American Football:Eingelocht

Den Munich Cowboys fehlt es an Selbstvertrauen

Von Christoph Leischwitz

Nach nur 100 Sekunden lagen die Munich Cowboys am vergangenen Wochenende schon wieder zurück, zur Halbzeit stand es 24:7 für die favorisierten Gastgeber, die Bundesliga-Footballer der Frankfurt Universe. Kurz zuvor war den Münchnern immerhin ein Touchdown gelungen, also fragte Cheftrainer Kevin Herron seine Spieler in der Kabine: War das jetzt alles so schlimm hier? Die Spieler stellten fest, dass sie eigentlich doch ganz gut mithalten könnten, aber da war es eben schon wieder zu spät.

Sechs von 14 Saisonspielen haben die Cowboys absolviert, nur eines gewonnen. Das hatten sie sich im Frühjahr anders vorgestellt. Sie haben den größten Trainerstab seit Jahren, der sich mit Zeit fürs Detail um den seit Jahren größten Kader kümmert. An Quantität mangelt es nicht, findet Herron, auch nicht unbedingt an Qualität. Er sieht ein anderes Hauptproblem: "Es ist eine junge Mannschaft", sagt er. Das geringe Vertrauen der Spieler in die eigenen Fähigkeiten habe er "ein bisschen unterschätzt". Die meisten Partien verliere das Team in den ersten Minuten. In Frankfurt etwa seien viele von der Kulisse mit 3100 Fans eingeschüchtert gewesen und vom Wissen, dass es da gegen ein semiprofessionelles Team mit vielen bezahlten Spielern ging. Viele Probleme hätten mentale Ursachen. "Meist haben wir uns im ersten Viertel in ein Loch gearbeitet, aus dem wir nicht mehr herauskamen", so Herron. Jene zehn Spieler etwa, die im Winter vom Zweitligisten München Rangers kamen, hatten dort eine Spielzeit voller hoher Niederlagen erlebt, was nun zu übergroßer Ehrfurcht führte.

Indizien für mentale Probleme sind in Offensive wie Defensive sichtbar, von unnötigen Foulstrafen bis zu fallen gelassenen Bällen. Laut Herron ist die Zahl der verpassten Gelegenheiten, einen gegnerischen Pass abzufangen, in dieser Saison bereits zweistellig. Mit den Würfen des eigenen Quarterbacks sei er zufrieden, "er trifft oft gute Entscheidungen", sagt der Trainer über Jake Schaefer. Doch auch nach seinen Würfen rutscht der Ball zu oft durch die Finger und landet am Boden, sodass der Spielzug nicht gewertet wird. Weil die Gegner stets darauf achten, das Laufspiel des Nationalspielers Fabien Gärtner zu stoppen, kommen die Cowboys wegen der schlechten Passquote auf dem Feld oft nicht weit genug.

Einer, der den Ball meist festhält, ist Dominikus Hägel. Beim bislang einzigen Saisonsieg in Mannheim vor drei Wochen fing er den entscheidenden Touchdown-Pass. Hägel war zu Saisonbeginn verletzt, in den ersten beiden Partien fehlten weitere wichtige Spieler. Mit zunehmender Saisondauer werde sein Team nicht nur besser, sagt Herron, "wir werden vor allem gesünder". Am Samstag (15 Uhr, Dantestadion) gegen die Schwäbisch Hall Unicorns etwa werden die Abwehrspieler Daniel Nentwich und Marice Sutton zurückerwartet. Letzterer ist trotz eines mehrwöchigen Ausfalls laut Statistik immer noch der beste Tackler des Teams, der also gegnerische Ballträger zu Boden reißt.

Die erfahrenen Rückkehrer könnten die Mannschaft womöglich sogar mental stärker machen. Das Problem ist nur, dass die Cowboys selbst in absoluter Bestform gegen den Tabellenführer aus Baden-Württemberg kaum eine Siegchance hätten. Alles andere als eine erneute Niederlage wäre eine Überraschung. "Wir wollen einfach einen Schritt nach vorne machen", hofft Herron, er werde die eigene Leistung unabhängig vom Gegner bewerten. "Wir müssen unseren besten Football am Ende der Saison spielen", fordert der Cheftrainer dann noch. Denn zum Finale im September empfangen die Cowboys den Tabellenletzten Mannheim und treten bei den schwächelnden Marburg Mercenaries an (die Partie bei den Hessen wurde auf den 10. September verschoben). Mit anderen Worten: Ziel für dieses Jahr ist nur noch, nichts mehr mit dem Abstieg zu tun zu haben. Sollte das klappen, müsste man anschließend nur einen Weg finden, das neu gewonnene Selbstvertrauen irgendwie zu konservieren. Bis acht Monate später die neue Saison beginnt.

© SZ vom 02.07.2016
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