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3. Liga:Eine lange Bank und elf bunte Denkgelegenheiten

Der FSV Zwickau setzt beim Gastspiel des Migrantenvereins Türkgücü ein Zeichen der Solidarität. Die Münchner gewinnen 1:0.

Von Christoph Leischwitz

Gedenkbaenke für NSU-Opfer auf dem Rasen, FSV Zwickau vs. Tuerkguecue Muenchen, Fussball, 3. Liga, 04.11.2020 DFL REGUL

„Wer noch?“: Das Gastspiel des Migrantenklubs Türkgücü München nutzte der FSV Zwickau, um auch im Stadion der Opfer rechtsextremistischer Gewalt zu gedenken. Auf elf bunten Holzbänken standen die Namen der zehn vom NSU ermordeten Menschen sowie die Daten weiterer Übergriffe in Sachsen.

(Foto: Bert Harzer/imago)

Nach dem einzigen Tor des Abends fiel die Gratulation an den Vorbereiter besonders herzlich aus. "Der Ünal macht das im Training auch immer so", sagte Sercan Sararer über die Chipbälle von Ünal Tosun in die Spitze. Er habe also bereits auf einen solchen Ball spekuliert und sei dann einfach durchgelaufen. Tosun ließ sich gerne feste drücken vom Kapitän, immerhin war es für den 28-Jährigen erst der zweite Kurzeinsatz in der dritten Liga, er war zuletzt vier Wochen lang verletzt gewesen. Der 1:0 (0:0)-Sieg von Türkgücü München am Mittwochabend in Zwickau war bis zu diesem Zeitpunkt (70.) zwar ziemlich glücklich. Doch es zeigte, dass der Aufsteiger auch dann zuschlagen kann, wenn mal Personalnot herrscht und die Mannschaft gerade wieder einmal einen radikalen Umbau erfahren hat. Für Zwickau war es eine bittere Randnotiz, dass ausgerechnet Sararer das Siegtor für die Münchner erzielte: Zwölf Tage zuvor war die Partie wegen dreier positiver Coronatests verschoben worden, die sich allesamt als falsch herausstellten. Seine für dieses Spiel anberaumte Gelbsperre hatte der Topscorer der Liga nun inzwischen bei einem anderen Spiel abgesessen.

"Es macht sich jetzt bezahlt, dass wir einen großen Kader haben, und eine ordentliche Qualität in der Breite", sagt Trainer Alexander Schmidt nach der nächtlichen Rückkehr nach München. Gerade in einer englischen Woche müsse man freilich ständig abwägen: "Wer hat die Power, wer regeneriert schnell, wen können wir jetzt bringen - und wo müssen wir reagieren und rotieren?"

Zu Beginn der Saison schien es, als hätte der Trainer schnell eine feste Startelf auserkoren. Dafür rotiert er jetzt umso mehr, wenn auch teilweise unfreiwillig. Schmidt ändert auch mal das System, wenn er das als nötig erachtet. In Zwickau entschied er sich für eine Dreierkette - in Abwehrchef Aaron Berzel fehlte schon der zweite Spieler wegen einer Gelbsperre. Unmittelbar vor der Pause musste dann Furkan Zorba wegen einer Zerrung ausgewechselt werden. Dieser wiederum wurde durch Yi-Young Park ersetzt, der am vergangenen Sonntag gegen den FC Ingolstadt nicht einmal im Kader stand. Marco Holz stand dafür zum ersten Mal überhaupt beim Anpfiff auf dem Feld. Es läuft nicht immer alles rund beim Aufsteiger, vor allem in der Defensive, aber mit nur einer Niederlage aus acht Partien ist die Mannschaft definitiv in der dritten Liga angekommen.

Sercan Sararer (Tuerkguecue Muenchen) re. und Julius Reinhardt (FSV Zwickau) li., FSV Zwickau vs. Tuerkguecue Muenchen,

Bitter für Zwickau: Weil die Partie verlegt worden war, konnte Sercan Sararer in der Zwischenzeit eine Sperre absitzen – und traf am Mittwoch zum 1:0-Sieg gegen den FSV.

(Foto: Bert Harzer/imago)

Um die Aufnahme Türkgücüs in der Liga machte sich der FSV Zwickau im Übrigen auch noch auf andere Weise verdient. Die Sachsen hatten den Besuch des Migrantenklubs zum Anlass genommen, den Gedenktag für die NSU-Opfer auch im Stadion zu begehen. In der Stadt waren tagsüber bunte Sitzbänke aufgestellt worden, die zum Innehalten einladen sollten. Auf ihnen standen Namen und biografische Details der zehn Opfer der rechtsradikalen Terrorgruppe sowie Daten weiterer Attentate und Fragen wie: "Wer noch?" Am Abend standen die elf Bänke im Stadion. Und weil vor zwei Wochen eine nicht weiter erwähnenswerte Gruppe dazu aufgerufen hatte, Türkgücü in der Stadt nicht willkommen zu heißen, wurde die Mannschaft schon beim Aufwärmen auf der Anzeigetafel ausdrücklich willkommen geheißen.

Schon als der Aufstieg in die dritte Liga kurz bevorstand, war die Diskussion aufgekommen: Wie würden Fans aus dem rechten Milieu auf Türkgücü reagieren? Präsident Hasan Kivran hatte schon damals gesagt, dass er keine Vorfälle befürchte, man sei in der Regionalliga Bayern ja auch allerorten aufgenommen worden wie jeder andere Klub. Der Verein will diesem Thema bewusst unaufgeregt begegnen. Bislang wurde nur der Südkoreaner Park während des Spiels bei Waldhof Mannheim rassistisch beleidigt. Bei den zwei bisherigen Auftritten in Ostdeutschland kam es zu keinen Zwischenfällen. Das dritte Spiel steht bereits am kommenden Samstag an, wenn Türkgücü per Flugzeug nach Rostock reist. Natürlich ist es erneut ein Geisterspiel, und es ist womöglich ganz gut, zumindest in diesem Fall, dass die erst kürzlich gegründete Ultragruppierung Türkgücüs dort nicht im Gästeblock stehen kann. Fans von 1860 München berichten, dass in Rostock selbst Westdeutschen ein rauer Wind entgegenwehe. Begrüßt wurden sie beim letzten Gastspiel von einem auf den Boden gemalten Körperumriss, wie man ihn aus Fernsehkrimis von Leichenfundorten kennt. Auf einem Aufkleber war ein glatzköpfiger Mann zu sehen, der die flache Hand über die Augen hält, dazu der Text: "Späher. Auf der Suche nach den Gästefans." Eine unverhohlene Drohung.

Vermutlich wird erst die Zeit nach den Geisterspielen zeigen, wie Türkgücü in fremden Stadien begrüßt wird. Fürs Erste allerdings sind sie in jeder Beziehung angekommen.

© SZ vom 06.11.2020

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