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Kunstprojekt:Was Flüchtlinge über ihre Erlebnisse in München erzählen

Die Internetseite arriving-in-munich.de hat die persönlichen Geschichten in einer interaktiven Karte gesammelt.

Shadi war in Damaskus Basketballprofi. Jetzt trainiert er in München, radebrechend in Deutsch, Englisch und mit Händen und Füßen. Shadi ist einer der Flüchtlinge, die auf dem Internetportal arriving-in-munich.de vom Ankommen erzählen. Und zwar nicht nur von den ersten Tagen in Deutschland, sondern auch von dem Prozess des Ankommens.

Darum geht es den sechs Künstlern und Wissensarbeitern, die alle auf ihre Weise mit dem Thema Flüchtlinge zu tun haben. Deshalb wollen sie das Ankommen langfristig öffentlich begleiten. Auf ihrer Webseite sammeln sie auf einer interaktiven Karte in Texten, Tönen und Bildern persönliche Geschichten zum Thema.

Im Video-Interview mit der Dokumentarfilmerin Suli erklärt Shadi unter anderem, dass er sich vom Etikett "Flüchtling" nicht repräsentiert fühlt. In einem biografischen Essay erzählt der Afghane Younus, dass die Menschen in seinem Herkunftsland Tauben lieben, und vergleicht seine eigenen Landeprobleme in Deutschland mit dem hiesigen Schicksal der Vögel: "Am Fenster von dem Wohnheim, in dem ich in München gelebt habe, war eine Art Stacheldraht angebracht. Mein Betreuer sagte mir, der sei da, damit sich die Tauben nicht hinsetzen können."

Zu Wort kommen auf der Webseite auch Helfer wie Moritz von der "Volxsküche", die an einem Tag im September rund 5500 warme Mahlzeiten ausgegeben hat. Oder Denijen, der Anfang der Neunzigerjahre aus Jugoslawien geflohen ist und heute selbst Flüchtlinge zu ihrem Asylverfahren berät. Die Eindrücke davon, wie er einem Asylbewerber die bürokratischen Notwendigkeiten verständlich zu machen sucht, lassen einen so nachdenklich zurück wie ein Interview mit dem Nigerianer Uche, der über seine vier langen Jahre des Wartens auf den Asylbescheid sagt: "Die Lebensumstände als Flüchtling sind so, dass man kein Gefühl von Ankommen haben kann."

Erklärtes Ziel von arriving-in-munich.de ist es, über die Willkommenswochen des Septembers hinaus zu dokumentieren, wie es den Ankommenden ergeht oder in der Vergangenheit ergangen ist. Aus der Erfahrung der Einwanderungsgeschichte Deutschlands und Münchens, sagen die Macher der Seite, wisse man, dass solche Verläufe bisher meist rückblickend rekonstruiert werden mussten.

Als das Projekt vor Wochen am Rande des Literaturfests in München vorgestellt wurde, hatten zuvor Künstler auf einem der Podien darüber debattiert, dass Konflikte und die von ihnen betroffenen Menschen nicht in groben politischen Zügen zu verstehen seien, sondern als Mosaik aus vielen individuellen Wahrheiten. Das Münchner Mosaik des Ankommens ist inzwischen auf etwa 25 Stationen angewachsen, die in der interaktiven Karte stecken. Um umfassender zu werden, rufen die Macher des Projekts jeden auf, seine Geschichten zum Thema beizutragen.

Wie es weitergeht und ob es überhaupt weitergehen kann, hängt indes am Geld. Das Literaturfest, das Münchner Kulturreferat und die grüne Petra-Kelly-Stiftung haben das Projekt bis dato angeschoben. Es werden noch Sponsoren gesucht. Denn bislang haben die Projektleiter eingereichte Beiträge jeweils mit einem kleinen Betrag vergütet. Sie würden das, wie sie sagen, gerne beibehalten.

© SZ vom 05.01.2016/mmo

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