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3. Liga:Tage der Arbeit

Sercan Sararer (Tuerkguecue Muenchen) wird hier von Nico Rieble (VfB Luebeck) gefoult, den anschliessenden Freistoss ve

Wehe, wenn er wieder aufsteht: Für dieses Foul durch Lübecks Nico Rieble revanchiert sich Sercan Sararer (rechts) umgehend mit dem Freistoßtreffer zum 1:0.

(Foto: Susanne Hübner/Imago)

Dank Andreas Pummer findet Türkgücü seine Balance wieder. Der Erfolg in Lübeck könnte aber schon der letzte unter dem Interimstrainer sein.

Von Christoph Leischwitz, München

Andreas Pummers Ankündigung hatte etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. "Es wird kein schönes Spiel werden", hatte der Interimstrainer von Türkgücü München vor der Partie beim Tabellenletzten VfB Lübeck vorausgesagt. Ein Grund dafür sei der tiefe Boden in der Hansestadt, dessen Verfügbarkeit während der Woche ohnehin in Frage gestanden hatte. Vor der Gegengeraden war dann am Samstag ein Banner gespannt, auf dem stand: "16 Jahre unser Traum - wollt ihr uns das jetzt versau'n?!" Und auch die Lübecker Spieler hatten sich offenkundig etwas vorgenommen: Sie traten mit elf grünen Armbinden quasi geschlossen als Kapitäne auf.

Ackern war also angesagt, aber so hatte Pummer, ein Defensivspezialist mit Hang zu risikoarmem Spiel, eben auch ganz gute Argumente, um seine technisch versierten Spieler Fußball arbeiten zu lassen. Am Ende feierte Pummer seinen zweiten Sieg im zweiten Spiel als Cheftrainer. Mit einem verdienten 2:0 (1:0)-Erfolg kletterte der Aufsteiger in der Tabelle wieder ein wenig nach oben und steht, mit einem Spiel mehr, aktuell sogar einen Punkt vor dem TSV 1860 München. Pummers Aussagen nach Schlusspfiff hätte man dann auch ganz gut prognostizieren können: "Die Mannschaft hat mit viel Herz gespielt, mit vielen Zweikämpfen. Sie hat die Balance gefunden, auch mal die langen Bälle eingestreut."

"Das ist individuelle Qualität, die man anerkennen muss", sagt Lübecks Coach über Türkgücüs Führungstreffer

All dies ist eigentlich ein bisschen untypisch für Türkgücü, den Klub, der seit Jahren fast genauso viele Schlagzeilen produziert wie er Punkte sammelt: Mal kurz in den hohen Norden fliegen, 90 Minuten lang ehrliche Arbeit abliefern, übrigens ohne eine einzige gelbe Karte, nach dem Schlusspfiff ein bisschen freuen, brave Analysen abgeben, heimfliegen. So unspektakulär geht es selten zu bei den Münchnern, doch den Spielern scheint es, auch angesichts des Erfolgs, zu gefallen. Nach Schlusspfiff witzelte Kapitän Sercan Sararer bei Magentasport, der "Andy" solle doch bitte bald seine Fußballlehrerlizenz machen, "er ist ein super Trainer, ein super Mensch auch". Pummer antwortete wenig später lächelnd: "Alles zu seiner Zeit." Wegen Corona habe sich das Lizenzsammeln verzögert, überhaupt müsse er erst einmal noch die A-Lizenz machen. Es dauert also noch Jahre, ehe Pummer auf Dauer als Proficoach arbeiten dürfte.

Bei all der bodenständigen Arbeit: Ein kleines Glanzlicht hatte es natürlich gebraucht. Praktischerweise ereignete es sich schon in der neunten Spielminute. Sararer hatte kurz zuvor die erste gute Chance des Spiels vergeben, sein Kullerball hatte den Außenpfosten touchiert (6.). Jetzt starrte er lange auf den zurechtgelegten Ball in jener neunten Minute. Es war deutlich, dass er etwas Besonderes vorhatte mit diesem Freistoß aus gut 25 Metern, dass er ihn wohl direkt aufs Tor bringen würde. Trotzdem konnte der ehemalige FC-Bayern-Keeper Lukas Raeder nichts dagegen ausrichten: Der Ball, hart und ohne jegliche Rotation getreten, schlug wie eine Kanonenkugel im Kreuzeck ein. "Das ist individuelle Qualität, die man anerkennen muss", sagte Lübecks Trainer Rolf Landerl. Beachtlich daran ist, dass Sararer in den vergangenen Spielen diese Qualität bei ruhenden Bällen gar nicht ausspielen durfte. Seit Sebastian Maier im Januar zum Verein stieß, darf er die Freistöße schießen. Am Samstag fehlte Maier, kurzfristig erkrankt.

Pummer könnte die Chefrolle vorzeitig wieder abgeben müssen - eine Entscheidung über den neuen Trainer steht offenbar kurz bevor

In der Folge fiel es Türkgücü meistens leicht, die Gastgeber vom Tor fernzuhalten. Wie schon beim 2:1 gegen Magdeburg wurden beim Gegner viele technische Unzulänglichkeiten deutlich, vor allem im Torabschluss. Auch ein Zeichen dafür, dass Türkgücü den gegnerischen Angriff immer wieder in verzwickte Situationen manövriert, um dann selbst zu guten Kontergelegenheiten zu kommen. Gegen Ende hatte Lübeck dann die eine große Chance zum Ausgleich, als Martin Röser frei vor dem Tor stand - doch Boubacar Barry blockte den Schuss artistisch. Eine Minute später konterte Türkgücü über den eingewechselten Omar Sijaric, der querlegte auf den erstmals eingewechselten Leihspieler Noel Niemann, und der schoss locker zur Entscheidung ein (90.).

Theoretisch darf Interimstrainer Pummer noch bis zum 2. März die Kommandos geben. Ob er am kommenden Sonntag im Heimspiel gegen Zwickau noch Cheftrainer ist, scheint aber fraglich. Geschäftsführer Max Kothny sagt, es gebe mehrere Kandidaten für die Nachfolge des entlassenen Alexander Schmidt, die Vorstellung des Neuen könne schon im Laufe der Woche erfolgen. Wer immer es ist: Anfang März wird sich entscheiden, ob Türkgücü um den Aufstieg mitspielen kann- in den Duellen gegen die Spitzenteams aus Rostock und Ingolstadt.

© SZ/lib/sjo
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