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Sparprogramm:Streichkonzert mit vielen Unbekannten

Anton Biebl, 2018

Kulturreferent Anton Biebl stellte vergangene Woche die Sparpläne für den Kulturetat vor. Er sprach von "pragmatischen Übergangslösungen".

(Foto: Robert Haas)

Münchens Kulturhäuser blicken den Etat-Kürzungen der Stadt entgegen - manche mit Galgenhumor. So sagt Gärtnerplatz-Chef Köpplinger: "Ich würde für Herrn Söder sogar ein 'Star Trek'-Konzert machen, damit er vielleicht mal wieder ins Theater geht"

Von R. Argauer, C. Lutz, E. Tholl, E. Vogel, A. Weber, M. Zirnstein

Der Münchner Kulturetat 2021 schrumpft: Von den ursprünglich geplanten 251 Millionen Euro müssen 6,5 Prozent eingespart werden, rund 15 Millionen Euro. 11,45 Millionen weniger Sachmittel, 4,2 Millionen weniger Personalkosten. Wie gehen die verschiedenen Institutionen mit den angekündigten Sparauflagen um?

Staatsoper und Gärtnerplatztheater

Auf den ersten Blick scheint es verwunderlich, dass die beiden staatlichen Opernhäuser Münchens von den städtischen Kürzungen betroffen sein sollten. Doch beide Häuser erhalten städtische Zuschüsse. Christoph Koch, Pressechef der Bayerischen Staatsoper, erläutert die Auswirkungen so: "Die Staatsoper war schon im diesem Jahr von einer Kürzung des Kulturzuschusses der Stadt München betroffen - so hat die Stadt für 2020 etwas mehr als die Hälfte des üblichen Betrags von 4,5 Millionen Euro überwiesen. Für 2021 steht uns wieder eine Kürzung bevor, noch können wir aber nicht abschätzen, wie hoch diese ausfällt, die Verhandlungen dazu passieren ohne unser Zutun zwischen Ministerium und Stadt. Daher können wir auch noch keine Aussage über Einsparungen treffen."

Josef E. Köpplinger, Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz, erwartet eine Halbierung der 515 000 Euro, die das Haus jährlich von der Stadt erhält, und meint dazu: "Was wir wirklich jonglieren, weiß da draußen ohnehin niemand." Er sieht es als schlechtes Zeichen, dass eine "Kulturhauptstadt wie München die Kultur schnell auf den Richtblock legt. Hier wie in meiner Heimat Österreich fehlen echte Kämpfernaturen in der Politik." Derzeit arbeite man im Haus mehr als je zuvor, damit man, wenn man wieder spielen dürfe, sofort mit Produktionen herauskommen könne. "Ich würde für Herrn Söder sogar ein ,Star Trek'-Konzert machen, damit er vielleicht mal wieder ins Theater geht. Meine Sorge ist, dass aufgrund dieser misslichen Situation, für die die Politik noch keinen funktionierenden Umgang gefunden hat, die Denunzianten und das Mediokre aus den Löchern kriechen, etwas, wogegen die Kunst seit jeher kämpfen muss." Leid tun ihm die Zuschauer: "Das tolle Publikum in München hat das nicht verdient."

Deutsches Theater

Dafür, dass Corona und der Umgang der herrschenden Politiker damit ein absolutes Reizthema für Werner Steer ist, nimmt er die Kürzungen am Etat des Deutschen Theaters relativ gelassen hin. "Wir haben damit gerechnet", sagt der Intendant. Wie viel er und die Co-Leiterin Carmen Bayer 2021 einsparen müssen, wissen sie seit vergangener Woche: "Wir verlieren 125 000 Euro von unserem sehr schön geringen Zuschuss von 1,7 Millionen Euro, von dem wir 1,2 Millionen gleich als Miete an die Stadt zurückzahlen." Damit treffe es sein Musical-Haus vergleichsweise härter als die Kammerspiele, denn es sei ein "Doppelschlag ins Genick": "Wir verdienen unser Geld. Und in den Zeiten, die auf uns zukommen, sind die Verdienstmöglichkeiten gering." Das heißt, Steer erwägt gerade, wegen der großen Planungsunsicherheit und der Mehrfach-Belastung für sein Team bis Mai gar nichts mehr über seine Bühne gehen zu lassen. Und rechnet auch bis Ende 2021 nicht damit, wieder vor vollbesetzten Rängen spielen zu können. "Aber wir werden es hundertprozentig schaffen", sagt Steer, "wir haben in den vergangenen Jahren super gewirtschaftet und können unsere Rücklagen, die eigentlich für eigene Produktionen gedacht waren, jetzt zum Ausgleichen der Lasten nutzen. Auch wenn's wehtut." Schon 2022 habe er fest vor, den Zuschuss "wie jedes Jahr" an die Stadt zurückzuzahlen.

Kammerspiele und Schauburg

Der Eigenbetrieb Münchner Kammerspiele, Schauburg und Otto-Falckenberg-Schauspielschule wird 2021 wohl auf eine Konsolidierungsrücklage in Höhe von 2,7 Millionen zugreifen müssen, was erst mal das Schlimmste verhindern dürfte. Diese Rücklage stammt noch aus den Jahren der Intendanz von Frank Baumbauer. Weil aber gut gewirtschaftet wurde, musste sie bis zur Spielzeit 2018/2019 nicht angefasst werden. Zu beurteilen, was das denn nun bedeute, sei schwierig, sagt Oliver Beckmann, Geschäftsführer: "Einerseits ist es verständlich und richtig, dass die Stadtkämmerei und das Kulturreferat auf die bestehende Rücklage zugreifen, um kurzfristig Einsparungen zu realisieren. Im Vergleich zu anderen Städten oder zum Freistaat, die sowohl Mindereinnahmen ihrer Kulturinstitutionen ausgleichen als sie auch von Kürzungen ausnehmen, ist der Zugriff auf die Rücklage dennoch schmerzhaft." Was nämlich, wenn 2022 weiter gespart werden muss? Wo sie dann Abstriche machen würde, kann die Theaterleitung noch nicht beantworten. In einem gemeinsamen Statement von Kammerspiele-Intendantin Barbara Mundel, Schauburg-Intendantin Andrea Gronemeyer und Oliver Beckmann heißt es so vorausschauend wie zuversichtlich für die Zeit nach der Rücklage: "Für das Haushaltsjahr 2022 gibt es derzeit keine Vorgaben für weitere Kürzungen. Wir gehen davon aus, dass der Zuschuss wie im Wirtschaftsplan beschlossen weiter ausgezahlt wird und Tariferhöhungen zu 100 Prozent von der Stadt ausgeglichen werden."

Volkstheater

Für das Volkstheater soll 2021 eigentlich ein schönes Jahr werden. Im Herbst wird das neu gebaute Haus im Schlachthofviertel eröffnet. Dafür hatte die Stadt lang vor Corona extra Geld versprochen, für Umzug und Inbetriebnahme, für den Ausbau des Spielplans und für neue Stellen auf und hinter der Bühne. Denn ein größeres Haus braucht auch mehr Theater. Nun aber muss auch das Volkstheater sparen. Wovon aber die 6,5 Prozent abgezogen werden, ist noch nicht klar. Intendant Christian Stückl: "Wir müssen immer 20 Prozent unseres Budgets selbst erwirtschaften, durch Eintrittsgelder. Daher ist es schwer, zu sagen, woran wir überhaupt sparen werden, so lang wir nicht wissen, wann wieder ein halbwegs normaler Zuschauerbetrieb stattfinden kann. Ich für mich weiß aber: An der Kunst will ich ungern sparen. Das ist doch das, was wir machen! Ich denke, wir werden noch ins Kämpfen kommen um diese Sparvorgaben."

Münchner Philharmoniker

Auch die Münchner Philharmoniker stellen sich auf eine Mehrfachbelastung ein. 600 000 Euro müssen gespart werden. "Nur als gemeinsame Kraftanstrengung können wir diese Einsparvorgaben umsetzen", erklärt Sprecher Christian Beuke, größere strukturelle Eingriffe in die Kunst sollen dabei vermieden werden. Deshalb versuche man den Betrag über eine Vielzahl von Positionen zu erreichen. Coronabedingte Ausfallhonorare für Solisten und andere freie Musiker, sofern sie denn auch weiter auftreten sollten, würden weiter gewährt werden. "Wirklich bitter wäre es, wenn wir an Programm und Kommunikation für unser neues Zuhause in Sendling sparen müssten. Schreibtische und Köpfe sind voll mit neuen Ideen, die ersten Projekte befinden sich bereits mitten in der vorbereitenden Planung, da können und wollen wir nicht hinter zurück", sagt Beuke.

Literaturhaus

Als Stiftung wird das Literaturhaus in einer Public Private Partnership nur zu etwa einem Fünftel von der Stadt gefördert, mit ungefähr 500 000 Euro im Jahr. Den Rest erwirtschaftet die Stiftung selbst - über Eintritte, Pachterlöse, Dauermieter und zusätzliche Vermietungen. Da man in diesem Jahr "herbe Verluste" hinnehmen musste und rund 800 000 Euro weniger erwirtschaften konnte, wie Literaturhaus-Leiterin Tanja Graf sagt, sprang die Stadt ein und bewilligte ungefähr 100 000 Euro zusätzlich. Wie es nächstes Jahr aussehen wird, könne man "nicht abschätzen", so Graf. Wie üblich habe man beim Kulturreferat einen Antrag auf die Fördersumme gestellt; wann darüber entschieden werde, sei ungewiss. Graf hofft, dass die Summe ohne Abzug von 6,5 Prozent bewilligt wird. Auf nochmalige Zusatzsummen könne man sich aber nicht verlassen: "Wir müssen jetzt schon kreativ sein und schauen, wie wir anderweitig Geld akquirieren." Man spare viel und habe etwa über das Programm "Neustart Kultur" des Bundes zusätzliche Mittel eingeworben. Außerdem trete man an mögliche Spender wie Firmen heran, um 2021 zum Beispiel eine Berliner Ausstellung über Hannah Arendt nach München holen zu können.

Lenbachhaus und Kunstbau

Matthias Mühling, der im Lehnbachhaus schon in diesem Jahr mehr als 700 000 Euro eingespart hat, wird im kommenden Jahr 600 000 Euro weniger an städtischen Zuschüssen zur Verfügung haben. Für ihn kommen die Kürzungen keineswegs überraschend. Wegen der belasteten öffentlichen Haushaltslage sei es ersichtlich gewesen, "dass Einsparungen und die verstärkte Einwerbung von Drittmittel notwendig sein werden", so Mühling. "Auch im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Solidarität haben wir uns und werden wir uns dieser Aufgabe selbstverständlich annehmen." Dabei konnte man sich schon bisher und könne man sich auch weiterhin auf viele Unterstützer verlassen. "Der Förderverein des Lenbachhauses, die Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, die KiCo-Stiftung, die Kulturstiftung des Bundes, die Kulturstiftung der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung, die Herbert Schuchardt Stiftung sowie viele engagierte Privatpersonen werden uns im kommenden Jahr helfen, unsere Aufgaben zu erfüllen, ohne unsere anspruchsvolles Programm drastisch einschränken zu müssen."

Stadtmuseum

Frauke von der Haar, Direktorin des Münchner Stadtmuseums, steht eine Etat-Kürzung von 300 000 Euro ins Haus. Da beim Stadtmuseum etwa 70 Prozent des Etats Fixkosten seien, sei für Kürzungen insgesamt wenig Spielraum gewesen. Für sie ist vor allem auch eines wichtig: dass die Generalsanierung nun doch wenigstens 2025 angegangen wird. "Es ist für uns eine gute Lösung gefunden worden, um die notwendigen Einsparungen erbringen zu können. Unser Hauptaugenmerk liegt auf der sehr erfreulichen Entscheidung des Stadtrates die Sanierung des Münchner Stadtmuseums zu strecken und nicht zu streichen."

Weitere städtische Museen

Dem NS-Dokumentationszentrum werden im kommenden Jahr 200 000 Euro weniger an städtischen Zuschüssen zur Verfügung stehen als in diesem Jahr. Das Jüdische Museum muss auf 75 000 Euro, das Valentin-Karlstadt-Musäum auf 20 000 Euro Zuschuss verzichten. Am glimpflichsten von den städtischen Museen kommt beim Streichkonzert die Villa Stuck davon. Sie hatte, so Direktor Michael Buhrs, dank der viel besuchten Vogue-Ausstellung, die bis Ende Januar lief, "guten Rückenwind" und kam "erstaunlich gut" durchs Pandemie-Jahr. 2021 ist die Villa Stuck laut Kulturreferat von Einsparungen bei den Sachmitteln ausgenommen. Ebenso wie die städtischen Kunsträume, die als Präsentationsorte der Freien Szene nicht von Kürzungen betroffen sind.

Freie Szene

Die sogenannte Freie Szene soll in München von Kürzungen verschont bleiben. Etwa auch das Muffatwerk. "Darüber freuen wir uns natürlich", sagt Geschäftsführer Christian Waggershauser.

© SZ vom 10.12.2020
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