Soziologe Nassehi:"Ich habe schon mal ein Buch gelesen"

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Viele legen genau das den Münchnern als Überheblichkeit aus.

Für mich ist es ein Zeichen von Urbanität, dass Menschen, die eng an einem Ort leben, sich auch in Ruhe lassen können. Das ist das Tolle an Urbanität. Ich gehe auf einen großen Platz mit vielen Menschen, und keiner will was von mir.

Woran liegt das?

München geht es ökonomisch sehr gut, wobei man bei allem Wohlleben nicht vergessen darf, dass es auch hier soziale Ungleichheit gibt und problematische Entwicklungen. München ist in der einzigartigen Situation in Deutschland, dass es unter seinem Erfolg leidet. Man kann das an der Mietpreisentwicklung sehen - je besser es der Stadt geht, desto schwieriger ist es für Familien mit mittleren und geringen Einkommen, an der bürgerlichen Wohnkultur der Stadt teilzuhaben.

Was macht dieses Bürgertum aus?

Bewusste Abgrenzung von Schichten und Lebensformen. Das ist etwas, was es in vielen deutschen Großstädten durchaus auch gibt, aber hier wird es womöglich stärker betont und inszeniert. Das größte Distinktionsmerkmal, das München seit dem 19. Jahrhundert auszeichnet, ist die Kunst, die München zu einer durch und durch bürgerlichen Stadt macht - auch wenn die Stadtgesellschaft heute nicht mehr von der Kunst lebt. Aber der Mythos der legendären Kunststadt lebt fort.

Aber sie debattiert fleißig über einen neuen Konzertsaal. Eine Luxusdebatte?

Eine Debatte über die Kunst ist keine Luxusdebatte, sondern eine, die man sich leisten muss. Es gibt keine Nation, die jemals auf Kunst verzichten würde - sei sie noch so arm. Kunst führt vor, dass die Welt gestaltet ist und die Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind. Sie führt aber gleichzeitig vor, dass sie unbedingt so sein müssen, da man an einem Kunstwerk ja nichts ändern darf. Dieses Paradox steht besonders für diese Stadt, und das gefällt mir sehr gut: München ist geformt und ästhetisiert.

Es heißt oft, die Konzertsaal-Debatte schließe bildungsferne Schichten aus. Ist München nicht doch zu bürgerlich?

Was heißt zu bürgerlich? Als könne man das irgendwie instrumentell verändern. Letztlich bin ich ja selber so ein Bürger: bildungsnah, relativ hohes Einkommen. Ich bevorzuge die Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. Und ich habe schon mal Bücher gelesen. Bürgerlicher geht es nicht. Das Besondere an München ist genau dieser Erfolg einer bürgerlichen Selbstinszenierung, die aber auch kulturelle Potentiale hat. Denn jenseits aller bornierten Distinktion gibt es hier eine geradezu beispielhafte Diskussion darüber, wie etwa das Kunstareal München mit seinen Pinakotheken in die Stadt hineingeholt werden kann und wie umgekehrt die Stadt, also die Menschen, ins Kunstareal geholt werden können.

Warum gelingt das bisher zu wenig?

Neben aller Borniertheit gibt es auch eine liberale Bürgerlichkeit. Die Ausgrenzung nicht-bürgerlicher Schichten aus den Museen ist die Folge der Selbstinszenierung des Bürgers, der sich in Ergriffenheit vor der Erhabenheit der Kunst wiederfand. Das ist nicht mehr zeitgemäß - und wo anders als in dieser Stadt mit ihren kulturellen Institutionen soll man das denn aufbrechen können?

Sie halten das Bild des Münchner Bürgertums hoch. Doch bei einer Debatte mit Thilo Sarrazin im Literaturhaus sind Sie Opfer dieser Bürger geworden. Es kam zu wüsten Beschimpfungen anstatt zu einer zivilisierten Diskussion. War das die Kehrseite der Bürgerlichkeit?

Dass Bürgerlichkeit stets ambivalent war, ist ja nichts Neues. Bürgerlichkeit ist auch eine Fassade. Davon gibt es hier eine ganze Menge. Interessant ist, dass in München eher die braven Bürger für Sarrazin geklatscht haben - also eine andere Trägergruppe als in anderen Städten. Das liegt vor allem daran, dass die denkwürdige Veranstaltung vom Literaturhaus veranstaltet wurde - eine bürgerlichere Institution gibt es nicht.

Und wie erklären Sie sich die Ausfälle?

Es ist interessant, dass hier vor allem diejenigen gejohlt haben, die Ausländer nur als illegal Beschäftigte im Haushalt kennen oder aus der U-Bahn, wenn das Auto mal kaputt ist. Bürgerlichkeit wird hier gespielt. Was mich am meisten aufgeregt und auch getroffen hat, war, dass es in einer bürgerlichen Veranstaltung für die bürgerliche Gesellschaft nicht möglich war, in Ruhe zu argumentieren. Das Ambivalente am Bürgerlichen ist, dass es nicht nur die Fähigkeit umfasst, mit einer gewissen Gelassenheit auf die Konflikte unserer Gesellschaft zu blicken, sondern auch Borniertheit und Selbstgerechtigkeit. Genau diese Fähigkeit zur Gelassenheit schätze ich eigentlich so an München. Manchmal ist es eben doch mehr Fassade, als man glaubt. Das zivilisatorische Eis ist manchmal brüchig.

Die LMU, an der Sie arbeiten, ist eine der wichtigsten Institutionen der Stadt. Hat sie einen Münchner Charakter oder ist sie eine Großstadt-Uni, wie sich auch in Hamburg oder Köln stehen könnte?

Die LMU ist in mancher Hinsicht sehr barock. Wie hier Hierarchien inszeniert werden, das ist völlig anders als in Norddeutschland, wo ich akademisch sozialisiert wurde. Das hängt vermutlich auch mit der konservativ-bürgerlichen Struktur der Stadt zusammen.

Können Sie Beispiele dafür nennen?

Kurz nach meiner Berufung war ich auf einem Empfang der Fakultät. Ich kannte kaum jemanden. Damit man nicht dasteht wie ein Schirmständer, geht man zuerst zu denen, die man kennt, in dem Fall zwei Studentinnen. Später nahm mich ein distinguierter Professorenkollege zur Seite: "Wir sind hier in München. Da achten wir darauf, dass man erst die Kollegen begrüßt und dann die Studenten - egal, wie gut sie aussehen." In Münster hätte es so eine Szene nicht gegeben. Dieser Satz "Wir sind hier in München" ist schon sehr charakteristisch.

Seitdem sind aber 15 Jahre vergangen.

Das ist auch nicht die Schlüsselszene der LMU - nicht dass da ein falscher Eindruck entsteht. Ich bin ein großer Fan meiner Universität. Es ist eine Volluniversität mit einer großen Offenheit der Fakultäten füreinander. Das ist eine eigene Bildungsrepublik. Die LMU ist eine sehr potente und auch eine sehr bewegliche Universität. Aber sie ist auch eine Universität in München. Und was den Umgang mit Bildungstiteln angeht, habe ich kürzlich wieder so eine Geschichte erlebt, beim Bayerischen Rundfunk.

Nämlich?

Ich war beim Radio eingeladen. Bevor es losging, sagte der Moderator: "Ich spreche Sie dann mit Herr Professor an." Ich sagte, das wäre mir unangenehm. Er hat sich dann betont erstaunt gegeben: "Na, das wollen die meisten Professoren schon, die bestehen geradezu darauf."

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