Speed-Dating Lebensfragen in vier Minuten

Die Akademie für Philosophische Bildung und Wertedialog möchte Kinder und junge Erwachsene ermuntern, sich über die existenziellen Themen des Lebens Gedanken zu machen und darüber zu sprechen

Von Magdalena Latz

Nein, hier versteckt sich niemand hinter der Gesamtausgabe von Immanuel Kant - obwohl gerade ein "philosophisches Speed-Dating" stattfindet. Auf den Fensterbänken brennen zwar Kerzen, aber es geht an diesem Abend nicht um Romantik. Vier junge Frauen und sechs Männer sitzen sich gegenüber, zwischen ihnen liegen bunte Kärtchen mit philosophischen Fragen auf dem Boden. Vier Minuten lang diskutieren sie zum Beispiel darüber, wie sich die Liebe zu Menschen von der Liebe zu Dingen unterscheidet. Dann ertönt der Gong einer Klangschale. Die vordere Reihe rückt einen Platz weiter. Gleiches Spiel, neuer Partner. "Was echt?", ruft Andreas. "Das finde ich gar nicht." Mit Toni, einem gelernten Kaufmann, erörtert er, wie es wäre, wenn wir in einer Welt leben würden, in der alle blind sind. Toni glaubt, man würde keinen großen Unterschied spüren. Ihre Nachnamen wollen die Jung-Philosophen nicht in der Zeitung lesen.

Das Speed-Dating wird von der "Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog" im Rahmen der langen Nacht der Philosophie veranstaltet, die kürzlich in München stattfand. "Wir haben uns gefragt, wie wir jüngere Menschen erreichen, die vielleicht gerade in einem geisteswissenschaftlichen Studium sind. Vielleicht hat der ein oder andere sogar Lust, bei uns als Referent anzufangen," sagt Theres Lehn, die den Workshop mit zwei anderen Frauen leitet.

Entstanden ist die Akademie vor mehr als zehn Jahren aus einer privaten Projektinitiative. Träger ist die "Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration", die zum Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft gehört. Grundgedanke war damals, dass in Schulen und Kitas existenzielle Fragen der Kinder, wie "was ist Glück?" oder "was ist Gerechtigkeit?", keinen richtigen Platz gehabt hätten, erklärt Christophe Rude, der Leiter der Akademie.

Um solchen Fragen einen Raum zu geben, entwickelten sie Fortbildungen und begannen Pädagogen zu schulen. Diese Fortbildungen gibt es bis heute. Doch die Zielgruppe wurde in den vergangenen Jahren immer breiter und der Fokus richtete sich verstärkt auf junge Erwachsene an weiterführenden Schulen. Da passte der alte Name "Akademie Kinder philosophieren" nicht mehr richtig. Und so findet an diesem Abend nicht nur das Speed-Dating statt, sondern die Philosophie-Initiative feiert auch ihre Umbenennung in "Akademie für Philosophische Bildung und Wertedialog".

Reflektieren sei erlernbar und helfe, nicht zu tief zu fallen, glaubt Akademiechef Rude

Die Atmosphäre in den Räumen der Akademie ist eine besondere: ruhig geht es zu, obwohl viele Kinder umherwuseln. Die Regale sind gefüllt mit Geschichten, die geschrieben wurden, um Kinder zu verzaubern: Momo ist dabei, und noch viele Bücher mehr aus Michael Endes fantastischem Kosmos. Ein paar Mädchen und Buben lümmeln tief in Bücher versunken auf Kissen in der Ecke. "Genau wie das Lesen eines Buches, begreifen wir das Philosophieren als Kulturtechnik," sagt Akademiechef Rude. "Man kann erlernen, grundsätzliche Fragen zu stellen und für sich selbst oder im Austausch mit anderen Antworten darauf zu finden. Meistens sind es Fragen, die wir im Alltag von uns wegdrängen und die dann in Krisensituationen plötzlich auftauchen. Rude glaubt, dass regelmäßiges philosophieren dazu führt, reflektierter durchs Leben zu gehen. "In bestimmten Situationen hilft es vielleicht auch, nicht zu tief zu fallen."

Vor dem Raum in dem das Speed-Dating abläuft, werden Parmesan, Brot und Wein angeboten. Svenja, eine junge Frau mit Sidecut und großen Augen säbelt sich gerade ein Stück vom riesigen Käse-Block ab. Sie studiert "Sciences and Technology" und hat gleich mehrere Freunde mitgebracht. "Wir betreiben heute Veranstaltungs-Hopping", sagt sie und lacht. Später wollen sie noch zu weiteren Workshops der Philosophie-Nacht weiterziehen.

Zum Schluss bilden die philosophischen Speed-Dater einen großen Sitzkreis - natürlich mit Redeball - und diskutieren gemeinsam wie eigentlich Begegnung stattfindet. Eine hitzige Debatte entsteht nicht, aber ein echtes und ehrliches Gespräch, das man im Alltag zwischen vielen belanglosen Oberflächlichkeits-Floskeln oft vermisst. "Bei einer Begegnung fühle ich mich gesehen und ziehe Kraft daraus," sagt Svenja und bringt die Gedanken vieler aus der Runde damit auf den Punkt. Am Ende hat den meisten, der Speed-Dating-Abend richtig gut gefallen - auch "wenn so wenige Frauen dabei waren", wie einer der jungen Männer etwas enttäuscht feststellt.