Soziologe Nassehi "München ist wie dritte Zähne"

Reiner als das Original: Soziologie-Professor Armin Nassehi über die Vorzüge von Urbanität, was das Lebensgefühl der Stadt ausmacht - und warum er München weder spießig noch überheblich findet.

Interview: Birgit Kruse und Sebastian Krass

Die meisten Menschen streben danach, sich zu vergrößern - ob beim Auto oder beim Büro. Nicht so Armin Nassehi, Soziologie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Als ein kleineres Büro im Institut in der Konradstraße in Schwabing frei wird, packt er die Kisten. Jetzt empfängt er in einem gemütlichen und ruhigen Eckbüro mit Blick ins Grüne. In dem Baum vor seinem Fenster bauen Eichhörnchen gerade ihr Nest.

Armin Nassehi ist seit 15 Jahren in München. Zuvor lebte der Soziologie-Professor in Landshut, Teheran, Gelsenkirchen und Münster.

(Foto: Catherina Hess)

Sie sind in Tübingen geboren, haben in München, Landshut, Teheran, Gelsenkirchen und Münster gelebt. Seit fast 15 Jahren sind Sie wieder in München. Was bedeutet der Begriff Heimat für Sie?

Ob München meine Heimat ist oder Münster, wo ich bisher am längsten gelebt habe, das kann ich gar nicht so sagen. Ich habe auch nie Trauer empfunden, wenn ich einen Ort verlassen habe. Ich kann mit dem Begriff Heimat ohnehin nicht so viel anfangen. Denn ich verbinde Heimat nicht mit Orten.

Sondern?

Vieles von dem, was wir mit Heimat verbinden, ist womöglich eher eine olfaktorische Frage. Die meisten Menschen verbinden mit Heimat Orte und Erinnerungen, die man nicht so konkret in Worte fassen kann. Da gehört Musik dazu, familiäre Traditionen oder das Essen.

Wie hat München früher gerochen?

Ich muss gestehen, das kann ich nicht sagen. Ich habe kaum Kindheitserinnerungen an die Stadt. Natürlich weiß ich noch, in welcher Straße wir gewohnt haben. Aber ich kann nicht sagen, was sich wie verändert hat. Das hat nichts mit München zu tun. Das geht mir mit den anderen Städten genauso. Für mich ist das aber nicht schlimm. Wo ich gelebt habe, habe ich mich wohl gefühlt. Einzige Ausnahme war Teheran, was aber eher mit familiären Dingen zu tun hatte.

Welche Rolle spielt für Sie die Schönheit der Stadt München?

München hat das große Glück, dass es hier keinen industriellen Strukturwandel gibt wie etwa im Ruhrgebiet. Hier mussten keine Industrien abgewickelt werden, und es gab nicht die Kosten, die damit verbunden sind. Gelsenkirchen zum Beispiel sieht aus wie ein schlechtes Gebiss. Da sind lauter Lücken und verrottende Trümmer, das sieht grausam aus.

Und München ist demnach ein strahlendes Gebiss.

Ja, ein bisschen wie dritte Zähne, noch reiner als das Original.

Was macht für Sie das Lebensgefühl der Stadt aus?

München ist eine wunderbare Stadt, mit einer einzigartigen Atmosphäre. Fast eine Insel der Glückseligen. Es ist unglaublich sicher, unglaublich sauber, unglaublich brav, unglaublich reich. Und in München hat sich eine interessante Mischung aus Bürgerlichem und Traditionellem in die schnelle neue Welt gerettet. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, es gibt hier zwei Städte. Das bayerische München. Und es gibt das münchnerische München, das eine edelbayerische Lebensart inszeniert.

Wozu zählen Sie sich?

Zur zweiten Kategorie, die davon profitiert, dass sie das Traditionelle gewissermaßen als Benutzeroberfläche pflegt. Ein Beispiel sind die Biergärten und der Kult, den es darum gibt. Irgendwie ist hier alles für eine Millionenstadt ein wenig dörflicher als anderswo.

Oder spießiger?

Nein, ich würde es eher bürgerlich nennen. Die Menschen haben sich bestimmte bürgerliche Strukturen bewahrt. Die Münchner sind auf eine eigene Art und Weise distanziert. Das schätze ich sehr.