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Spontane Kunst:Wie das Leben spielt

Wenn die Schauspieler der Theatertruppe "Impro Goes Loose" auf der Bühne stehen, gibt es keinen Plan, keinen vorgegebenen Text - und keine Fehler. Die Themen für den Abend liefert das Publikum

Von Linus Freymark

Was beschäftigt dich? Mit dieser Frage geht der Abend los. Charlotte Cordes geht durch die Reihen, sie fragt einen Mann ganz vorne, eine Frau in der Mitte und eine ganz hinten. Was beschäftigt dich? Die Antworten sind unterschiedlich: eine Erkältung, der Job, die Schwester. Die Schwester? Cordes hakt nach. Was ist mit ihr? Ist sie krank? "Ne", antwortet die Frau, "schwanger". Erste Lacher. Es geht gut los.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn die Gruppe um Charlotte Cordes spielt Improtheater. Das bedeutet: Weder Publikum noch Schauspieler wissen, wie der Abend verlaufen wird. Ein grobes Konzept existiert, aber keine der später gezeigten Szenen ist einstudiert, eine Dramaturgie gibt es nicht. Meist suchen sich die Schauspieler ein paar Leute aus dem Publikum aus, die sie bitten, nach vorne zu kommen und etwas aus ihren Leben zu erzählen. Einer führt das Interview, die anderen stellen Szenen aus dem Leben der erzählenden Person vor. Nie wissen sie davor, wer gleich zu ihnen kommen wird, nie ist vorher klar, was und wie viel der Zuschauer von seinem Leben preisgibt. Begleitet wird das Geschehen auf der Bühne von Klaviermusik, auch diese richtet sich spontan nach dem Gezeigten.

Cordes bittet die junge Frau aus der letzten Reihe zu sich. Wenn sie durch das Publikum geht, achtet sie auf die Blicke der Leute, schauen manche konsequent auf den Boden, fragt sie nicht, man merkt das ja, wenn jemand nicht will. Aber Jule, die sich nun auf einen Stuhl auf der Bühne setzt, wirkt offen, entspannt. Sie wird bald mit ihrem Freund zusammenziehen, und obwohl sie sich darauf freut, hat sie auch ein bisschen Angst davor, die Wohnung ist zu klein, fürchtet sie.

Karin Ertl, Olaf Cordes und Charlotte Cordes (von links) reagieren spontan auf Anregungen von Zuschauern aus dem Publikum, die nach vorne auf die Bühne geholt werden.

(Foto: Sebastian Gabriel)

"Daraus kann man doch was machen, oder?", fragt Cordes ihre Kollegen. Fünf Schauspieler sind sie an diesem Abend, dazu der Mann am Klavier. Vollzählig. Wären sie nur drei oder vier Darsteller, wären sie eben zu dritt oder zu viert aufgetreten. Und wäre Florian Schwartz, der Pianist, nicht rechtzeitig gekommen, was öfter mal vorkommt, weil er am Wochenende so viele Auftritte hat, wäre das Einsingen vor der Vorstellung eben ausgefallen. Es gibt auch keine Kulisse, das Bühnenbild von Jules neuer Wohnung besteht aus zwei Stühlen, und schon nach kurzer Zeit entwickelt sich darin ein handfester Streit. Natürlich geht es um den Platz, der nicht ausreicht, und natürlich werfen sich beide gegenseitig vor, dafür verantwortlich zu sein. Es wird geschrien, gezetert, gestikuliert. Bis sich beide wieder vertragen und gemeinsam ein Lied singen - Text und Melodie selbstverständlich aus dem Stegreif.

Die Darstellungen und Interviews sind immer ein Drahtseilakt: Einerseits sollen die Szenen lustig und unterhaltsam sein, andererseits werden die Gespräche natürlich spannender, wenn die Leute Sachen von sich erzählen, die über die letzte Urlaubsanekdote hinausgeht. Daraus spontan etwas zu machen, das die Situation beschreibt, aber niemanden bloßstellt, ist schwierig. Natürlich wird mit Klischees gespielt, und vielleicht ist es auch nicht jedermanns Sache, sein Leben von anderen darstellen zu lassen, aber niemand soll sich bei dem Auftritt veralbert fühlen. Das ist Cordes und den anderen wichtig. "Aber klar", sagt sie, "es ist immer ein Spagat." Cordes erinnert sich an eine Frau aus Salzburg, die auf der Bühne erzählte, dass sie immer so schwer Anschluss finde. Cordes und ihre Truppe haben die Szene dann so gestaltet, dass diejenige, die die Frau verkörperte, von den anderen auf der Bühne herumgeschubst wurde. Die Frau und die Freundin, die mit im Theater war, haben danach geweint, und Cordes hatte zunächst Angst, sie wären zu weit gegangen. Aber die Frau meinte, die Tränen seien gekommen, weil das so gut gepasst habe.

Shows und Vorträge

Das Sparc-Festival für Spontane Künste findet von Freitag, 7. Februar, bis Sonntag, 9. Februar, im Gasteig statt. Insgesamt gibt es mehr als 50 Experten, die Vorträge halten und sich an der Konferenz beteiligen; zudem finden zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen statt, die auch für diejenigen geeignet sind, die bislang noch nichts mit Spontanen Künsten zu tun hatten. Neben Theater- und Musikvorstellungen gibt es etwa einen Raum, in dem durch Virtual Reality Spontanes entsteht. Daran kann man auch als Gast teilnehmen. Außerdem treten neben dem Ensemble von "Impro Goes Loose" um Charlotte Cordes weitere Künstler auf, etwa Roland Trescher, der sich in seiner Show auf die Suche nach Eigenschaften macht, die uns alle miteinander verbinden (beides freitags). Am Samstagabend ergründet Tobias Zettelmeier, was passiert, wenn man sein Smartphone anderen Menschen überlässt; zudem präsentiert das Ensemble "Bühnenpolka" einen improvisierten Mix aus Beatbox und Klaviermusik. Die Shows werden auf Deutsch oder Englisch aufgeführt, die Tickets kosten 18 Euro, für Schüler und Studenten 16 Euro. Mehr Infos zur Veranstaltung gibt es im Internet unter sparc-munich.de. frey

Die Mitglieder von "Impro Goes Loose" treten seit 2014 gemeinsam auf. Manche von ihnen haben wie Olaf Cordes, der Mann von Charlotte Cordes, davor bereits als Sänger und Dirigent auf der Bühne gestanden, andere haben abgesehen vom Improtheater keine Bühnenerfahrung. Einmal pro Woche treffen sie sich zu einer Probe. "Dabei studieren wir keine Stücke oder Szenen ein", erklärt Cordes. Vielmehr geht es darum, das Spontane zu trainieren: Wie baut man eine Beziehung zum Publikum auf? Woran merkt man, wenn etwas nicht so gut ankommt? Und was kann man dagegen tun? "Es ist wichtig, flexibel mit Situationen umgehen zu können", sagt Cordes. Damit meint sie nicht nur das Theater: Alle Mitglieder der Gruppe bestätigen, dass sie durch das Improtheater gelassener im Umgang mit unerwarteten Situationen geworden sind. "Man verliert die Angst davor", sagt Karin Ertl. Und noch einen weiteren Vorteil hätten die spontanen Künste, sei es im Theater, der Musik oder der Gestaltung: Es gibt keine Fehler. Texthänger, falsche Töne - kann alles nicht passieren. "Fehler entstehen vor allem, weil man sich darauf konzentriert, keine zu machen", sagt Olaf Cordes. Durch das Improtheater habe er gelernt, auch im Alltag weniger daran zu denken.

Nach der Pause sitzt ein Mann namens Alex auf der Bühne und erzählt von einer Heißluftballonfahrt über die Alpen, die er gerne mal machen würde. Spontan begeben sich zwei von "Impro Goes Loose" in einen imaginären Ballon und spontan entscheiden sie darin, in Wien zu landen und eine Kutschfahrt zu machen. Dabei kommen sie plötzlich auf die Idee, mit den beiden Pferden, sprich dem Ehepaar Cordes, Plätze zu tauschen und schon sitzt ein wieherndes Paar in einer Kutsche und drischt mit erdachten Peitschen auf seine ehemaligen Passagiere ein.

Kurz davor hat Alex noch von seiner Exfrau erzählt, die ihn mit nächtlichen Anrufen nervt. So schnell kann Kunst sein - oder besser: so spontan.

© SZ vom 07.02.2020
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