großen Schmerzen. "Er ist ein Kämpfer, der da draußen auf dem Feld sterben würde für das Team", sagt Trainer Holley über ihn. Und natürlich habe er ihn nur wieder zurückgeschickt, weil er das unbedingt so wollte. Es ist nicht das erste Mal, das Bolles humpelnd auf dem Feld stand. Fraglich ist allerdings, ob der Spielmacher, der von seiner Agilität lebt, mit solchen Handicaps tatsächlich die bessere Option ist als Engelmann.

Trotz all der gesundheitlichen Probleme beklagten die Cowboys hernach "jede Menge" verpasste Gelegenheiten (Holley), das Spiel frühzeitig für sich zu entscheiden. Gleich dreimal misslang eine Interception, also ein abgefangener Pass durch die Abwehr, obwohl alle drei Würfe fangbar gewesen wären. Und mehrmals vergaben die Cowboys gute Möglichkeiten unmittelbar vor der gegnerischen Endzone. Ohne Kicker Robert Werner, dem am Samstag gleich vier Field Goals teils aus großer Distanz gelangen, wären die Cowboys bis zum Ende des dritten Viertels ohne Punkte gewesen. Der einzige Münchner Touchdown war freilich spektakulär: Bolles warf über 38 Yards hinweg in die Arme von Jaylen Zachery, der seinen Gegenspieler abhängte und weitere 47 Yards in die Endzone rannte. In diesem Moment fluchten viele Kirchdorfer: "Warum doppeln die den nicht?", schrie ein Zuschauer, der gerne eine Zwei-Mann-Abwehr gegen Zachery gesehen hätte, einen der gefährlichsten Passempfänger der Liga.

Phasenweise hatten die Cowboys versucht, das Angriffsspiel variabel zu gestalten, so kam zum Beispiel Anthony Morris, ein Runningback aus der zweiten Mannschaft, vermehrt zum Einsatz - das Laufspiel der Cowboys gehört bislang zu den schwächsten der Liga. In den entscheidenden Momenten blickt Bolles aber zu gar keinem anderen Spieler mehr als zu dem flinken Zachery. Die Abhängigkeit von den extern verpflichteten Amerikanern scheint in der aktuellen Saison besonders hoch zu sein. Umso mehr gerät der Angriff zum Vabanquespiel, wenn die Löcher im Zaun irgendwann dazu führen, dass sich die wichtigsten Spieler auch noch verletzen.